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„Welttag der Meere“ am 8. Juni: Plastik statt Fische: Ozeane sind bedroht
Panorama 6 Min. 08.06.2017 Aus unserem online-Archiv

„Welttag der Meere“ am 8. Juni: Plastik statt Fische: Ozeane sind bedroht

 Die Korallenriffe vor dem Toau Atoll in Französisch-Polynesien sind wie viele Ökosysteme unter Wasser durch die Verschmutzung und Erwärmung der Meere gefährdet.

„Welttag der Meere“ am 8. Juni: Plastik statt Fische: Ozeane sind bedroht

Die Korallenriffe vor dem Toau Atoll in Französisch-Polynesien sind wie viele Ökosysteme unter Wasser durch die Verschmutzung und Erwärmung der Meere gefährdet.
Foto: AFP
Panorama 6 Min. 08.06.2017 Aus unserem online-Archiv

„Welttag der Meere“ am 8. Juni: Plastik statt Fische: Ozeane sind bedroht

Nicole WERKMEISTER
Nicole WERKMEISTER
Zwei Drittel der Erdoberfläche werden von Ozeanen bedeckt. Sie sind Grundlage des Lebens auf der Erde. Aber das Ökosystem der Meere ist gefährdet: Verschmutzung, Überfischung und letztlich auch der Klimawandel bedrohen die Natur – einschließlich des Menschen.

von Gerd Braune (Ottawa)

„Wir sprechen vom Atlantischen Ozean, vom Pazifischen und Arktischen Ozean, vom Indischen und Antarktischen Ozean, aber eigentlich gibt es nur ein Weltmeer. Alle Ozeane sind miteinander verbunden“, sagt Boris Worm. Der aus Deutschland stammende Meeresökologe ist seit mehr als zehn Jahren als Professor an der Dalhousie-Universität in Halifax tätig und Mitglied des „Ocean Frontier Institute“, eines universitären Forschungsverbundes, der zum besseren Verständnis der Meere beitragen soll. „Der ganze Weltozean ist von dramatischen Veränderungen betroffen. Wir alle müssen uns für den Schutz dieses Weltmeeres einsetzen“, so Boris Worm.

Im Jahr 2008 erklärte die Generalversammlung der Vereinten Nationen den 8. Juni zum „Welttag der Meere“ („World Oceans Day“). Dieser Tag soll deutlich machen, welchen Nutzen die Menschheit aus den Ozeanen zieht, welche Bedeutung sie für das Leben auf diesem Planeten haben, aber auch an „die individuelle und kollektive Pflicht erinnern, mit den Ozeanen nachhaltig umzugehen“, damit diese auch die Bedürfnisse künftiger Generationen befriedigen können. In diesem Jahr steht der Welttag unter dem Motto „Unsere Ozeane, unsere Zukunft“.

Der Mensch bedient sich

Die Meere haben die Menschheit von Anbeginn fasziniert. Über sie segelten Entdecker, Kaufleute, Abenteurer und Forscher zu neuen Ufern. Dennoch sind bis heute viele Fragen offen. „Wir wissen so vieles noch nicht“, erklärt Boris Worm.

Aber das Suchen nach Erkenntnissen geht einher mit den starken Veränderungen, denen die Ozeane durch menschliche Aktivitäten ausgesetzt sind. Fischfang, der über Jahrtausende in Küstenregionen und an Flussmündungen stattfand, wird nun weltweit und bis in die Tiefsee betrieben, wo Schleppnetze nicht nur die am Meeresgrund lebenden Fische fangen, sondern Korallen und Schwämme beeinträchtigen oder zerstören. Aquakulturen an den Küsten expandieren, ebenso die Schifffahrt sowie die Gas- und Ölförderung mit den damit verbundenen Gefahren für die Umwelt. Die Biotechnologie interessiert sich für den Ozean, und begierig blicken viele auf die im Meeresboden lagernden Rohstoffe für Tiefseebergbau.

Klimaanlage der Welt

„Der Ozean ist unverzichtbar für Leben auf der Erde“, stellt das in den USA ansässige „International Programme on the State of the Ocean/IPSO“ fest. Denn der Ozean liefert Lebensmittel für mehr als drei Milliarden Menschen, er erzeugt etwa die Hälfte des Sauerstoffs, den die Lebewesen verbrauchen, und er absorbiert etwa ein Viertel der von Menschen verursachten Kohlendioxidemissionen, machen IPSO und der Weltklimarat (Intergovernmental Panel on Climate Change/IPCC) deutlich. IPSO mahnt, dass die traditionellen Ressourcen an Land angesichts des möglichen Anstiegs der Weltbevölkerung auf zwölf Milliarden Menschen bis 2100 nicht ausreichen werden, um die Nachfrage nach Ressourcen zu decken. Dies werde den Druck auf die Ozeane verstärken – und das in Zeiten, in denen der Ozean Belastungen durch Klimawandel, der zu Erwärmung und Versauerung führt, die wachsende globale Nachfrage nach Fisch und Verschmutzung ausgesetzt ist.

Das Eis in der Arktis schmilzt – und das sensible Ökosystem droht aus den Fugen zu geraten.
Das Eis in der Arktis schmilzt – und das sensible Ökosystem droht aus den Fugen zu geraten.
Foto: AFP

Dem Ozean als größtes Ökosystem der Erde widmet der Weltklimarat in seinem fünften Bericht von 2014 viel Raum. Professor Hans-Otto Pörtner vom Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven (AWI) stellt als einer der koordinierenden Autoren fest: „Die Ozeane sind unerlässlich für den Wärmehaushalt des Globus und die Regulation des Klimasystems. Sie nehmen über 90 Prozent der Wärme auf, die sich derzeit auf der Erde anstaut. Dadurch gleichen sie die Temperaturen in der Atmosphäre aus und stabilisieren das Klima. Durch die Meeresströmungen transportieren sie diese Wärme und beeinflussen so die Klimaprozesse auf den Kontinenten.“

Kein Sauerstoff, kein Leben

Der Klimawandel, so berichtet das IPCC, verändert die physikalischen, chemischen und biologischen Prozesse im Meer. Diese Änderungen betreffen Salzgehalt, Wasserzirkulation, Temperatur, Kohlendioxid- und Sauerstoffgehalt, Nährstoffe und Licht. Dies wiederum wirkt sich auf die Lebewesen im Ozean und die Zusammensetzung und Verbreitung von Ökosystemen aus. Fischbestände verlagern ihren Lebensraum. Forscher beobachten Wanderungsbewegungen in Richtung der Pole hin zu vormals kühleren Gewässern. Der Artenreichtum in mittleren und höheren Breiten wird vermutlich zunehmen, während er in tropischen Gewässern abnehmen könnte. Dies könnte die Nahrungssicherheit für Menschen vor allem in Entwicklungsländern beeinträchtigen, meint das IPCC.

Kohlendioxid gehört zu den Haupttreibern des Klimawandels, und Ozeane nehmen einen Großteil des von Menschen produzierten CO2 auf. Wissenschaftler stellen einen Trend zur Erwärmung in vielen marinen Ökosystemen fest, vor allem in der oberen Wasserschicht. Ein geringerer Austausch an Gasen und Nährstoffen zwischen den Wasserschichten und die Bildung von Zonen mit Sauerstoffmangel können die Folgen sein. „Diese Sauerstoffmangelzonen in mittleren Meerestiefen sind in niedrigen Breiten schon immer natürlicher Bestandteil der Meere gewesen, breiten sich aber mit zunehmender Erwärmung aus. Hinzu kommen zunehmend Sauerstoffmangelzonen an den Küsten. Erwärmung und Nährstoffeintrag durch den Menschen sind hier auslösende Faktoren“, meint Pörtner. Ein weiteres wachsendes Phänomen, das mit Sorge beobachtet wird, sind „Totzonen“ (dead zones), in denen der Sauerstoffgehalt im Wasser für die Lebewesen im Wasser nicht mehr ausreicht.

Übersäuerung und Überfi

schung

Je mehr Kohlendioxid in die Meere eindringt, desto mehr Kohlensäure bildet sich, der pH-Wert des Wassers sinkt. Der Ozean „versauert“. Organismen mit Kalkschalen und Skeletten – wie Korallen und Muscheln – leiden darunter besonders. Korallenriffe verschwinden, Fischbestände verändern sich. Als „bösen Zwilling der Klimaerwärmung“ beschreiben Wissenschaftler des AWI deshalb die Ozeanversauerung.

Die Überfischung der Ozeane ist einer der Forschungsschwerpunkte von Boris Worm. Seit Jahren macht der Meeresökologe darauf aufmerksam, dass durch Klimaveränderungen, Verschmutzung der Meere und Überfischung zahlreiche Bestände an Fischarten und Schalentieren zusammenbrechen können und warnt: „Indem wir Arten verlieren, verlieren wir die Produktivität und Stabilität des ganzen Ökosystems.“ Mit besonderer Sorge verfolgt der Experte den Verlust großer Fische und Raubfische. Das Risiko, ausgerottet zu werden, sei bei großen und langsam wachsenden Tieren wie Meeressäugetieren, Schildkröten, Haien und Rochen am größten. Ein sorgfältiges Management von Fischbeständen und Fischereimethoden, die Beifang vermeiden und die Tiefsee nicht zerstören, sowie die Einrichtung von Meeresschutzgebieten seien wichtig, um die Bestände langfristig zu erhalten: „Wenn wir feststellen, dass sich die Produktivität verändert, also die Fischbestände kleiner werden, müssen wir schnell die Fangquoten ändern.“

8 Millionen Tonnen Plastik im Jahr

In den Blickpunkt der Umweltdebatte ist in jüngster Zeit die Verschmutzung der Meere mit Plastikmüll gerückt. Daher hat die UN dieses Thema in den Mittelpunkt des „Welttags der Meere“ gerückt. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen UNEP hat sogar den „Krieg gegen Ozean-Plastik“ ausgerufen. Eine Ende Februar gestartete weltweite Kampagne soll bis 2022 die wichtigsten Quellen von Meeresmüll beseitigen: Mikroplastik in Kosmetika und den verschwenderischen Verbrauch von Plastik, das nur einmal verwendet wird.

„Es ist höchste Zeit, dass wir das Plastikproblem angehen, das unsere Ozeane verschandelt“, sagt UNEP-Chef Erik Solheim. „Plastikmüll landet an den Stränden Indonesiens, lagert sich am Meeresboden am Nordpol ab, und gelangt durch die Nahrungskette bis auf unsere Teller. Wir haben zu lange zugesehen, während das Problem schlimmer wurde. Es muss beendet werden.“

Erste Versuche zur Bergung des Plastikmülls in den Weltmeeren unternimmt das Projekt „Ocean Cleanup“, das nach einer einjährigen Testphase 2018 Müllsammelschiffe in den Pazifik entsendet, die den schwimmenden Unrat von der Wasseroberfläche fischen
Erste Versuche zur Bergung des Plastikmülls in den Weltmeeren unternimmt das Projekt „Ocean Cleanup“, das nach einer einjährigen Testphase 2018 Müllsammelschiffe in den Pazifik entsendet, die den schwimmenden Unrat von der Wasseroberfläche fischen
Foto: Ocean Cleanup

Nach UN-Angaben landen jährlich mehr als acht Millionen Tonnen Plastik in den Ozeanen und verursachen Schäden an marinen Ökosystemen in Höhe von acht Milliarden Dollar. Bis zu 80 Prozent des gesamten Mülls in den Ozeanen besteht aus Plastik. „Wenn wir die Verschmutzung der Meere durch Plastik im bisherigen Maße fortsetzen, dann werden die Ozeane im Jahr 2050 mehr Plastik als Fisch haben und schätzungsweise 99 Prozent der Meeresvögel werden Plastik geschluckt haben“, so das UNEP.

Zeit für die Wende

„Wir haben vor Jahren die Verwendung von Pestiziden wie DDT gestoppt, die die Vögel bedroht haben. Wir sind an einem ähnlichen Wendepunkt“, sagt Boris Worm. Hunderte Arten sind laut der letzten veröffentlichten Zählungen durch Plastik und Mikrofasern, die sich im Gewebe von Fischen und Meeressäugetieren festsetzen, bedroht. Weltweit wird in jedem Jahr so viel Plastik produziert wie das Gewicht aller Menschen zusammen – über 300 Millionen Tonnen, Tendenz steigend.

„Die Botschaft an diesem Welttag der Meere muss lauten: Jeder einzelne muss helfen, diese Verschmutzungskrise zu beenden – die Produzenten, der Vertrieb, die Entscheidungsträger in der Politik und die Verbraucher. Wir müssen die Plastikflut in unseren Ozeanen stoppen.“







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