Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Urban Art: Kunst aus der Dose
Kunstsprayer Raphaël Gindt in Aktion in Herserange: Das Frauenporträt auf der Stützmauer ist eine Auftragsarbeit im Rahmen des Festivals „Kufa’s Urban Art“.

Urban Art: Kunst aus der Dose

Fotos: Laurent Blum
Kunstsprayer Raphaël Gindt in Aktion in Herserange: Das Frauenporträt auf der Stützmauer ist eine Auftragsarbeit im Rahmen des Festivals „Kufa’s Urban Art“.
Panorama 4 Min. 05.07.2017

Urban Art: Kunst aus der Dose

Wenn Street Art-Künstler Raphaël Gindt zur Spraydose greift, staunen Passanten über seine markanten, meterhohen Wandbilder.

(ub) - Kopfhörer im Ohr, Spraydose in der Hand, rot-lila Frauenkopf auf der Mauer fast fertig – wer Raphaël Gindt zufällig in Herserange nahe Longwy Mitte Juni in Aktion sah, dachte sicherlich an wilde, illegale Graffiti-Kunst. Doch der junge Luxemburger gehört zur neuen Generation der Straßenkünstler. Sie hinterlassen ihre farbenfrohen Spuren im öffentlichen Raum ohne den Hauch von Vandalismus. Das auf eine Fläche von 2,5 mal 6 Meter aufgesprühte Kunstwerk ist sogar eine Auftragsarbeit, entstanden im Rahmen des Festivals „Kufa’s Urban Art“.

20 internationale Künstler haben an zehn Orten in der Großregion ihre Ideen von Straßenkunst umgesetzt: Von Wiltz bis Trier, von Libramont bis Villerupt, von Longwy bis Ettelbrück sind leuchtend bunte Wandmalereien, minimalistische Kunstwerke oder aus der Vogelperspektive spektakuläre Land-Art-Projekte entstanden. Berühmt für solche Farbsprühaktionen auf Gras ist der Franzose Saype. In Senningen hat er auf einem Feld ein Land-Art-Menschenporträt im XXL-Format geschaffen. In Wiltz hat er einige Mauern als Leinwand für seine Bilder benutzt.

Statements im öffentlichen Raum

Der Standort der Kulturfabrik in Esch/Alzette bildet das Herzstück dieser Initiative zur Belebung des öffentlichen Raums. Sieben Künstler haben sieben Orte etwas bunter hinterlassen, als sie sie vorgefunden haben. Raphaël Gindt hat sich zum Beispiel an eine braune Fassade im Stadtzentrum gewagt, der er seinen künstlerischen Stempel aufgedrückt hat.

Als Sprayer hat Gindt mittlerweile ein Gespür und viel Fachwissen für jede Situation entwickelt.
Als Sprayer hat Gindt mittlerweile ein Gespür und viel Fachwissen für jede Situation entwickelt.

Er ist derzeit vor allem bekannt und gefragt für seine farbenfrohen Porträtköpfe, zu bestaunen ganz aktuell etwa in Schifflingen. Dort hat Gindt den lokalen Rad-Jungstar Ben Gastauer auf der Fassade der örtlichen Kunstgalerie in der Avenue de la Libération verewigt. Anlass für diesen Auftrag der Gemeinde war die Etappe der „Tour de France“ in Luxemburg.

Diese Kommerzialisierung von Street Art steht in den meisten Fällen in einem unauflösbaren Gegensatz zu ihrer ursprünglichen Philosophie aus der ersten Generation der Graffiti-Sprayer. Street-Art entwickelte sich zwar aus der illegalen Graffiti-Szene, ist ihr aber heute nur noch in eingeschränktem Umfang nahe. Ein anderer Unterschied: Beide sind Statements im öffentlichen Raum, beim Graffiti überwiegt aber der Schrift-Anteil, bei Street-Art das Bildliche. Aus diesen Bilder-Sprayern werden viele sammlungstaugliche, intensiv arbeitende und technisch versierte Künstler, die auch auf mobilen Untergründen aufgebrachte Street Art produzieren – was sich gut in Ausstellungsräume oder ins hippe Heim hängen lässt, mit dem coolen Look der „street credibility“. Street Art ist schon lange keine Subkultur mehr, sondern längst Pop. Der zunehmende Erfolg von Street Art, die Kommerzialisierung und die damit verbundenen Nebenaspekte schmecken deswegen beileibe nicht jedem.

Raphaël Gindt ist 24, freier Künstler und zerbricht sich über solche Definitionsfragen nicht wirklich den Kopf. Urban Art ist für ihn sein Mittel der Kommunikation mit der Welt. Er will Kunst zu Leuten bringen, die sich für Kultur oft keine Zeit nehmen können oder wollen. Er hat aber wirklich keine Lust darauf, sich Klagen wegen Sachbeschädigung einzuhandeln. Weshalb er nur bei Auftragsarbeiten direkt auf Mauern sprüht. Seine eigenen, freien Projekte sind stets auf Papier gefertigt, das er mit Tapentenkleister im Freien befestigt. Gibt es Beschwerden, kann er es ruckzuck entfernen.

Sieht einfach aus, ist aber vorab im Atelier genau geplant und sogar im Kleinformat schon getestet.
Sieht einfach aus, ist aber vorab im Atelier genau geplant und sogar im Kleinformat schon getestet.

Sein Stil, dessen Markenzeichen kunstvoll über das fertige Werk verteilte Farbspritzer sind, ist nur vermeintlich spontan und wirkt nur wie schnell aus der Spraydose geschüttelt. Bei näherem Hinsehen entdeckt man die Kalkuliertheit und die zeitraubende Raffinesse, mit der er jedes Bild angeht. Er hat es eben nicht einfach so vor Ort auf eine Mauer gemalt, sondern vorab in seinem Studio designt. Ja sogar, im Kleinformat im Maßstab 1:25, schon gemalt, um alle Details zu planen.

„Manchmal ist es schon eine Nervensache, ob alles so klappt, wie ich es mir vorstelle“, gesteht er. Eine Arbeitsplattform, mal auf fünf, neun oder sogar auf elf Metern Höhe, nötige einem schon Respekt ab und verlange Sorgfalt bis ins letzte Detail. „Deshalb arbeite ich auch lieber alleine, um wirklich alles selbst unter Kontrolle zu haben“, gesteht Gindt, der sich auch um Aufträge, Vermarktung, Buchhaltung und Steuererklärung allein kümmert. „Ich mach’ fünf Jobs in einem und schiebe täglich zwei Schichten“, beschreibt der 24-Jährige seinen Arbeitsalltag. „Aber genau so will ich auch leben.“ Seinem Vater, dessen Porträt er übrigens als blauen Riesenkopf in Strassen an einer Fassade verewigt hat („er ahnte nichts, ich habe ihn dann dort einfach mal vorbeigeschickt“), ist Gindt dankbar, dass er sich nicht bis zum Schuldiplom durchquälen musste, sondern als freier Künstler und Autodidakt sich sehr früh schon seinen Berufsweg bahnen durfte.

Marktwert im Steigen

Die ersten Etappen seiner Karriere, die derzeit gehörig an Fahrt aufnimmt, waren nicht einfach. „Zwei Jahre habe ich nur im stillen Kämmerlein geübt, um mir alle Techniken beizubringen,“ gesteht der junge Luxemburger. Doch dann stellte sich rasch heraus, dass er mit dieser Urban Art den Nerv der Zeit trifft. Er bekommt heute von Unternehmen, Institutionen, aber auch Privatleuten Aufträge, die sich eine Fassade künstlerisch gestalten lassen oder sich einen Original-Gindt an die Mauer hängen wollen – gern auch mal auf Glas aufgesprüht.

Manchmal aber steckt weit mehr in so einem Wandbild als der Betrachter auf Anhieb erkennen kann. In Herserange etwa hat Gindt mit Schülern auch ein Werk gesprüht, bei dem Bäume zu sehen sind. Ein schönes Naturmotiv – und eine stille Hommage an Opfer des Terroranschlags in Nizza 2016, bei dem auch Menschen aus dem kleinen französischen Ort ums Leben kamen. An jeden dieser Toten erinnert ein Baum.

Mehr unter www.gindt.eu und auf der Facebook-Seite des Künstlers.

Der komplette Artikel ist im Télécran Nr. 26/2017 erschienen.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Der Schulhof als Leinwand
„Urban-Art-Künstler kommen mit Menschen in Berührung – auch mit denen, die sonst nicht unbedingt ein Museum oder eine Galerie besuchen“, sagt Lisa Junius und wird sogleich von einem aufgeregten Mädchen liebevoll umarmt.
Lisa Junius, an artist poses for a portrait in front of her artwork on the wall of Aale LycŽe. Esch-sur-Alzette, Luxembourg - 09. 07. 2018 photo: Matic Zorman / Luxemburger Wort
Urban Art Festival: Vor Ideen sprühen
Im Rahmen des Festivals "Kufa's Urban Art" entstehen in Esch/Alzette zwölf neue Kunstwerke. Wir haben einigen Künstlern bei der Arbeit über die Schulter geschaut.
Eindringlicher Blick: Auf der Place Saint Michel sprayt Raphael Gindt ein Porträt.
"Urban Art Biennale" eröffnet: Sprayer im Weltkulturerbe
Frischer geht es kaum: Bei einigen Werken der gerade gestarteten „Urban Art Biennale“ ist der Sprühlack noch quasi feucht. Auf dem rostbraun-grauschwarzen Gelände des Weltkulturerbes Völklinger Hütte zieht Farbe ein – auch wenn dort diese Kunst wie in einem Zoo wirkt.
Politisch, kontrastreich, farbstark: Einmal mehr erobert die "Urban Art" die einstige Völklinger Hütte.