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Wenn die Lust zur Krankheit wird
Panorama 3 Min. 13.05.2017 Aus unserem online-Archiv
Sexsucht

Wenn die Lust zur Krankheit wird

Sexsüchtige suchen immer wieder den ganz besonderen Kick, fühlen sich dabei aber leer - mit Nähe, Liebe und Zweisamkeit hat das nicht mehr viel zu tun.
Sexsucht

Wenn die Lust zur Krankheit wird

Sexsüchtige suchen immer wieder den ganz besonderen Kick, fühlen sich dabei aber leer - mit Nähe, Liebe und Zweisamkeit hat das nicht mehr viel zu tun.
Foto: dpa
Panorama 3 Min. 13.05.2017 Aus unserem online-Archiv
Sexsucht

Wenn die Lust zur Krankheit wird

Sexsucht ist kein harmloses Phänomen. Betroffene sollten sich Hilfe suchen - und die Ursache für ihr ausschweifendes Verhalten ergründen.

(dpa/tmn) - Alles dreht sich zunehmend nur um eins: Sex, Sex und noch mal Sex. Das Verlangen danach nimmt derart überhand, dass jede Gelegenheit genutzt wird: ausschweifende sexuelle Fantasien, die von der Arbeit abhalten, Telefonsex, der ins Geld geht oder ständig wechselnde Sexualpartner. Aber trotz allem fühlt sich der Betroffene immer weniger befriedigt. Er fühlt sich schlecht, innerlich leer - und leidet. Ungeachtet dessen sucht er weiter den ganz besonderen Kick. Womöglich ist er sexsüchtig.

Offizielle Diagnose

„Eine offizielle Diagnose Sexsucht gibt es bislang noch nicht, aber Kriterien für suchtartiges sexuelles Verhalten“, sagt Christoph Joseph Ahlers. Er ist Klinischer Sexualpsychologe in Berlin und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Sexualmedizin, Sexualtherapie und Sexualwissenschaft. Einig sind sich die Fachleute darin, ab wann sexuelles Verlangen krankhaft wird. „Das ist der Fall, wenn das eigene Verhalten zum Zwang wird und einen Leidensdruck auslöst“, erläutert der Psychologe Jannis Engel. Er ist im Arbeitsbereich für Klinische Psychologie und Sexualmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover tätig. Der Leidensdruck kann sich neben innerer Leere auch in Scham und Selbstverachtung äußern.

„Die Abhängigkeit zeigt sich darin, dass jemand längerfristig die Kontrolle über sein sexuelles Verhalten verliert und trotz negativer Konsequenzen nicht davon lassen kann“, sagt Frauke Petras, Sexualberaterin bei Pro Familia in Berlin. Der Betroffene vernachlässigt Beruf, Partnerschaft, Familie und Freunde. So kann eine bestehende Beziehung ins Wanken geraten. Mitunter riskiert der Betroffene sogar den Verlust seines Arbeitsplatzes, wenn er wegen seines exzessiven sexuellen Verhaltens seine Pflichten im Job vernachlässigt. „Es drohen Vereinsamung und Verwahrlosung“, erklärt Engel.

Wie eine Sucht

Wie viele Menschen unter Sexsucht leiden, ist nicht bekannt. Vermutet wird, dass es eher Männer als Frauen trifft. Für Betroffene hat sexuelle Betätigung die gleiche Funktion wie für Alkoholiker das Trinken von Alkohol. „Negative Gefühle sollen vergehen, positive entstehen“, erläutert Ahlers. Negativen Gefühlen wie etwa innere Leere, Halt- und Perspektivlosigkeit oder auch Langeweile wird sexuelle Erregung als positives Gefühl entgegengesetzt. Auf diese Weise würden im Körper Stoffwechselveränderungen ausgelöst, die kurzzeitig eine Stimmungsaufhellung bewirken und negative Gefühle überlagern.

Von Dauer ist das indes nicht. Aber nicht nur das. Irgendwann wird das intensive Lustgefühl, das man anfangs beim „Problemlösen mit Sex“ erlebt hat, nicht mehr erreicht. Daher werden die sexuellen Aktivitäten fortwährend wiederholt und teils auch gesteigert. Das intensive Lustgefühl bleibt indes aus. Das führt zu Frust und Dosissteigerung - und vor allem: Das zugrunde liegende Problem bleibt bestehen.

Wird auf Sex verzichtet, dann kommt es zu regelrechten Entzugserscheinungen mit Nervosität, Depressivität und Aggressivität. „Bloße Sex-Abstinenz ist keine ursachenbezogene Lösung des Problems“, erklärt Ahlers: „Es ist wie ein Furunkel, den man überschminkt, statt die Entzündung zu bekämpfen.“ Professionelle Hilfe suchen sich Betroffene oft erst dann, wenn der Leidensdruck nicht mehr auszuhalten ist.

Ahlers sagt, dass die Behandlung eines Sexsüchtigen immer vom Einzelfall abhängt. „Bei einer Therapie muss ausgelotet werden, welches konkretes Problem mit dem exzessiven sexuellen Verhalten überlagert werden soll“, erklärt der Sexualpsychologe. Vielleicht fühlt sich der Betroffene benachteiligt oder nicht wertgeschätzt, vielleicht ist er arbeitslos und depressiv. Eine Psychotherapie kann dann helfen, dem Betroffenen eine neue Lebensperspektive aufzuzeigen.

Der Betroffene soll über die Therapie die Kontrolle über sein sexuelles Verhalten erlangen. Liegt die Ursache für die Sucht darin, dass der Betroffene nicht die Nähe eines festen Partners oder einer festen Partnerin zulassen kann, dann können mitunter sogenannte Intimitätstrainings helfen. Grundsätzlich gilt: Im Gegensatz zu einer Alkohol- oder Drogensucht geht es bei der Sexsucht jedoch nicht darum, dass der Betroffene abstinent wird.


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