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Wanderverhalten von Insekten: Milliarden Migranten in Europa
Panorama 3 Min. 06.02.2017 Aus unserem online-Archiv

Wanderverhalten von Insekten: Milliarden Migranten in Europa

Größere Insekten kombinieren ihre natürliche Flugfähigkeit mit dem Wind und erreichen Geschwindigkeiten von bis zu 58 km/h.

Wanderverhalten von Insekten: Milliarden Migranten in Europa

Größere Insekten kombinieren ihre natürliche Flugfähigkeit mit dem Wind und erreichen Geschwindigkeiten von bis zu 58 km/h.
Foto: Shutterstock
Panorama 3 Min. 06.02.2017 Aus unserem online-Archiv

Wanderverhalten von Insekten: Milliarden Migranten in Europa

Kevin WAMMER
Kevin WAMMER
Eine neue Studie gibt Aufschluss über das erstaunliche Wanderverhalten von Insekten

Von Ulrich W. Sahm

Forscher fanden heraus, dass Insekten die größte kontinentale Migration auf Erden vollziehen. Milliarden von Einwanderern kommen jährlich allein aus Südengland nach Europa. Dies beweist eine neue, in der Zeitschrift „Science“ veröffentlichte Studie der Universität Haifa, der Nanjing Agricultural University, der Universität Exeter, der Hebräischen Universität Jerusalem, der University of Greenwich und Rothamsted Research. Allein aus dem südlichen Großbritannien wandern jährlich etwa 3,5 Milliarden Insekten nach Kontinentaleuropa aus. Ihre Biomasse ist achtmal so groß wie die der Zugvögel auf dem Weg zu ihren Winterquartieren in Afrika. Die Forscher befürchten, dass durch die globale Erwärmung die Anzahl der Insekten deutlich zunehmen könnte und Auswirkungen auf Ökosysteme in verschiedenen Teilen der Welt haben werde.

Fliegende Insekten migrieren auf saisonaler Basis. „Sie reagieren sehr empfindlich auf den Klimawandel. Das kann zu dramatischen Veränderungen in der wandernden Insektenbevölkerung führen, was wiederum erhebliche Umweltveränderungen zur Folge haben kann“, erklärt Nir Sapir von der Abteilung für Evolutions- und Umweltbiologie an der Universität Haifa.

Obwohl fliegende Insekten eine der größten Populationen auf dem Planeten darstellen, wurde bislang keine umfassende quantitative Untersuchung zum Phänomen der Insektenmigration unternommen. Forscher vermuteten, dass viele Insektenpopulationen wandern. Sie wussten aber nicht, welche Insekten dies tun, wann und wie der Umfang der Migration ist.

Um Daten zu sammeln, wurden vor etwa 15 Jahren Radare in Südengland installiert. Aus den gesammelten Daten wurde die Insektenflut auf einer Fläche von 70.000 Quadratkilometern geschätzt. Die Radare messen das Gewicht der Insekten, die Fluggeschwindigkeit, Richtung und Höhe. Kleine Insekten, die weniger als 10 mg wiegen, werden nicht vom Radar erfasst. Spezielle Netze wurden gespannt, um Proben in der Luft zu fangen. Zwischen 2000 und 2009 wurden Daten zu Insekten gesammelt, die über 150 Metern Höhe fliegen.

Vom Winde geweht

Die Ergebnisse zeigten eindeutig eine südliche Bewegung dieser Insektenpopulationen im Herbst und eine nördliche Bewegung im Frühjahr. Die Forscher waren von dem Ausmaß überrascht: etwa 3,5 Milliarden Insekten mit einem Gewicht von 3.200 Tonnen Biomasse wanderten in jeder Saison.

Die Mini-Migranten wandern mehrere hundert Kilometer und möglicherweise sogar weiter. „Da es Beweise gibt, dass diese Migration auch über dem Meer stattfindet und da Großbritannien eine Insel ist, müssen diese Insekten im Frühjahr nach England gekommen sein. Mindestens einige müssen zuvor im Herbst nach Europa geflogen sein“, erklärt Nir Sapir. Die Insekten nutzten zur Reise die südlichen Winde im Frühjahr und die nördlichen Winde im Herbst. „Sie wählten die Richtung, in die sie fliegen wollten. Wir waren überrascht, dass Insekten ihre Navigationsfähigkeiten nutzen, um ihre Ziele mit diesen Winden zu erreichen“, so der Forscher.

Die Erkenntnisse haben Auswirkung auf Ökosysteme und sogar auf unseren Alltag. Die meisten Insektenkörper enthalten zehn Prozent Stickstoff und ein Prozent Phosphor. Das macht sie zu ausgezeichnetem Dünger für Pflanzen und Kulturen und zu nahrhaftem Futter für Insektenfresser wie Vögel und Fledermäuse. Die Insekten spielen zudem vielfältige Rollen in der Natur. Sie bestäuben Pflanzen, sind selber Schädlinge oder vertreiben andere Schädlinge. Sie verbreiten auch Krankheiten und Parasiten.

Wichtige Rolle im Ökosystem

„Solch eine riesige Biomasse hat eine enorme Bedeutung für das Funktionieren der verschiedenen Ökosysteme in weiten Teilen der Welt und für andere Aspekte unseres täglichen Lebens“, sagt Dr. Sapir. „Zyklen von Stickstoff und Phosphor in der Natur sind extrem wichtig, zumal diese Chemikalien einen Bestandteil der Nahrungskette bilden. Die Insekten transportieren die lebenswichtigen Materialien über enorme Distanzen.“

Die Forscher heben einen weiteren Befund hervor: Die gesamte Biomasse der Insekten variiert von Jahr zu Jahr, wobei der Unterschied bis zu 200 Tonnen beträgt. Mehr Insekten werden in wärmeren Sommern geboren, und entsprechend ist die Biomasse der Migration größer.

Globale klimatische Veränderungen bedeuten, dass das Klima rund um den Erdball wärmer wird. Mit großer Sicherheit wird deshalb die Zahl der Insekten deutlich zunehmen.

„Wir wissen noch nicht, ob sich alle Arten von Insekten stärker reproduzieren, oder ob nur bestimmte Typen dies tun. Eine Zunahme der Anzahl bestimmter Insekten könnte schädlich sein, während andere vorteilhaft sein könnten. Noch ist ungewiss, ob diese Änderungen begrüßt werden sollten. Sicher ist nur, dass die größte und einflussreichste Kontinentalmigration der Welt weiter überwacht und erforscht werden sollte.“ 


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