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Unwichtiges zuerst
Panorama 3 Min. 18.01.2017 Aus unserem online-Archiv
Prokrastination

Unwichtiges zuerst

Aufschieberitis: Es gibt Menschen, die wichtige Dinge immer wieder auf die lange Bank schieben und alleine damit viel Zeit verbringen.
Prokrastination

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Aufschieberitis: Es gibt Menschen, die wichtige Dinge immer wieder auf die lange Bank schieben und alleine damit viel Zeit verbringen.
Foto: Getty Images
Panorama 3 Min. 18.01.2017 Aus unserem online-Archiv
Prokrastination

Unwichtiges zuerst

Warum sollte man heute schon erledigen, was man auch morgen tun kann? Für viele Menschen ist diese Frage nicht etwa eine leichtfertige Ausrede, um einfach mal nichts zu tun. Denn sie leiden unter der Prokrastination, dem chronischen Aufschieben.

(mim) - Unangenehme oder lästige Dinge aufzuschieben ist normal. Bei Befragungen geben nur zwei Prozent der Teilnehmer an, alles immer sofort zu erledigen. Insofern ist man mit seiner Aufschieberitis in guter Gesellschaft. Doch es gibt Personen, die auch wichtige Dinge immer wieder auf die lange Bank schieben und allein damit ganz viel Zeit verbringen. Sie können dann ihr eigenes Leistungspotential nicht ganz ausschöpfen und dieser Verhaltenszug beeinträchtigt ihr persönliches Leben stark. „Bis zu zwölf Prozent der Bevölkerung leiden wirklich unter dem Aufschieben. Das ist ein sehr hoher Anteil“, sagt Diplom-Psychologin Margarita Engberding, Projektleiterin der Prokrastinationsambulanz der Universität Münster.

In manchen Fällen führt das chronische Verschieben auf morgen dazu, dass man persönliche Ziele schlecht oder gar nicht erreicht. Man Aufgaben nicht abschließen kann, bei Fristen stark unter Druck gerät. „Hinzu kommen körperliche und psychische Beschwerden wie Schlafstörungen, anhaltende Grübeleien, innere Unruhe und Anspannung bis hin zu Panikanfällen. Dann sollte man auf jeden Fall Hilfe suchen“, rät die Psychologin.

Eine Art Torschlusspanik

Auf steigenden Zeitdruck gibt es grundsätzlich zwei Reaktionen: Entweder man verfällt in dem ungeheuren Stress in eine große Hektik, setzt sich an die Arbeit und schafft in der knappen Zeit ganz viel. „Oder aber, man fühlt sich aufgrund dieses Druckes so blockiert, dass man sich ganz stark zurückzieht“, erklärt Margarita Engberding. Das sind dann die Studierenden, die nicht zur Prüfung gehen, sondern sich im Bett verkriechen und die Arbeitnehmer, die sich für die Projektpräsentation krankmelden.

In der Prokrastinationsambulanz der Universität Münster werden Trainingsprogramme eingesetzt, in denen Therapeuten mit Betroffenen an persönlichen Projekten arbeiten. Dabei lernen sie, rechtzeitig mit der Arbeit zu beginnen und sie realistisch zu planen. „Man lernt, jeden Tag eine Arbeitseinheit ganz bewusst und ganz gezielt zum vorgenommenen Zeitpunkt zu beginnen. Das klingt ganz simpel, ist aber sehr effizient“, sagt die Psychologin.

„Das zweite ist das realistische Planen, das wir mit ihnen üben. Dabei gilt, sich nicht allgemein vorzunehmen: ,Jetzt gehe ich an die Arbeit!ʻ, sondern die Schritte konkret zu planen: ,Was werde ich tun?, Wie werde ich es tun? In welchen Schritten mache ich das? Wie baue ich das Ganze aufʻ“, erläutert Margarita Engberding.

Training für harte Fälle

Ein drittes Trainingsprogramm, das laut der Psychologin besonders gut ankommt, ist das Arbeitsrestriktionstraining. Das ist für Leute, die so stark aufschieben, dass ihr gesamter Alltag dadurch beeinträchtigt ist. „Die keine Freizeit mehr haben, weil sie immer meinen, sie müssten arbeiten, die aber die ganze Zeit nichts tun. Ihnen erteilen wir ein Arbeitsverbot. Sie dürfen nur noch eine begrenzte Zeit am Tag arbeiten.“ Zusätzliche Arbeitszeit – die sie natürlich brauchen, denn die Arbeit muss ja so oder so erledigt werden – müssen sich die Betroffenen erst verdienen, in dem sie die Anfangs zugestandenen zwei Mal 20 Minuten zum Beispiel, einhalten und effizient nutzen.

Tipps für Betroffene

- Wählen Sie eine konkrete Aufgabe aus, die Sie immer wieder vor sich her schieben.

- Beobachten Sie sich selbst genau über mehrere Tage. Finden Sie heraus, unter welchen Bedingungen Sie der Aufgabe aus dem Weg gehen und unter welchen Bedingungen Sie sich damit befassen.

- Definieren Sie möglichst kleine und konkrete Schritte, die in dieser Sache als nächstes getan werden sollen.

- Legen Sie pro Tag einen genauen Zeitpunkt, eine klare Zeitspanne und einen konkreten Ort fest, an dem dieser nächste Schritt getan werden soll.

- Achten Sie darauf, sich nicht von vorneherein mehr vorzunehmen, als Sie schaffen können.

- Entwickeln Sie Erinnerungshilfen, damit Ihnen diese Gelegenheit nicht durch die Lappen geht.

- Werten Sie hinterher aus, wie es geklappt hat und welche Schwierigkeiten Sie hatten.

- Belohnen Sie sich auch für kleine Erfolge.

Quelle: www.uni-muenster.de/Prokrastinationsambulanz

Auch in Luxemburg gibt es Beratungsangebote zum Thema Prokrastination, die man im Internet, zum Beispiel auf lifelong-learning.lu, findet.

Der komplette Beitrag ist im Télécran Nr. 2/2017 erschienen.


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