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Veni, vidi, Devï
 „Mode darf kein exklusiver Trend bleiben“, sagt Debbie Kirsch. Mit ihrem Modelabel Devï ist sie ihren Kommilitonen um einiges an praktischer 
Erfahrung voraus.

Veni, vidi, Devï

Foto: Chris Karaba
„Mode darf kein exklusiver Trend bleiben“, sagt Debbie Kirsch. Mit ihrem Modelabel Devï ist sie ihren Kommilitonen um einiges an praktischer 
Erfahrung voraus.
Panorama 5 Min. 26.08.2018

Veni, vidi, Devï

Nathalie RODEN
Nathalie RODEN
Eigentlich wollte Debbie Kirsch lediglich für einige Monate beim Aufbau einer Bio-Baumwollplantage in Indien helfen. Zurück kehrte sie mit reichlich Stoff zum Nachdenken – und dem Wunsch, die „Göttinnen“, die sie dort kennengelernt hatte, weiter tatkräftig zu unterstützen.

Wenn bloß der indische Zoll nicht wäre: Immer wieder legen die Beamten Debbie Kirsch vom anderen Ende der Welt Steine in den Weg. Mit fadenscheinigen Argumenten zögern die Zöllner die von ihr erwarteten Lieferungen künstlich hinaus. Dabei will die engagierte Jungunternehmerin mit dem Inhalt der Pakete – jede Menge farbenfrohe Kleider unter dem Label Devï, was auf Sanskrit soviel wie „Göttin“ bedeutet – nur die Welt verbessern. „Aber die Stärkung der Frauen ist vielen indischen Männern leider noch ein Dorn im Auge“, ärgert sich die 24-Jährige, die demnächst in Utrecht ihr Masterstudium in „Sustainable Business and Environment“ in Angriff nimmt. Bevor es allerdings soweit sein wird, habe sie noch ein paar praktische Erfahrungen in diesem Bereich sammeln wollen, erzählt sie weiter. Rund drei Monate ist es nun her, dass sie von ihrem sozialen Praktikum aus Jodphur im indischen Bundesstaat Rajasthan an die Mosel zurückkehrte und Knall auf Fall ein eigenes Modelabel gründete.

Ein Jumpsuit aus der aktuellen Sommerkollektion.
Ein Jumpsuit aus der aktuellen Sommerkollektion.
Foto: Debbie Kirsch

Beste Feindinnen

In erster Linie sollte Debbie Kirsch während ihres Praktikums in Indien der NGO Institute for Philanthropy and Humanitarian Development (IPHD) beim Aufbau eines Bio-Baumwollfeldes behilflich sein – zwei Stunden Fahrtzeit von der Millionenstadt und ihren Infrastrukturen entfernt. „Die Schwierigkeit bestand vor allem darin, mitten in der Wüste bei Temperaturen von 50 Grad Celsius Wasser zu beschaffen.“ Beim Anbau von Bio-Baumwolle wird immerhin doppelt soviel Wasser benötigt wie auf herkömmlichen Feldern. „Die Bauern unter diesen Umständen von einer Umstellung zu überzeugen, war gar nicht so einfach. Wir mussten ihnen immer wieder erklären, dass die vielen Behinderungen und Krankheiten innerhalb ihrer Familien ihren Ursprung in den Pestiziden haben, die beim konventionellen Anbau verwendet werden – und nicht etwa in der Willkür ihrer Götter.“

Eine Erinnerung an ihr Praktikum: Debbie Kirsch posiert im Nähzentrum mit einer der Saheli Women.
Eine Erinnerung an ihr Praktikum: Debbie Kirsch posiert im Nähzentrum mit einer der Saheli Women.
Foto: Debbie Kirsch

Doch letztlich sollte es ein ganz anderes Projekt der IPHD sein, das Debbie Kirsch emotional in Beschlag nahm. „Durch die Verantwortliche Madhu Vaishnav, bei der ich während meines Aufenthalts gewohnt habe, habe ich auch sehr viel Zeit bei den Saheli Women im Wüstendorf Bhikamkor verbracht.“ „Saheli“ bedeutet übersetzt zwar „weibliche Freundinnen“, doch das respektvolle Miteinander, das sich mittlerweile zwischen den 24 bedürftigen Frauen der Initiative entwickelt hat, war keine Selbstverständlichkeit: „Die Frauen, denen Madhu innerhalb der letzten drei Jahre das Nähen und Sticken beigebracht hat, damit sie finanziell unabhängig werden – darunter Witwen, Arbeitslose und Obdachlose –, wollten zunächst gar nichts miteinander zu tun haben, weil sie verschiedenen Kasten oder Religionen angehören. Zum Teil handelt es sich sogar um sogenannte Unberührbare, die man laut indischem Weltbild keinesfalls anfassen darf. Genauso wenig wie alles, das diese Menschen in ihren Händen gehalten haben.“ Es brauchte Zeit und jede Menge Vermittlungsarbeit von Seiten des IPHD bis die Frauen und deren Familienmitglieder ihre vorgefertigten Meinungen überwunden hatten und zu kompromissloser Zusammenarbeit und gegenseitigem Respekt bereit waren.  

Debbie Kirsch ist es wichtig, die Saheli Women (Foto) in den Vordergrund ihres Projektes zu stellen.
Debbie Kirsch ist es wichtig, die Saheli Women (Foto) in den Vordergrund ihres Projektes zu stellen.
Foto: Debbie Kirsch

Im Zeitlupentempo

Debbie Kirsch fungierte während ihres Aufenthalts im Frauenzentrum vor allem als „Troubleshooterin“: Sie fand Lösungen, wenn mal wieder der Strom ausgefallen oder kein Wasser verfügbar war. „Da kommt es zu 100 verschiedenen Problemen am Tag, einmal abgesehen davon, dass zwischendurch immer wieder Ziegen und Kühe durchs Zentrum laufen“, erinnert sie sich und schüttelt lachend den Kopf. Es sei alles sehr „authentisch“, wie sie charmant sagt. „Und auch, dass ein Business, bei dem man für Kunden aus aller Welt schneidert, ein gewisses Maß an Planung und Koordination erfordert, war den Frauen nicht so richtig klar.“

Die Biologiestudentin in einem Wickelkleid aus ihrer Kollektion.
Die Biologiestudentin in einem Wickelkleid aus ihrer Kollektion.
Foto: Chris Karaba

Nichtsdestotrotz bestreitet Debbie Kirsch, die Saheli Women in irgendeiner Weise „empowert“ zu haben. „Viel mehr war es umgekehrt. Ich kam mir neben diesen Frauen wie ein kleines Mäuschen vor. Wenn überhaupt haben sie mich bestärkt, meine Idee, die mir schon nach drei Wochen im Kopf herumschwirrte, zu verwirklichen und ein Modelabel zu gründen.“ In steter Rücksprache mit den Frauen arbeitete die Jungunternehmerin noch vor Ort eine Handvoll Designs aus, die sie nun von Luxemburg aus unter dem Namen Devï – Sanskrit für „Göttin“, als Reverenz an die Saheli Women – vertreibt. „Ich bin keine Modedesignerin“, räumt Debbie Kirsch offen ein. „Der Nachhaltigkeitsgedanke war mir persönlich wichtiger als das Design. Deswegen wollte ich die Saheli Women unbedingt auch in den Designprozess einbeziehen, weil die sicherlich mehr Ahnung als ich in der Umsetzung haben.“

Die Jungunternehmerin beim Skizzieren. Gerne greift sie beim Entwerfen der Designs Änderungsvorschläge von Seiten der Saheli Women auf.
Die Jungunternehmerin beim Skizzieren. Gerne greift sie beim Entwerfen der Designs Änderungsvorschläge von Seiten der Saheli Women auf.
Foto: Chris Karaba

Ihre erste Kollektion umfasst lange und kurze Kimonos sowie Wickelkleider, die von den Schneiderinnen aus gut erhaltenen Second-hand-Saris gefertigt werden. „Die werden von reicheren Inderinnen oft nur einmal zu einem besonderen Anlass wie einer Hochzeit getragen und anschließend wieder verkauft.“ Dementsprechend sind alle Stücke Unikate. Tops, Jumpsuits und Hosen aus Leinen vervollständigen das Sortiment.

Da die Mühlen in Indien jedoch etwas langsamer mahlen – sei es aufgrund mangelnder Infrastruktur, Wetterkapriolen, suboptimaler Arbeitsroutinen oder unkooperativer Zollbeamten – bleibt die im Onlineshop angebotene Kollektion überschaubar, wechselt aber stetig. „Unsere Mode kann man schon nicht mehr als ,Slow Fashion‘ bezeichnen. ,Slow Motion Fashion‘ wäre zutreffender“, seufzt Debbie Kirsch schmunzelnd. Alle drei Wochen macht sie sich auf den Weg zum Paketdienst, um die vereinzelt eintrudelnden Modelle abzuholen. Obwohl sie ihre kompletten Ersparnisse in das Projekt gesteckt hat, nimmt sie die Unwegsamkeiten mit Humor. Es ginge ihr ja auch nicht ums Geld, sondern darum, die Situation der Saheli-Frauen zu verbessern.

Beide Seiten im Blick

Die Saheli-Frauen erhalten jeweils zehn bis 30 Euro unmittelbar nach Fertigstellung eines Kleidungsstücks. Damit verdienen sie laut der Luxemburgerin an einem Tag soviel wie die meisten indischen Fabrikarbeiter im Fast-Fashion-Segment in einem ganzen Monat. Zusätzlich werde nach jedem Verkauf ein Teil des Profits als Bonus an die Saheli Women, aber auch an das IPHD zum Weiterausbau der Hilfsprojekte ausgezahlt.

Von den 200 Kleidungsstücken, die ihren Weg bisher ins Großherzogtum gefunden haben – insgesamt besteht die Kollektion aus 380 Teilen – hat Debbie Kirsch bislang rund 40 verkauft. „Leider sind sie durch die ganzen Importsteuern und einiges an Drumherum, das ich vorher nicht bedacht habe, dann doch etwas teurer geworden als geplant.“ 149 Euro für ein Kleid oder 139 Euro für einen Kimono seien aber wohl nicht für jeden Studenten aus dem Stegreif erschwinglich. „Die Kosten werden mit zunehmender Erfahrung aber hoffentlich geringer.“ Schließlich dürfe nachhaltige Mode kein exklusiver Trend bleiben.


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