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Urlaub auf Sardinien: Insel in Sicht?
Panorama 5 Min. 06.06.2020

Urlaub auf Sardinien: Insel in Sicht?

Motorboote vor der Insel Razzoli im La Maddalena-Nationalpark.

Urlaub auf Sardinien: Insel in Sicht?

Motorboote vor der Insel Razzoli im La Maddalena-Nationalpark.
Foto: Win Schumacher
Panorama 5 Min. 06.06.2020

Urlaub auf Sardinien: Insel in Sicht?

Sardinien hat die Pandemie weniger hart getroffen als das italienische Festland – Die Öffnung für den Tourismus sorgt nun für Kontroversen

Von Win Schumacher

Am sardischen Capo Testa fällt der Blick von gigantischen Granitfelsen hinüber zur korsischen Küste, ins möwendurchsegelte Blau. Im Frühsommer sind normalerweise mehr und mehr Ausflugsboote mit einer wachsenden Zahl an Urlaubern an Bord zwischen Sardinien und Korsika unterwegs. Nicht in diesem Jahr. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren sich die Inseln nie so fern. 

Eigentlich verbindet kulturell und geschichtlich die Bewohner der Gallura im Norden Sardiniens mehr mit den Korsen als mit den Sarden. Das lange dünn besiedelte Nordsardinien wurde im 18. Jahrhundert nach einer Pestepidemie von Korsen besiedelt. Sarden oder Korsen? Jedenfalls in erster Linie nicht als Italiener oder gar als Gallier verstehen sich die Galluresen, obwohl ihre Nationalflagge die italienische Trikolore und ihr Wappentier der gallische Hahn ist. Der Name Gallura, so erzählen sich ihre Bewohner wohl augenzwinkernd, stamme ursprünglich von den Gockeln, die man im nahen Korsika krähen hört. 

Nirgendwo Gewissheit 

Bald, so hoffen die Einheimischen, sollen Touristen wieder zwischen den beiden Inseln unterwegs sein. Italien hat am 3. Juni seine Grenzen für Touristen aus der EU, den Schengenstaaten und Großbritannien geöffnet. Urlaub in Frankreich soll schrittweise ab dem 15. Juni wieder möglich sein – die Korsen debattieren jedoch derzeit noch über eine eigenständige Regelung. Ob und wo Urlauber in diesem Sommer einen halbwegs unbeschwerten Italienurlaub verbringen können, ist wohl nirgendwo mit Gewissheit zu sagen. Ist Sardinien ein sicherer Zufluchtsort für Italiensehnsüchtige? Wird die Öffnung für Touristen zu einem raschen Anstieg der Neuinfektionen führen? 

Die Inselhauptstadt Cagliari zählt rund 150 000 Einwohner. Sie ist auch das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum Sardiniens.
Die Inselhauptstadt Cagliari zählt rund 150 000 Einwohner. Sie ist auch das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum Sardiniens.
Foto: Shutterstock

Die Insel war von der Pandemie bisher weit weniger betroffen als das Festland. Bisher wurden auf Sardinien weniger als 1.400 Covid-19-Fälle bestätigt. 131 Menschen fielen dem Virus zum Opfer. Zum Vergleich: In der Region Ligurien in Norditalien, das fast gleich viele Einwohner wie Sardinien hat, wurden annähernd 10.000 Fälle verzeichnet, fast 1.500 Menschen starben an einer Infektion. In anderen Regionen des Nordens war die Situation noch dramatischer. "Wir haben bei der Ansteckungskurve die besten Resultate Italiens", verkündete Christian Solinas, der Präsident der Autonomen Region Sardinien unlängst. Auf der Insel wurden zuletzt nur noch vereinzelte Neuinfektionen registriert. Die Reproduktionszahl lag in den letzten Wochen meist unter 0,5. Einzig Kalabrien an der Stiefelspitze Italiens konnte ähnliche Daten vorweisen. 

Wir haben bei der Ansteckungskurve die besten Resultate Italiens.

Christian Solinas, Präsident der autonomen Region Sardinien

Die Insel schlug für die anstehende Hauptsaison lange einen Sonderweg ein und wollte als einzige Region Italiens einen Gesundheitspass von Urlaubern verlangen. Ein negativer Corona-Test als Voraussetzung für eine Einreise wurde aber erst kurz vor der Grenzöffnung wieder verworfen. Gespräche mit dem Gesundheitsministerium in Rom waren bis zuletzt ergebnislos geblieben. Die Verzögerungen konkreter Informationen darüber sorgten bei den vom Tourismus abhängigen Sarden und zehntausenden Urlaubern für Unmut. Viele stornierten ihren bereits geplanten Sommerurlaub in den letzten Wochen. Erst einen Tag vor dem Ende der Einreisebeschränkungen beugte sich Solinas den Anweisungen aus Rom. Bei Urlaubern soll nun lediglich Fieber gemessen werden. Eine Selbstauskunft mit Angaben über ihre gesundheitliche Verfassung liegt aus. Zunächst diskutierte Zwangsregistrierungen auf einer Tracing-App werden nicht verlangt. 

In der Straße von Bonifacio, nur eine Stunde mit der Fähre von Sardinien nach Korsika, war in den letzten Wochen kaum ein Schiff unterwegs. In der Ferne verlieren sich im glitzernden Meer eine Reihe an felsigen Inselchen. Wie der knöcherne Panzer eines gigantischen Urkrokodils, das zwischen den Nationen dümpelt, ragen die Granithügel des Lavezzi-Archipels aus der Meeresstraße auf. Im Juni beginnt auf dem Archipel normalerweise die Hochsaison. Dann brechen die Motorboote zu Dutzenden von Santa Teresa Gallura, Palau und Bonifacio zu den über das Meer verstreuten Inseln auf.

Die Badewanne Sardiniens 

Der La Maddalena-Nationalpark auf der italienischen Seite des Meeresschutzgebiets ist im Sommer sonst immer die Badewanne Sardiniens. Auf den Stränden liegen die Touristen dann Handtuch an Handtuch und vor den felsengerahmten Buchten ankert Boot an Boot. Zwar verkündete Solinas, dass in diesem Jahr noch 2,5 Millionen Touristen nach Sardinien kommen würden. Die Tourismusbranche ist jedoch weit weniger optimistisch. "Vor einem Monat hatte ich gesagt, dass 95 Prozent aller Einrichtungen öffnen werden", sagte Paolo Manca, Vorstand des sardischen Hotelverbands Federalberghi, "heute scheint mir es viel, wenn es 60 bis 70 Prozent werden."

Ich glaube nicht, dass die Menschen die heilende Kraft besitzen, sich zu ändern.

Mauro Morandi, Eremit auf Budelli

Zwar führte ab 3. Juni Alitalia wieder erste Linienflüge aus Rom und Mailand durch, jedoch sollen erst ab Mitte Juni wieder Ferienflieger aus dem Ausland auf der Insel landen. Aufgrund zahlreicher Stornierungen und vielen Urlaubern, die ihre Ferien wohl lieber im Inland verbringen werden, dürften Sardiniens Strände in diesem Sommer weit weniger voll werden als gewöhnlich. Zudem hat die Insel strenge Abstandsregeln verhängt. Videokameras sollen die wichtigsten Badeorte überwachen. 

Kristallklares Wasser – hier vor der Insel Buddeli – lockte jahrelang viele Besucher in den Norden Sardiniens. Doch in diesem Jahr könnten die Touristenmassen ausbleiben.
Kristallklares Wasser – hier vor der Insel Buddeli – lockte jahrelang viele Besucher in den Norden Sardiniens. Doch in diesem Jahr könnten die Touristenmassen ausbleiben.
Foto: Win Schumacher

An hektisches Leben gewohnt 

Die lange unklare Einreisepolitik und strengere Kontrollen als in anderen Urlaubsregionen Italiens mögen das Risiko einer zweiten Corona-Welle auf der Insel zumindest eindämmen. Der Natur würde eine Pause vom sommerlichen Massentourismus ohnehin zugute kommen. Auf der Isola Budelli hatte der Ansturm der Touristen dem berühmten Sandstrand Spiaggia Rosa gar seinen einzigartigen pinkfarbenenen Schimmer geraubt. Ein Einzeller verhalf dem Strand einst zu seiner besonderen Farbgebung und seinem Ruhm. Zu viele Touristen hatten jedoch über Jahrzehnte Sand mitgenommen und beim Auswerfen ihrer Anker die Mikroorganismen zerstört. 

Auf Budelli lebt Mauro Morandi, Italiens wohl bekanntester Eremit. Seit mehr als 30 Jahren wohnt der heute 81-jährige ehemalige Inselwächter allein auf dem Eiland und überwacht, dass die Touristen dem fragilen Ökosystem nicht zu sehr zusetzen. "Ich glaube nicht, dass die Menschen die heilende Kraft besitzen, sich zu ändern", sagte er dem Fernsehsender CNN Ende März. Er glaube, dass die Krise eine Chance berge, das Leben zu überdenken. "Aber die Mehrheit der Menschen sind zu sehr an Komfort und einen hektischen Lebensstil gewohnt." 


Heiliges Land ohne Pilger
In den letzten Jahren kamen immer mehr Touristen nach Israel und ins Westjordanland. Durch die Covid-19-Pandemie ist ungewiss, wann sie zurückkehren werden.

Im Juni kann man man bisweilen von den Inseln des La Maddalena-Archipels aus noch immer die schneebedeckten Berge Korsikas sehen. Wanderern werden in diesem Sommer auf den Pfaden ins Inselinnere von Budelli, Razzoli, Santa Maria und Caprera sicher nur wenigen Menschen begegnen. 

Der Duft der Wildkräuter – Lorbeer, Myrthe, Schopflavendel und Thymian – gehört ihnen dann wohl ganz allein. Sowohl die Griechische Landschildkröte als auch die Breitrandschildkröte sind hier zu Hause. Zwei andere Reptilien, die Tyrrhenische Gebirgseidechse und die Zwerg-Kieleidechse, kommen nur auf Sardinien und Korsika vor. Zumindest die tierischen Bewohner des Meeresreservats dürften sich über die ungewohnte Stille auf ihren Inseln freuen.

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