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Von Halsabschneidern und Geisterbeschwörern
„Echte“ Schamanen oder bloß geldversessene Scharlatane: In Sibirien häufen sich die Klagen über 
vermeintliche Medizinmänner ohne entsprechende Gabe.

Von Halsabschneidern und Geisterbeschwörern

Foto: AFP
„Echte“ Schamanen oder bloß geldversessene Scharlatane: In Sibirien häufen sich die Klagen über 
vermeintliche Medizinmänner ohne entsprechende Gabe.
Panorama 2 Min. 14.03.2019

Von Halsabschneidern und Geisterbeschwörern

Sibiriens Schamanen sind in Verruf geraten. Es häufen sich Fälle von Pseudoheilern, die nur nach Geld und Macht streben.

von Stefan Scholl (Moskau)

Erst zerren die Männer fünf Kamele unter dröhnendem Getrommel durch den Schnee. Die Tiere werden gefesselt, zu Boden geworfen und getötet. Man zerkleinert sie, legt ihr Fleisch gemeinsam mit den Fellen auf einen großen, mit Benzin getränkten Holzstapel und verbrennt alles.

Das Schlachtfest fand schon Anfang Februar in einem Wald bei Angarsk in der ostsibirischen Region Irkutsk statt. Erst mehrere Wochen später erregte ein Video über das Opferritual die sozialen Medien in Russland. Tierschützer und Medizinmänner empörten sich, die Staatsanwaltschaft kündigte Ermittlungen wegen Tierquälerei an. 


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„Seltene Gabe“

Andere Schamanen aber versichern, das Ritual „Himmlische Karawane, verschwinde!“ existiere nicht. Witali Baltajew, Führer der Schamanengruppe Bakail, erklärte der Tageszeitung „Komsomolskaja Prawda“, Tieropfer würden nie im Winter, nur im Sommer gebracht. „Und die Wiedergeburt Russlands als Anlass ist wohl etwas hoch gegriffen.“

Der „Stellvertretende Oberste Schamane Russlands“ ist in Kollegenkreisen durchaus umstritten. Viele Medizinmänner versichern, in ihrer Zunft gebe es keine Hierarchien, Wahlen oder Politik. „Die Gabe des Schamanen ist eine große Seltenheit“, sagt der Irkutsker Kulturologe Sergei Schotnikow der Agentur „RIA Nowosti“. „Sie wird von Generation zu Generation vererbt und gilt als schwere Bürde.“ Heute aber gäben sich sehr viele Zufallsfiguren als Schamanen aus.

Zybikow war laut „Radio Swoboda“ als Bodyguard, Gastronom und Assistent des Duma-Abgeordneten und Schlagerstars Josif Kobson in Moskau tätig, bevor er es als Geisterbeschwörer am Baikal versuchte. Bei Angarsk eröffnete er eine Lehranstalt für Medizinmänner. Dort soll er schon mehr als 500 „öffentliche Schamanen“ ausgebildet haben. Dabei gelten Schamanen in Sibirien nicht als Berufsstand, sondern als Auserwählte: Man sagt, ihre Seelen könnten im Zustand ritueller Ekstase ins Jenseits gelangen und dort Gutes für ihre Umgebung bewirken. Meist stammen sie aus einer bestimmten Sippe. Unter den Zaren wurden sie oft als Hexer verfolgt, unter den Kommunisten als Reaktionäre. Jetzt aber tauchen Neo- oder Pseudoschamanen auf, die Durchschnittsmonatsgehälter für ihre Rituale kassieren oder nebenher versuchen, in der Staatspartei Einiges Russland Karriere zu machen.

Wie das Portal „Baikal Daily“ berichtet, häufen sich Klagen über burjatische Schamanen, die ihren Kunden erklären, der eigene Zauber sei zu mächtig geraten, bedrohe jetzt deren Gesundheit und gar Leben. Neue Rituale seien nötig, um das Unheil zu bannen. Dafür verlangen die Scharlatane Honorare von umgerechnet 1 500 Euro. In Irkutsk nötigte ein Schamane gar eine junge Frau zum Sex. Sie hoffte, mit seiner Hilfe einen Studienplatz zu bekommen.


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