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Unterwegs in Europa
Panorama 4 Min. 13.09.2019

Unterwegs in Europa

Unterwegs in Europa

Foto: Eric Hamus
Panorama 4 Min. 13.09.2019

Unterwegs in Europa

Eric HAMUS
Eric HAMUS
Eine Initiative der Europäischen Union führt vier junge Menschen auf ihrem „Road Trip“ durch Europa nach Schengen.

„Ein Ort ist so viel mehr als nur die Summe seiner Gebäude und Landschaften. Es sind die Menschen, die dem Ort eine Seele verleihen. Nur ein Gespräch mit den Einwohnern kann eine ganze Wahrnehmung auf den Kopf stellen.“ Vanessa gerät regelrecht ins Schwärmen. Die 24-jährige Studentin und Autorin aus Südafrika ist Mitglied der „Travelbugs“, einer vierköpfigen Gruppe, die im Rahmen der EU-Initiative „Road Trip Project“ auch in Luxemburg Halt macht.

Im Englischen wird umgangssprachlich mit „travel bug“ das Reisefieber bezeichnet. Einen treffenderen Namen hätten sich die jungen Leute demnach nicht aussuchen können für ihre Gruppe, die im Verlauf ihres „Road Trips“ einen Blick hinter die Kulissen der Europäischen Union werfen soll. „Gemeint ist damit aber nicht die EU als Konstrukt oder Behörde, sondern die Länder selbst, die Regionen und ihre Einwohner. Die EU als Familie sozusagen“, pflichtet Rares bei, ein 27-jähriger Fotograf aus Rumänien.

Vanessa und Rares haben sich mit Elliot, einem 19-jährigen Videofilmer aus Schweden, und Dayana, einer 22-jährigen Bulgarin, am Bootspier in Schwebsingen eingefunden. Von dort soll es per Schiff nach Schengen gehen, wo sie mehr über jenes Abkommen erfahren sollen, das die Europäische Union in ihren Grundwerten zusammenhält. Betreut werden sie an diesem Nachmittag von niemand Geringerem als Charles Elsen, einem der Architekten des Abkommens, das am 14. Juni 1985 an Bord der Marie-Astrid im symbolträchtigen Grenzort unterzeichnet wurde. Als Vorsitzender des Generalsekretariats des EU-Rats war Elsen maßgeblich an der Ausarbeitung des Dokuments beteiligt, das die Grenzkontrollen innerhalb der EU stufenweise abschaffen sollte.

Treffen mit einem Zeitzeugen auf der Mosel: Charles Elsen (2.v.r.) im Gespräch mit den internationalen Gästen Vanessa, Elliot und Dayana (v.l.n.r.).
Treffen mit einem Zeitzeugen auf der Mosel: Charles Elsen (2.v.r.) im Gespräch mit den internationalen Gästen Vanessa, Elliot und Dayana (v.l.n.r.).
Foto: Eric Hamus

17 Länder und 30 Regionen

Die Luxemburger Mosel ist einer von vielen Zwischenstopps auf einer Reise, die das Quartett quer über den Kontinent führen soll. 17 EU-Staaten und mehr als 30 Regionen stehen auf ihrem Reiseplan, einen Monat lang werden sie „neue Leute treffen, unbekannte Orte entdecken und etwas über lokale, von der EU unterstütze Initiativen erfahren“.

Das „Road Trip Project“ ist eine Initiative der Abteilung für Regional- und Stadtpolitik der EU-Kommission. Ziel ist es, jungen Europäern zu vermitteln, was die EU in den Regionen unternimmt und wie die Einwohner dazu beitragen, die Lebensqualität in ihren Gemeinden zu verbessern. Über ihre Eindrücke sollen die jungen Menschen dann im Netz berichten und womöglich eine europaweite Diskussion anstoßen.


Flieg, Roter Löwe, flieg
Zwei Luxemburger Sportpiloten-Teams stellen in Portugal ihr Können in Sachen Flugnavigation unter Beweis.

Hunderte Bewerber hatten sich gemeldet. Acht wurden zurückbehalten, die jetzt in zwei Teams durch Europa reisen. Dabei wurde jedes Teammitglied aufgrund seiner bestimmten Talente ausgesucht. Diese gilt es nun einzusetzen, um die Erfahrungen an ein breites Publikum weiterzureichen. Rares zum Beispiel ist leidenschaftlicher Fotograf. Das Projekt sei nach dem Abschluss seines Sprachenstudiums eine ideale Herausforderung, so der junge Rumäne, der inzwischen Italien sein Zuhause nennt.

Er selbst habe Europa immer als eine Art große Familie wahrgenommen. „Und ich wurde nicht enttäuscht: Wir treffen überall nur auf nette Menschen. Grenzen haben wir noch keine wahrgenommen. Ob im wirklichen oder übertragenen Sinne“, so sein Fazit.

Natürlich sei es ein großes Abenteuer, einen Monat lang quer durch Europa zu reisen. Zu den bisher schönsten Momenten befragt, liefert Rares eine diplomatische Antwort: Höhepunkte gab es viele, dabei sei man erst in der Hälfte des Programms angelangt. Doch erinnere er sich ganz gerne an die ersten Tage im finnischen Aland. „Eines der größten Archipele der Welt! Für mich war es ein regelrechtes Nirwana, einfach nur am Strand zu sitzen und die Natur auf mich einwirken zu lassen“, schwärmt der 27-Jährige.

Mit ähnlicher Bewunderung spricht Rares anschließend über Samso, eine dänische Insel im Kattegat. Das Eiland ist absolut CO2-neutral und nutzt zu 100 Prozent erneuerbare Energien. „Die rund 4 300 Inselbewohner erzeugen mehr Energie aus erneuerbaren Quellen, als sie verbrauchen. Gut 900 Haushalte werden mit Wärme versorgt, die aus der Verbrennung von Holzpellets und Stroh sowie aus Sonnenenergie gewonnen wird. Unglaublich“, schwärmt Rares. „Wie können wir das nun an anderen Orten umsetzen? Was können wir von diesen Projekten lernen? Das ist unsere Aufgabe“, fährt der Rumäne fort.

Gemeinsam in Europa unterwegs: Rares aus Rumänien (l.) und 
Vanessa aus Südafrika.
Gemeinsam in Europa unterwegs: Rares aus Rumänien (l.) und 
Vanessa aus Südafrika.
Foto: Eric Hamus

Ein Blick von außen

Ähnlich begeistert zeigt sich Vanessa. Die Studentin aus Südafrika sei das Projekt mit dem Interesse einer Touristin angegangen. „Doch ist inzwischen so viel mehr daraus geworden“, so die 24-Jährige, die Agrartechnik in Rumänien studiert. Ihre Einschätzung dürfte besonders interessant sein, da sie die Kulissen der EU als neutrale Außenstehende entdeckt. „Mein Traum war es eigentlich, die verschiedensten Plätze in Europa zu sehen“, so Vanessa. Im Kontakt mit der Bevölkerung aber habe sie eine ganz neue Wahrnehmung entwickelt. „Ein Ort wird erst durch den Austausch mit seinen Einwohnern interessant“, lautet ihr Fazit.

Etwas aber habe sie besonders beeindruckt: die Leidenschaft der Menschen. „Ich habe so viele Menschen kennengelernt, die sich mit enormer Energie für ihre Überzeugung einsetzen“, sagt Vanessa. Das habe sie dazu gebracht, sich selbst und das eigene Tun in Frage zu stellen. Aus der Geschichte für die Zukunft lernen, das sei ihre eigene Lehre. „Was sind meine Hinterlassenschaften? Habe ich mich genug gegen Unterdrückung eingesetzt?“ Fragen, die sich viele der jungen Menschen stellen, die sie auf ihrer Reise kennengelernt habe. „Richtige Draufgänger, im positiven Sinne“, freut sich die Südafrikanerin. „Und alle waren sie eine Inspiration. Wenn mich meine Freunde in zwei Jahren fragen, wie mir Europa gefallen hat, dann fällt mir die Antwort leicht: Es war die beste Zeit meines Lebens.“

Ihre Eindrücke halten die vier „Travelbugs“ im Netz auf roadtriproject.eu und in den sozialen Netzwerken (Instagram und Youtube) fest.


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