Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Was Isolation mit uns macht
Panorama 5 Min. 27.03.2020

Was Isolation mit uns macht

Isolation bringt Schwierigkeiten mit sich: Ist man alleine und kann den gewohnten sozialen Kontakten nicht nachgehen, beginnen die Gedanken nicht selten zu kreisen.

Was Isolation mit uns macht

Isolation bringt Schwierigkeiten mit sich: Ist man alleine und kann den gewohnten sozialen Kontakten nicht nachgehen, beginnen die Gedanken nicht selten zu kreisen.
Foto: Shutterstock
Panorama 5 Min. 27.03.2020

Was Isolation mit uns macht

Sarah SCHÖTT
Sarah SCHÖTT
Der Psychologe und Universitätsprofessor Claus Vögele erklärt, welche Auswirkungen die Isolation auf unser Wohlbefinden hat und wie wir am besten mit der aktuellen Situation umgehen können.

Claus Vögele ist Professor für Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie an der Universität Luxemburg. Er ist Psychotherapeut und forscht zu krankmachenden und gesunderhaltenden Faktoren psychischer Gesundheit sowie den psychologischen Möglichkeiten, diese wiederherzustellen. Mit dem "Luxemburger Wort" hat er über den Einfluss der Isolation auf das seelische Wohlbefinden gesprochen.

Claus Vögele, warum fällt es uns so schwer, zu Hause zu bleiben? 

Unter den gegebenen Umständen zu Hause zu bleiben, unterbricht die Alltagsroutinen, die wir uns aufgebaut und an die wir uns gewöhnt haben. Im Unterschied zu Freizeit und Urlaub haben wir aber durch die COVID-19-bedingten Verhaltensvorschriften keine Kontrolle darüber, ob wir zu Hause bleiben oder nicht. Wir haben das Gefühl fremdbestimmt zu sein, und das in einer Situation, in der normale Sozialkontakte unterbunden werden sollen. 

Spielt Angst als Gefühl hierbei eine Rolle? 


Am Telefon oder online: Hier gibt es Hilfe für die Seele
Vielen Menschen macht die aktuelle Situation auch psychisch zu schaffen. Darüber sollte man reden - Beratungsstellen bieten Unterstützung.

Angst spielt bei der derzeitigen Corona-Pandemie natürlich immer eine Rolle: Angst, sich selber zu infizieren und Angst als Überträger der Erkrankung zu dienen, vielleicht sogar unwissentlich, falls man selbst keine Symptome hat. Solche Ängste entwickeln sich unter Isolationsbedingungen stärker, als wenn man sich im ständigen Kontakt mit anderen befindet. Das kennen wir alle: Wenn man alleine ist, ist die Gefahr, dass die Gedanken anfangen zu kreisen, sehr viel größer als in Gesellschaft. 

Warum wollen wir nicht auf persönliche soziale Kontakte verzichten, obwohl es genügend andere Möglichkeiten gibt, miteinander zu kommunizieren? 

Menschen sind soziale Wesen. Digitaler Kontakt ersetzt nur unvollständig den persönlichen Kontakt, denn zu letzterem gehört auch die Wahrnehmung von Informationsquellen, die sich digital nicht übermitteln lassen. Dazu zählt eine viel bessere Wahrnehmung der Mimik und Gestik des anderen, eine bessere Stimm-Modulationsfähigkeit, die Möglichkeit den anderen zu berühren ... Das heißt, das ganze Repertoire der nonverbalen Kommunikation, die für einen gelungenen Austausch so wichtig ist, ist durch digitale Medien kaum zu vermitteln. 

Claus Vögele ist Professor für Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie an der Universität Luxemburg.
Claus Vögele ist Professor für Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie an der Universität Luxemburg.
Foto: Universität Luxemburg

Vor der Pandemie haben viele nur per Smartphone mit Freunden kommuniziert und reale Kontakte vernachlässigt. Warum sind sie jetzt plötzlich so wichtig? 

Wenn etwas zur Verfügung steht und man das Gefühl hat, man könnte etwas tun, ist es leicht, darauf zu verzichten. Ist etwas nicht mehr möglich, entsteht ein Bedürfnis danach. 

Was macht diese soziale empfundene Isolation mit uns? 

Die soziale Isolation ist bei vielen Menschen unter den gegebenen Umständen nicht nur empfunden. Sie wird als Wirklichkeit erfahren, macht traurig und einsam. Es gibt inzwischen mehrere Studien zu den psychischen Folgen von Quarantänemaßnahmen, die vor allem im Kontext der SARS-Epidemie durchgeführt wurden. Sie zeigen schon nach neun Tagen der Quarantäne ein erhöhtes Risiko für akute Belastungsreaktionen wie Erschöpfung, Angst, Irritierbarkeit, Schlaflosigkeit, Konzentrationsverlust und nachlassende Arbeitsleistung. Allerdings sind das Analogschlüsse. Wir übertragen auf die aktuelle Situation Studienergebnisse, die es für andere Erkrankungen gab. Ob es sich allerdings genauso entwickelt, ist unklar.

Kann eine solche Situation "bleibende Schäden" hinterlassen? 

Das wissen wir noch nicht genau. Es gibt Hinweise darauf, dass Quarantänemaßnahmen das Risiko, auch noch mehrere Jahre danach posttraumatische Belastungssymptome zu entwickeln, erhöhen. 

Ist es einfacher, mit der Familie in der Isolation zu sein als alleine? 

Ja und nein. Einerseits ist Gemeinschaft eher gegeben, wenn ich zu Hause isoliert mit der Familie verbringen kann. Andererseits bietet der Mangel an Möglichkeiten sich auszuweichen den idealen Nährboden für Konflikte, die in jeder Familie da sind.

Kann man Isolation vielleicht auch genießen? 

Das halte ich nicht für ausgeschlossen. Es kommt wie so oft in der Psychologie darauf an, was ich aus der Situation mache oder machen kann. Alleinsein und sich auf sich selbst konzentrieren ist ja etwas, was viele Menschen im Alltag sogar vermissen. 

Wenn man alleine ist, ist die Gefahr, dass die Gedanken anfangen zu kreisen, sehr viel größer als in Gesellschaft.

Claus Vögele

Wie entsteht der sogenannte "Lagerkoller"? 

Darunter versteht man umgangssprachlich einen vorübergehenden psychischen Erregungszustand, der dann entsteht, wenn jemand zwangsweise in einem Lager wie etwa im Gefängnis oder in Notunterkünften untergebracht ist. Im Wort "Koller" steckt das Wort "colère", also eine plötzlich aufbrechende oder stille Wut. Der Lagerkoller kann sich als Angst, Wut, Verzweiflung, Überaktivität oder Depression äußern. Die Ursachen dafür sind oft mangelnde psychosoziale Betreuung, schlechte Verpflegung, Seuchenausbrüche, Überfüllung des Lagers, Stress, Schlafmangel und Ähnliches. Durch Bekämpfung dieser Ursachen – wie das Schaffen von privaten Rückzugsgebieten sowie das Eingehen auf individuelle Eigenschaften – lässt sich Lagerkoller oft in einem Frühstadium eingrenzen oder abschwächen. Das Prinzip aktuell ist dasselbe, allerdings sind die Bedingungen deutlich angenehmer, da es uns zu Hause meist gut geht. Aber der direkte menschliche Kontakt fehlt eben auch. 

Gibt es Personengruppen, die besser mit der Situation zurechtkommen? 

Dazu gibt es meines Wissens derzeit noch keine gesicherten Ergebnisse. Ganz sicher kann man aber im Umkehrschluss annehmen, dass Personen, die ohnehin schon psychisch labil sind, von den negativen Effekten sozialer Isolation stärker betroffen sind als psychisch gesündere Personen.

Können etwa Kriegserfahrungen aus früheren Zeiten Einfluss auf die Verarbeitung nehmen? 

Ja, und zwar in zwei Richtungen. Für die einen, die ihre Kriegserfahrungen vielleicht nie richtig verarbeitet haben, könnte die Situation ihr Trauma verstärken. Andere haben sich vielleicht damals schon Strategien angeeignet, mit der Situation umzugehen und können diese jetzt nutzen. 

Wie kann man das Beste aus der Situation machen? 

Dazu gibt es inzwischen Empfehlungen verschiedener psychologischer Fachgesellschaften, die sich folgendermaßen zusammenfassen lassen: Vergegenwärtigen Sie sich, dass Sie durch die soziale Isolation der Gesellschaft einen wichtigen Dienst erweisen. Bleiben Sie aktiv und schaffen Sie sich Routinen: Aufstehen, Duschen, Anziehen, Arbeiten und Essen zu festgesetzten Tageszeiten, Pausen, körperliche Aktivität. Soziale Kontakte über digitale Medien sind trotz ihrer eingeschränkten Kommunikationsmöglichkeiten wichtig. Telefonieren Sie, tauschen Sie sich über soziale Netzwerke, E-Mail und andere Plattformen aus, schreiben Sie mal wieder einen Brief. Kontrollieren Sie Ihre Sorgen. Lenken Sie sich ab. Reservieren Sie eine begrenzte Zeitschiene am Tag, während der Sie sich so viele Sorgen machen dürfen wie Sie wollen. Außerhalb dieser Zeitschiene haben Sorgen in Ihren Gedanken nichts zu suchen und werden, falls sie doch auftauchen, auf die "Sorgenzeit" verschoben. Schauen Sie Nachrichten und informieren Sie sich, aber nur zu bestimmten Tageszeiten. Ständig Nachrichten zu checken macht noch mehr Angst. 


2.6.2016 Luxembourg, Beggen, Festnetz Telefon, Kinder telefonieren photo Anouk Antony
Schnëss-Telefon bietet Betroffenen ein offenes Ohr
Zu Hause bleiben und so weit es geht, den sozialen Kontakt mit anderen Menschen vermeiden. Für viele bedeutet das ein Gefühl von Einsamkeit. Dem will nun die Initiative Schnëss-Telefon entgegenwirken.

Wie kann ich Menschen helfen, bei denen ich bemerke, dass sie sich mit der Situation schwertun?

Zeigen Sie Verständnis. Raten Sie der betroffenen Person, die genannten Strategien einzusetzen. Halten Sie regelmäßig Kontakt. Wenn Sie den Eindruck haben, dass sich der psychische Gesamtzustand verschlechtert, raten Sie ihr, über eine der verfügbaren Telefonnummern professionelle Unterstützung zu suchen. 

Was sollte man auf keinen Fall tun? 

Bagatellisieren Sie die Situation und die Sorgen nicht. Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos.

Folgen Sie uns auf Facebook und Twitter und abonnieren Sie unseren Newsletter.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

E-Sport: Eine Liga fürs Wohnzimmer
Während die Menschen ihre Freizeit zu Hause verbringen müssen, startet in Luxemburg eine neue E-Sport-Liga. Die Resonanz ist bereits vor dem Auftakt extrem hoch.
Lust auf noch mehr Wort?
Lust auf noch mehr Wort?
7 Tage gratis testen
E-Mail-Adresse eingeben und alle Inhalte auf wort.lu lesen.
Fast fertig...
Um die Anmeldung abzuschließen, klicken Sie bitte auf den Link in der E-Mail, die wir Ihnen gerade gesendet haben.