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Wenn der Alltag krank macht
Umwelteinflüssen wie Tabakrauch oder Zusätzen in Plastikspielzeug ausgesetzt zu sein, kann bei Kleinkindern gravierende Folgeschäden hervorrufen.

Wenn der Alltag krank macht

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Umwelteinflüssen wie Tabakrauch oder Zusätzen in Plastikspielzeug ausgesetzt zu sein, kann bei Kleinkindern gravierende Folgeschäden hervorrufen.
Panorama 4 Min. 20.09.2018

Wenn der Alltag krank macht

Wie schädlich sind Handystrahlung, Mikroplastik und Verkehrslärm für das ungeborene Leben? Diese und weitere Fragen werden auf der 17. Jahrestagung für Klinische Umweltmedizin beantwortet.

Interview: Birgit Pfaus-Ravida

Eckart Schnakenberg von der European Academy for Clinical Environmental Medicine erklärt im Gespräch mit dem "Luxemburger Wort" die Eckpunkte.

Eckart Schnakenberg, gibt es einen Vortrag, den Sie herauspicken würden?

Eines der Highlights der Tagung wird der Beitrag von Peter Spork sein. Er ist Naturwissenschaftler und einer der führenden deutschen Wissenschaftsautoren, der die Epigenetik populär machte. Peter Spork formuliert, dass mit dem Verständnis der Epigenetik unsere Gesundheit bereits vor unseren Großeltern begonnen hat und bei unseren Enkeln nicht endet.

Inwiefern hat die Gesundheit der Großeltern konkrete Auswirkungen auf die Enkel?  

Wir wissen zum einen aus der Genetik, dass Krankheiten familiär bedingt gehäuft auftreten können – wie etwa Krebs oder Parkinson und Alzheimer, die bereits bei den Urgroß-, Großeltern und Eltern, unabhängig von deren Lebensweise, aufgetreten sind. Somit haben Kinder und Enkelkinder ein ähnliches Risiko. Insbesondere seit der Entdeckung der Epigenetik wissen wir, dass die Lebensweise und Ernährung auch Einfluss auf unsere Gesundheit haben. Beispielsweise erkranken Kinder von Müttern, deren Mütter im Zweiten Weltkrieg unter einer Hungersnot während ihrer Schwangerschaft litten, heute immer noch häufiger an Krankheiten wie Krebs und Diabetes. Das ist darauf zurückzuführen, dass wichtige Nahrungsbausteine wie Folsäure oder B-Vitamine während der Schwangerschaft in-utero gefehlt haben und sich die "Programmierung" der fetalen Entwicklung, bis heute nachweisbar in den Folgegenerationen, geändert hat. Insofern hat die Lebensweise der Großeltern Auswirkungen auf die Gesundheit der Enkel.

Wie gefährlich und allgegenwärtig ist Mikroplastik, auch außerhalb der Weltmeere?

Mikroplastik gelangt über die Nahrungskette in den menschlichen Organismus. Ähnlich wie Seefische Schwermetalle in erhöhten Konzentrationen aufweisen können, kann Mikroplastik über Fische den Menschen erreichen. Allerdings ist es bei ihm nur schwer nachweisbar.  Darüber hinaus werden Kunststoffe bei der Herstellung von Kosmetika den Produkten zugesetzt und gelangen über die Abwässer in die Umwelt. Kleinkinder sind vielleicht im ersten Lebensjahr noch etwas besser geschützt, wenn sie Muttermilch und Brei aus Gläschen bekommen – solange keine bisphenolhaltigen Fläschchen oder Spielzeuge verwendet werden.  Weder Kinder noch Erwachsene sind aber wirklich gut geschützt, da es beim Zusatz von Kunststoffen in Kosmetika keine transparente Kennzeichnungspflicht gibt. Kunststoffe können eine hormonähnliche Wirkung haben, da der Körper nicht zwischen Hormonen und Kunststoffmolekülen unterscheiden kann.

Wie sieht es mit dem Thema „Rauchen und Trinken in der Schwangerschaft“ aus?

Alkohol trinken während der Schwangerschaft ist ein gravierendes Problem. Schon geringe regelmäßige Alkoholmengen erhöhen das Fehlbildungsrisiko. Rauchen löst zwar keine Fehlbildungen aus, macht das Kind in-utero aber ebenfalls abhängig, mit den entsprechenden Entzugserscheinungen nach der Geburt wie Entwicklungsverzögerungen oder Atemdepressionen. Glücklicherweise findet in der Regel eine gute Aufklärung statt, sodass dieses Problem nicht mehr die Häufigkeit hat wie früher.

Und wie geht es nach den Schwangerschaften weiter mit der Gefährdung, wenn die Mütter oder beide Elternteile rauchen und trinken? 

Wenn Mütter oder die Eltern viel rauchen und trinken nach der Schwangerschaft, vermischt sich dies oft mit anderen, persönlichen Problemen. Alkohol und Rauchen während der Stillzeit führt am ehesten zu Entwicklungs- und Lernverzögerungen.

Wie gefährdet sind kleine Kinder und Säuglinge durch Mobilfunkstrahlung, wenn die Eltern in ihrer Nähe telefonieren, mit den Kindern Filme anschauen oder Textnachrichten schreiben? Gibt es Studien, die eine Gefährdung durch Mobilfunkstrahlung bestätigen?

Mir sind keine solchen Studien bekannt. Das Problem wird sich gegebenenfalls entwickeln, wenn die neue Generation von Mobilfunkstrahlung 5 G eingeführt wird. Man kann aber schon bei der jetzigen 4 G-Situation davon ausgehen, dass die Risikoerhöhung für Tumorerkrankungen des Kopfes bei Vielnutzern erhöht ist, insbesondere beim Telefonieren aus schlechten Empfangsgebieten, da die Handystrahlung sich dann erhöht, und auch in einem faradayschen Käfig, wie beispielsweise ein Auto. Dies betrifft sowohl Kinder als auch Erwachsene.

Welche sind die Langzeitfolgen der Belastung durch Mobilfunkstrahlung?

Chronische Entzündungen aller Art, etwa neurodegenerative Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson sowie Krebskrankheiten.  Entscheidend ist jedoch, dass die Belastung des Menschen sich nicht auf Mobilfunkstrahlung reduzieren lässt. Es ist die Summe der vielen kleinen Belastungen, mit denen sich die Kollegen der Klinischen Umweltmedizin schon lange bei den Patienten auseinandersetzen.

Welche sind das?

Dazu zählen vor allem Metalle, die in der Nahrung und im Mund in Form von Quecksilber aus Zahnamalgam vorkommen, Feinstaub wie Stickoxide aus Dieselabgasen, Benzol von Treibstoff und Fracking, Schimmelpilze in Wohnräumen, Organophosphate wie Pestizide, Insektizide und Pflanzenschutzmittel, darunter Glyphosat, bei dem eine tumorerzeugende Wirkung vermutet wird, Nitrit- und Nitratanreicherungen, die durch intensive Landwirtschaft in Boden und Wasser gelangen oder radioaktive Belastungen aus Havarien. Jeder Schadstoff für sich löst auf zellulärer Ebene einen sogenannten oxidativen Stress aus, insbesondere dann, wenn ein Mensch genetisch bedingt schlecht ausscheidet. Es ist die Summe der einzelnen kleinen Effekte, die sich häufen und das „Fass zum Überlaufen“ bringen. Diesen Herausforderungen auf diagnostischer und therapeutischer Ebene stellt sich die Klinische Umweltmedizin seit vielen Jahren. Diese Tagung soll den Interessierten dazu mehr Informationen an die Hand geben.


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