Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Konsequenzen der Artenwanderung
Panorama 3 Min. 11.07.2021
Umwelt

Konsequenzen der Artenwanderung

Auch unerwünschte Arten wandern – so bewegt sich etwa die Tigermücke, die tropische Krankheiten übertragen kann, immer weiter nach Norden.
Umwelt

Konsequenzen der Artenwanderung

Auch unerwünschte Arten wandern – so bewegt sich etwa die Tigermücke, die tropische Krankheiten übertragen kann, immer weiter nach Norden.
Foto: Getty Images/iStockphoto
Panorama 3 Min. 11.07.2021
Umwelt

Konsequenzen der Artenwanderung

Viele Tiere weltweit siedeln wegen der Klimaerwärmung um - das bleibt nicht ohne Folgen für Mensch und Tier.

Von Christian Mihatsch

Der deutsche Naturforscher Alexander von Humboldt entdeckte als erster die Klimazonen – Bänder mit ähnlicher Temperatur, die sich um die Erde ziehen. Er erkannte auch, dass in den verschiedenen Klimazonen jeweils eigene Tier- und Pflanzenarten zu finden sind. Humboldt sah sich daher als der Erfinder der „Geografie der Pflanzen“, ein Fach, das heute als „Biogeografie“ firmiert.

Vielleicht machte er diese Entdeckungen bei der Besteigung des Chimborazo im Jahr 1802, einem 6.300 Meter hohen Vulkan in Ecuador. Andrea Wulf schreibt in ihrer Humboldtbiografie dazu: „Die Reise von Quito bis auf den Chimborazo glich einer botanischen Reise vom Äquator bis zu den Polen, nur senkrecht: die ganze Pflanzenwelt, Schicht für Schicht aufgestapelt.“ Dabei sah Humboldt, dass jeder Höhe eine „eigene und unveränderliche Temperatur zugeordnet“ ist. Doch was, wenn sich diese Temperatur verändert? 

Dieser Frage geht der Klimajournalist Benjamin von Brackel in seinem neuen Buch „Die Natur auf der Flucht“ nach und zeigt an vielen Beispielen, dass die Tier- und Pflanzenarten mit den Klimazonen in Richtung der Pole wandern. Diese Beobachtung sollte seit den Entdeckungen Humboldts eigentlich weder überraschend noch kontrovers sein. Trotzdem dauerte es viele Jahre bis sich die Idee unter Naturschützern durchsetzen konnte, dass wir Zeugen einer „massiven Umverteilung des Lebens auf der Erde“ sind, wie von Brackel schreibt. Bei diesem „größten Freilandexperiment aller Zeiten“ wandern Landbewohner pro Tag fünf Meter Richtung Nord- respektive Südpol und Meeresbewohner sogar 20 Meter. 

Politische Krisen durch die Artenwanderung 

Diese Umverteilung bleibt nicht ohne Konsequenzen. So wandern auch unerwünschte Arten nach Norden wie die Tigermücke. Diese überträgt tropische Krankheiten wie Dengue- oder Zikafieber. Auch dadurch, dass sich nun Arten begegnen, die dies zuvor noch nie getan haben, steigt die Gefahr von Krankheiten. Wenn Erreger ganz neue Arten befallen, können sie mutieren und im schlimmsten Fall auch auf den Menschen übertragen werden. 

Wüssten wir, an welchem Punkt sich das Klima stabilisiert, könnten wir uns darauf vorbereiten.

Camille Parmesan, Biologin

Die Artenwanderung kann aber auch politische Krisen auslösen. So erreichten Makrelen im Jahr 2007 zum ersten Mal isländische Gewässer, zur Freude der dortigen Fischer. Großbritannien und Norwegen betrachteten Makrelen aber als „ihre“ Fische. Der Streit eskalierte und isländischen Fischern war es ab 2010 verboten norwegische und manche schottischen Häfen anzulaufen. Wenn sich befreundete Länder wegen Fisch derart streiten können, lässt dies für Regionen wie Südostasien mit seinen umstrittenen Seegrenzen nichts Gutes erwarten. 


Benjamin von Brackel: „Die Natur auf der Flucht“, Heyne Verlag, München 2021, ISBN: 978-3-453-60574-9, 288 Seiten, 13 Euro.
Benjamin von Brackel: „Die Natur auf der Flucht“, Heyne Verlag, München 2021, ISBN: 978-3-453-60574-9, 288 Seiten, 13 Euro.
Foto: Verlag

Bei der großen Artenwanderung werden allerdings auch viele Arten auf der Strecke bleiben. Manche Arten sind zu langsam und geraten dadurch in eine Klimazone, in der sie nicht überleben können. Andere stoßen an geografische Grenzen. Das gilt etwa für Arten, die einen Berg erklimmen, um den steigenden Temperaturen zu entgehen, wie am Chimborazo. Dort finden sich die meisten Arten heute 500 Meter höher als zu Humboldts Zeiten. Dabei schrumpft ihr Lebensraum und oben angekommen, verschwinden sie dann ganz. Forscher sprechen vom „Aufzug ins Aussterben“. 

Schutzgebiete mit ökologischen Korridoren 

Um das „sechste Massenaussterben“ auf der Erde zu stoppen, soll dieses Jahr ein internationales Artenschutzabkommen verabschiedet werden. Es wird erwartet, dass sich die Länder dabei einigen, mindestens 30 Prozent der Erde unter Schutz zu stellen. Entscheidend für den Erfolg, wird dabei sein, welche 30 Prozent das sind. Isolierte Schutzgebiete könnten sonst zum Gefängnis für ihre Arten werden, wenn diese nicht die Möglichkeit haben polwärts zu ziehen. Schutzgebiete müssen daher mit ökologischen Korridoren miteinander verbunden werden. 


Die asiatische Tigermücke wird demnächst in Luxemburg heimisch werden. Mangels Erreger wird aber nicht gleich jeder Stich krank machen.
Tigermücke im Anflug
Exotische Stechfliegen finden vermehrt den Weg nach Luxemburg. Das muss aber kein Grund zur Panik sein.

Zumindest die EU scheint das erkannt zu haben. In der Biodiversitätsstrategie steht: Diese Korridore sollten „genetische Isolierung verhindern und die Migration von Arten ermöglichen“. Mittlerweile werden Arten auch gezielt umgesiedelt, was bis vor kurzem ein Tabu war. Die australische Biologin Christine Hosking sagt: „Als wir zuerst davon schrieben sagte jeder: Nein! Das könnt ihr doch nicht machen. Aber seitdem sich die Situation für Wildtiere auf der ganzen Welt so verdüstert hat, wird es gemacht.“ 

Das Problem dabei sei, dass keiner weiß, mit wie viel Treibhausgas die Menschheit das Klima noch befeuern wird, sagt die französische Biologin Camille Parmesan: „Wüssten wir, an welchem Punkt sich das Klima stabilisiert, könnten wir uns darauf vorbereiten.“ Trotz Artenwanderung und Umsiedlungen wird letztlich dieser Punkt über die Artenvielfalt auf der Erde entscheiden, denn jedes Zehntelgrad verlangt seinen Tribut.

Folgen Sie uns auf Facebook, Twitter und Instagram und abonnieren Sie unseren Newsletter.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Über das Leben der Schläfer ist hierzulande nur wenig bekannt. Ein Projekt des Méco soll neue Erkenntnisse über ihr Vorkommen bringen.