Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Weit weg und doch zuhause

Weit weg und doch zuhause

Panorama 7 Min. 12.05.2018

Weit weg und doch zuhause

Michael JUCHMES
Michael JUCHMES
In kaum einem Land Europas leben, zumindest prozentual gesehen, so viele Menschen aus dem Ausland wie in Luxemburg. Viele hat es aus rein beruflichen Gründen hierher verschlagen – so wie die Mitarbeiter des Verlagshauses Saint-Paul, die von ihren Erlebnissen berichten.

Die Zahlen sprechen für sich: 602 000 Menschen leben im Großherzogtum. 48 Prozent davon – rund 289 000 – besitzen nicht die luxemburgische Staatsbürgerschaft. Portugiesen, die seit vielen Jahrzehnten zwischen Mosel und Ardennen eine Heimat gefunden haben, stellen mit 16 Prozent die größte Gruppe dar, gefolgt von Franzosen, Italienern, Belgiern und Deutschen. 7,8 Prozent der Einwohner – das sind in etwa 47 000 Menschen – stammen aus den übrigen EU-Staaten.

Ein Großteil der Menschen aus dem EU-Raum, die Luxemburg als ihre neue Heimat nennen, sind aus beruflichen Gründen ins Land gezogen. EU-Institutionen (Parlament, Kommission, Gerichtshof, Rechnungshof) und das Finanzgewerbe locken Arbeitnehmer mit interessanten Jobangeboten und überdurchschnittlich hohen Gehältern an. Alleine rund 2 300 Menschen sind etwa beim EU-Parlament in Kirchberg beschäftigt. Die sogenannten „Expats“ sorgen schlussendlich auch dafür, dass statistisch gesehen in der Altersgruppe der 30- bis 49-Jährigen die Nicht-Luxemburger die Nase vorn haben.

Natürlich haben auch außerhalb der eben genannten Bereiche viele ausländischen Arbeitskräfte ihren Platz gefunden – so etwa im Verlagshaus Saint-Paul, wo neben den Luxemburgern, die nach wie vor die größte Gruppe unter den Arbeitnehmern stellen, nicht nur viele Menschen aus dem Grenzgebiet arbeiten, sondern auch einige – vor allem Journalisten –, die es aus der Ferne in die Redaktionsräume nach Gasperich gezogen hat. Für sie war das Großherzogtum bei ihrer Ankunft noch unentdecktes Terrain – und voller Überraschungen. Was genau gefiel oder verwunderte, berichten sie in diesem Artikel.

"Der Pfaffenthal-Lift ist wirklich super!"

Seit fünf Jahren nennt Heledd Pritchard das Großherzogtum ihr Zuhause. Die 32-Jährige ist Redakteurin für das englischsprachige Nachrichtenportal "Luxembourg Times" und stammt ursprünglich aus Anglesey in Wales.
Seit fünf Jahren nennt Heledd Pritchard das Großherzogtum ihr Zuhause. Die 32-Jährige ist Redakteurin für das englischsprachige Nachrichtenportal "Luxembourg Times" und stammt ursprünglich aus Anglesey in Wales.
Foto: Guy Wolff

Was gefällt Ihnen besonders an Ihrer neuen Heimat Luxemburg?

Was ich toll finde, ist, dass man Menschen aus der ganzen Welt kennenlernt. Viele der Expats haben wie ich auch keine Familie in Luxemburg. Daher denke ich, dass die Bindungen zueinander enger sind als in anderen Städten. Als Lieblingsort oder -sehenswürdigkeit würde ich wohl – auch wenn es etwas langweilig klingt – den Pfaffenthal-Lift nennen. Der ist wirklich super! Den zeige ich auch allen, die mich besuchen kommen.

Gibt es auch etwas, das Sie hier vermissen?

Ja, mir fehlt das Meer. Ich vermisse es, einfach das Wasser zu sehen und die Möglichkeit zu haben, mich dort an einem freien Tag aufzuhalten. Das ist wohl so, wenn man mit dem Meer aufwächst und es tagtäglich vor Augen hat.

Gab es etwas, das Sie am Leben in Luxemburg überrascht hat?

Oh ja, einiges. Zunächst einmal war ich verwundert, dass hier so wenige Leute im Bus zahlen. (lacht) Hier gibt es halt ein anderes Zahlungssystem – und auch wenige Kontrollen. Positiv überrascht war ich vom Recycling und den entsprechend strengen Regeln. Bei uns in Wales wirft man einfach alles in eine Tonne. Außerdem die kurzen Öffnungszeiten der Supermärkte und – last but not least – die Ärzte. Man bekommt innerhalb weniger Tage einen Termin, wenn man einen braucht. Und falls dein Hausarzt keine Zeit hat, kannst du einfach zu einem anderen gehen. Das ging in Wales leider nicht ...

"Zu jeder Gelegenheit Crémant – kein Problem!"

Nicole Werkmeister, Lifestyle-Redakteurin beim "Luxemburger Wort", lebt seit rund vier Jahren in Luxemburg. Die 47-Jährige stammt ursprünglich aus Bayern.
Nicole Werkmeister, Lifestyle-Redakteurin beim "Luxemburger Wort", lebt seit rund vier Jahren in Luxemburg. Die 47-Jährige stammt ursprünglich aus Bayern.
Foto: Sébastien Héraud

Was gefällt Ihnen besonders an Ihrer neuen Heimat Luxemburg?

Ich mag die kulturelle Nähe zu Frankreich, ganz besonders in kulinarischer Hinsicht. Ich liebe die Patisserien mit ihren kleinen essbaren Kunstwerken. In Deutschland geht es in Sachen Gebäck ja eher etwas gröber zu. Zudem bewundere ich die sprachliche und kulturelle Vielfalt im Land. Leider kam in meiner schulischen Laufbahn Französisch völlig zu kurz. Ich verstehe mittlerweile aber immer mehr. Das gilt auch fürs Luxemburgische, über dessen "false friends" ich anfangs gestolpert bin. Etwa, als ich – meinem Verständnis nach – gefragt wurde, ob ich mir im Büro schon "ein Schaf" ausgesucht hätte.

Gibt es auch etwas, das Sie hier vermissen?

Ich vermisse natürlich meine Familie und Freunde in der alten Heimat. Und die kleinen Boutiquen, die es dort noch gibt. Für die Marken in der Grousgaass fehlt mir leider noch das Budget (lacht) – und das Angebot der Modeketten ist mir einfach zu eintönig.

Gab es etwas, das Sie am Leben in Luxemburg überrascht hat?

An einen echten Kulturschock kann ich mich eigentlich nicht erinnern. Es sind eher die kleinen Dinge, von denen man ausgeht, dass sie so sind, wie man es kennt. Begrüßung: Nein, nicht die Hand hinstrecken, Küsschen geben – und gleich drei. Kann man aber lernen. Zu jeder Gelegenheit Crémant trinken – auch kein Problem! Was mich anfangs überrascht hat, war die Selbstverständlichkeit, ein Haus zu besitzen – aber auch das hat sich bereits etwas relativiert.

"Ich vermisse eine gute Hot Sauce."

Jim Robinson, Chefredakteur von "Luxembourg Times", stammt ursprünglich aus den Vereinigten Staaten. Der 47-jährige Wirtschaftsjournalist kam mit seiner Familie vor rund anderthalb Jahren nach Luxemburg. Zuvor lebte er 15 Jahre in London.
Jim Robinson, Chefredakteur von "Luxembourg Times", stammt ursprünglich aus den Vereinigten Staaten. Der 47-jährige Wirtschaftsjournalist kam mit seiner Familie vor rund anderthalb Jahren nach Luxemburg. Zuvor lebte er 15 Jahre in London.
Foto: Guy Wolff

Was gefällt Ihnen besonders an Ihrer neuen Heimat Luxemburg?

Da gibt es einiges. Ich mag in der Hauptstadt vor allem die Altstadt und den Grund. Wenn ich dort unterwegs bin, entdecke ich immer wieder neue Straßen. Das ist großartig. Und natürlich gefällt es mir, das wir hier mitten im Zentrum Europas leben.

Gibt es auch etwas, was Sie hier vermissen?

Das Einzige, was mir wirklich fehlt, ist eine gute Hot Sauce, eine wirklich scharfe Soße, die zu wirklich jedem Gericht passt. Die gibt es hier einfach nicht. Meine Lieblingsmarke kann ich aus Jugendschutztechnischen Gründen leider nicht nennen. (lacht) Falls also jemand diese Zeilen liest und weiß, wo man sowas bekommt, soll er sich melden. Ein Hot-Sauce-Laden wäre in Luxemburg garantiert sehr erfolgreich – und beliebt unter uns Amerikanern.

Gab es etwas, das Sie am Leben in Luxemburg überrascht hat?

Zunächst mal, dass man sein Mittagessen – auch am Wochenende – immer vor 14 Uhr einnehmen muss, bevor die Restaurants schließen. Ich bin eigentlich daran gewöhnt, dass man überall rund um die Uhr essen kann ... nämlich dann, wenn man auch Hunger hat. Und was mich immer noch überrascht, ist, dass im Radio Songs gespielt werden, in denen seltsame englische Wörter verwendet werden. Oder im Supermarkt, wenn man einkauft und dann läuft Gangsterrap mit explizitem Inhalt.

"Ich fühle mich wie in Portugal."

Für Paula Cravina de Sousa, Redakteurin beim portugiesischsprachigen Wochenmagazin "Contacto" und dem Radiosender "Radio Latina", ist der häufig fallende Begriff "Expat" nur ein Euphemismus. Die 37-jährige Portugiesin bezeichnet sich selbst als eine "migrante économique", die es vor allem aus finanziellen Gründen hierher verschlagen hat. Die Gehälter in Luxemburg sind wesentlich höher als in ihrer Heimatstadt Lissabon.
Für Paula Cravina de Sousa, Redakteurin beim portugiesischsprachigen Wochenmagazin "Contacto" und dem Radiosender "Radio Latina", ist der häufig fallende Begriff "Expat" nur ein Euphemismus. Die 37-jährige Portugiesin bezeichnet sich selbst als eine "migrante économique", die es vor allem aus finanziellen Gründen hierher verschlagen hat. Die Gehälter in Luxemburg sind wesentlich höher als in ihrer Heimatstadt Lissabon.
Foto: Lex Kleren

Was gefällt Ihnen besonders an Ihrer neuen Heimat Luxemburg?

Ich lebe in Luxemburg-Stadt – und hier ist es recht übersichtlich. Alles ist schnell erreichbar und man verliert kaum Zeit, um von einem Ort zum anderen zu kommen. Ganz anders als in Lissabon, wo ich vorher gelebt habe. Außerdem kann ich hier viel draußen unternehmen, denn es gibt jede Menge Grünflächen. Und natürlich das internationale Flair. Man lernt schnell Leute aus der ganzen Welt kennen und hört ständig fremde Sprachen.

Gibt es auch etwas, was Sie hier vermissen?

Mir fehlen meine Freunde, meine Familie und natürlich Lissabon. Die Stadt ist viel größer, sehr kosmopolitisch und lebendig. Luxemburg hat diesbezüglich noch ein wenig nachzuholen. (lacht)

Gab es etwas, das Sie am Leben in Luxemburg überrascht hat?

Eigentlich nicht, denn die portugiesischsprachige Gemeinschaft ist in Luxemburg nicht nur äußerst groß, sondern auch sehr präsent. Ich fühle mich wie in Portugal – ohne wirklich in Portugal zu sein. Das Einzige, was ich etwas seltsam finde, sind die Arbeitszeiten. Es scheint, also würden die Leute überall im Land deutlich weniger Überstunden machen als in Portugal – aber vielleicht kommt das auch nur mir so vor. (lacht)

"Mich hat einfach jeder auf der Straße gegrüßt."

Roxana Mironescu stammt ursprünglich aus Rumänien. Vor ihrem Umzug nach Luxemburg lebte die 29-jährige "Luxembourg Times"-Journalistin vier Jahre in Schottland.
Roxana Mironescu stammt ursprünglich aus Rumänien. Vor ihrem Umzug nach Luxemburg lebte die 29-jährige "Luxembourg Times"-Journalistin vier Jahre in Schottland.
Foto: LW

Was gefällt Ihnen besonders an Ihrer neuen Heimat Luxemburg?

Es klingt wie ein Klischee, aber es ist natürlich dieser Multikulti-Mix, vor allem Luxemburg-Stadt ist so international. Aber auch insgesamt sagt mir das Land zu, vor allem die Moselregion. Falls ich jemals aus der Stadt ziehen sollte, werde ich mir irgendwas zwischen Sandweiler und Remich suchen. Über das luxemburgische Essen kann ich leider nur wenig sagen, denn bisher habe ich kaum hiesige Spezialitäten probieren können.

Gibt es auch etwas, was Sie hier vermissen?

Im Grunde vermisse ich nur meine Familie und den Ort, an dem ich aufgewachsen bin, wo ich mich immer zuhause fühle. Und natürlich das gute Essen, das meine Mutter immer macht. Wenn man die Landschaft betrachtet, gibt es kaum Unterschiede zwischen Rumänien und Luxemburg. Ich komme aus einem eher gebirgigen Gebiet, wo es auch sehr "grün" ist.

Gab es etwas, das Sie am Leben in Luxemburg überrascht hat?

Da ich vorher bereits in Schottland gelebt habe, hat mich eigentlich wenig schockiert – schließlich kam ich ja bereits als Expat hierher. Nur das mit den Sprachen war ein wenig verwirrend. Wenn man im Bus den Fahrer in einer Sprache anspricht, antwortet er in einer anderen. Eine echt positive Überraschung waren die Leute in Bonneweg, dem Stadtteil, in dem ich zuerst gewohnt habe. Dort hat mich einfach jeder auf der Straße gegrüßt – selbst wenn er mich nicht kannte. Das hat mir eine Art von Gemeinschaftsgefühl vermittelt.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Mike McQuaide: Dieser Auf-und-Ab-„Hoya-hiya-uge-hoya“-Klang
Als Mike McQuaide im Jahr 2013 ins Großherzogtum zog, konnte er nicht ahnen, dass er als „An American in Luxembourg“ landesweite Bekanntheit erlangen sollte. Nun hat der US-Journalist seine launigen Anekdoten rund um sein Leben als Expat in einem Buch zusammengefasst.
 Mike McQuaide genießt es in der Hauptstadt zu sein .
Wenn die neue Heimat krank macht: Die Entwurzelten
Sie kommen hoffnungsvoll für die Arbeit nach Luxemburg und fallen dann in ein tiefes Loch. Fern der Heimat, fern von Familie und Freunden merken sie, wie schwierig es sein kann, sich in einem fremden Land wohlzufühlen. Es gibt aber ein paar Dinge, die helfen.
Auch ein guter Job alleine reicht manchmal nicht aus, um glücklich zu sein.
Lebenskosten: Luxemburg an 21. Stelle
Ein Expat-Ranking vergleicht Lebenskosten von rund 200 Städten weltweit. Es wird auch deutlich, was in Luxemburg besonders teuer und was verhältnismäßig günstig ist.
Der hauptstädtische Pont Adolphe.