Von Handy zu Handy

HB2U, SMS!

Eine Vielzahl an Akronymen hat dank der SMS Einzug in den täglichen Sprachgebrauch gefunden.
Eine Vielzahl an Akronymen hat dank der SMS Einzug in den täglichen Sprachgebrauch gefunden.
Foto: Guy Jallay

(JMZ) - „Merry Christmas“, so lautete die erste SMS der Welt, die am 3. Dezember 1992 von einem PC an ein Mobiltelefon gesendet wurde. Der Sender war der damals 22-jährige englische Ingenieur Neil Papworth, dessen Team einen Textnachrichtendienst für die erst im selben Jahr auf den Markt gebrachten GSM-Mobiltelefone ausarbeitete.

Die Beliebtheit des Services stieg zunächst nur zögerlich an, erst 1998 wurden etwa in Deutschland erstmals eine Milliarde SMS verschickt. Zwei Jahre darauf hatte die SMS bereits die Zehn-Milliarden-Marke hinter sich gelassen. Ein Grund für diesen Boom war die Einführung des Nokia 3210, ein Kassenschlager unter den Handys: Es hatte, verglichen mit den „Knochen“ der Neunzigerjahre, ein schlankeres, modernes Design, war erschwinglich und leichter in der Bedienung – insbesondere beim Schreiben von SMS.

LOL, HDMG, PDG

Nicht zuletzt dank des populären Handys entdeckten die Jugendlichen um die Jahrtausendwende das „Simsen“ als Kommunikationsform für sich – und veränderten die Sprache.

2012 in einem „Spiegel“-Interview gefragt, warum denn seine erste SMS ein unorigineller Weihnachtsgruß gewesen sei, antwortete Papworth lapidar: „Na ja, was hätte ich denn sonst schreiben sollen? ,OMG, it wrkd! LOL!'? Diesen SMS-Jargon gab es doch noch gar nicht.“ Der SMS-Slang mit seinen Kürzeln gehört mittlerweile in vielen Sprachen zum festen Bestandteil.

Mit nur 160 Zeichen pro Bezahleinheit mussten SMS-Kommunikationen notgedrungen kurz ausfallen – aus den Anfangsbuchstaben der Wörter gebildete Akronyme und andere Abkürzungen boten sich also an. Die Kürzelsprache erschien vielen Uneingeweihten zunächst kryptisch – viele Zeitungsartikel versuchten, „die gängigsten Abkürzungen“ zu entschlüsseln. Mittlerweile sind LOL (laughing out loud), HDL (Hab dich lieb) und OMG (Oh mein Gott) mehr oder weniger allgemein verständlich.

Auch die Luxemburger Jugend entdeckte die SMS-Sprache für sich und schuf Akronyme wie PDG (Pech domm gaang), HDMVG (hunn dech mega vill gär), HDM (hal däi Mond) oder nene (nerv net). Für Sprachforscher Jérôme Lulling ist der Boom der Abkürzungen in der Alltagssprache einer der wichtigsten Einflüsse der SMS auf das Luxemburgische, ein Trend, der sich vermutlich nicht mehr stoppen lässt. In Luxemburg hat die SMS aber noch mehr verändert.

Förderin des Luxemburgischen

Lulling hat von 1998 bis 2002 an seiner Doktorarbeit über die sprachliche Kreativität des Luxemburgischen gearbeitet und hierfür auch den Einfluss der SMS auf die Sprache analysiert. Dafür wertete er Chatverläufe aus. Zu seiner Überraschung wurde dort nämlich auf Luxemburgisch getextet. „Das war überraschend, wenn man bedenkt, dass wir ja gar kein Luxemburgisch in der Schule lernen.“ In der schriftlichen Kommunikation – Telegramme, Faxe – habe zuvor das Deutsche vorgeherrscht. Dass nun die Kommunikation über SMS und auch im Chatroom gänzlich auf Luxemburgisch geführt werde, sei schon etwas Neues, erklärt der Linguist.

Niedergang im WhatsApp-Zeitalter

In der SMS wird die gesprochene Sprache verwendet: Regeln der Orthografie oder des Satzbaus haben hier wenig Gültigkeit. In Ländern wie Deutschland oder Frankreich hat genau das zu einem Aufschrei der Sprachpuristen geführt – für den Fall Luxemburg sieht Lulling das ganz anders: „Man kann nicht sagen, dass wir eine gesetzte Norm der Rechtschreibung hatten, die nun durch die SMS angegriffen wird.“ Zwar habe es bereits Bemühungen gegeben, eine Rechtschreibung des Luxemburgischen zu etablieren. Diese sei jedoch, im Unterschied zur französischen und deutschen Rechtschreibung, im Land kaum bekannt gewesen. Das hat sich zwar durch das Aufkommen der SMS nicht unbedingt geändert. „Die SMS trägt aber dazu bei, dass massiv auf Luxemburgisch geschrieben wird“, sagt Lulling, und das sei doch eine sehr positive Entwicklung.

Die Beliebtheit der SMS erreichte im Jahr 2012 mit fast 60 Milliarden verschickten SMS in Deutschland ihren Höhepunkt – und sank bis 2016 rapide auf ein Fünftel dieser Zahl. Gleichzeitig stieg die Beliebtheit von Nachrichtenapps, allen voran Whats-App. Diese Apps erlauben es, Nachrichten und größere Dateien wie Bilder kostenlos über Internet zu versenden. Möglich wird diese Neuerung durch die Beliebtheit von Smartphones und den Preisverfall des mobilen Internets in den 2010er-Jahren. Die SMS, ein Kind der Telefonie und wie diese meist kostenpflichtig, kann damit nur schwer konkurrieren. Als reines Kommunikationsmedium muss sie vor WhatsApp und Messenger kapitulieren.

Mehr Sicherheit bei Datenübermittlung

Ein Grund, das Ende der SMS einzuläuten, sei das noch nicht, befand Daniel Kuhn 2015 im Onlinemagazin Netzpiloten: „In 90 Prozent der Fälle wird eine SMS innerhalb von drei Minuten gelesen“, und weist damit eine deutlich schnellere Reaktionsrate auf als Nachrichtenapps. Immer dann, wenn es schnell gehen muss, ist es darum nach wie vor sinnvoll, auf dieses Medium zurückzugreifen. Ein weiterer Vorteil besteht in der Übermittlung vertraulicher Informationen – zum Beispiel beim Online-Banking, bei dem Sicherheitscodes und TANs oftmals per SMS an die Kunden versendet werden. Hier behauptet sich die SMS bislang als das sicherste und effektivste Mittel zur Übermittlung sensibler Daten.

Die SMS ist also nicht viel anders als andere Mittzwanziger: Sie ist pragmatischer geworden und macht nicht mehr jeden Hype mit. Man weiß, was man an ihr hat. In diesem Sinne, HeGl (Herzlichen Glückwunsch), SMS!