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Umfrage zum Thema Chronische Krankheiten (Teil 3): Kann man gesundes Verhalten bewerten?
Panorama 4 Min. 03.03.2016

Umfrage zum Thema Chronische Krankheiten (Teil 3): Kann man gesundes Verhalten bewerten?

Umfrage zum Thema Chronische Krankheiten (Teil 3): Kann man gesundes Verhalten bewerten?

Panorama 4 Min. 03.03.2016

Umfrage zum Thema Chronische Krankheiten (Teil 3): Kann man gesundes Verhalten bewerten?

Christophe LANGENBRINK
Christophe LANGENBRINK
Chronische Krankheiten nehmen immer weiter zu. Im Jahr 2030 werden 52 Millionen mehr Menschen an chronischen Leiden sterben. Öffentliche Gesundheitssysteme stehen unter Druck. Wie kann die epidemische Verbreitung chronischer Krankheiten gestoppt werden?

Wichtiges vorab: Bürger können sich selbst helfen! Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind neue Fälle von Herzkrankheiten, Schlaganfällen und Typ-2-Diabetes um bis zu 80 Prozent zu vermeiden. Die Formel ist einfach: Wer die Risikofaktoren wie Zigaretten, Alkohol und sogenanntes „Junkfood“ vermeidet und dazu sich täglich 30 Minuten lang bewegt, reduziert erheblich die Wahrscheinlich an chronischen Leiden zu erkranken.

Vorteile und Leistungen in der Gesundheitsfürsorge

Aber wie können Bürger dazu angeregt werden, sich für diese gesünderen Lebensgewohnheiten zu entscheiden? Die Idee, Vorteile und Leistungen im Bereich der Gesundheitsfürsorge mit „gesunden Verhaltensweisen“ zu verknüpfen, wurde bereits kontrovers diskutiert und von Entscheidungsträgern verworfen. Das Bewerten von „gesunden Verhaltensweisen“ ist längst nicht einfach.

Gefahr, Menschen zu stigmatisieren

Selbst wenn wir die Selbstauskunftsmethode akzeptieren, wie können wir unter den Ursachen unterscheiden? Werden städtische und soziale Umfelder einbezogen? Wird der sozio-ökonomische Hintergrund eines Menschen berücksichtigt? Besteht die Gefahr, Menschen zu stigmatisieren, die nicht die „richtigen“ Entscheidungen treffen? Und wenn wir die Selbstauskunftsmethode nicht akzeptieren, wie können die Lebensgewohnheiten der Menschen dann überwacht werden? Stellt das nicht einen Eingriff in die Privatsphäre und die persönlichen Freiheiten dar? Oder sollten die Menschen tatsächlich in höherem Maße für ihre Lebensgewohnheiten verantwortlich gemacht werden?

Regierungen fördern gesundes Verhalten

Manche Regierungen in Europa haben bereits versucht, gesündere Lebensgewohnheiten zu fördern, indem sie öffentliche Rauchverbote, hohe Tabak- und Alkoholsteuern und Nährwertangaben auf Lebensmittelverpackungen eingeführt haben. Österreich, Ungarn, Island, Norwegen und die Schweiz sind dem Beispiel Dänemarks gefolgt, das 2003 als erstes Land der Welt fast alle Transfette – eine der Hauptursachen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen – durch gesetzliche Vorschriften vom Markt verbannt hat. Ist das Fördern gesunder Lebensgewohnheiten autoritär? Oder macht sich eine Regierung, die sich diesbezüglich zurückhält, der Fahrlässigkeit schuldig? Regierungen wie auch Unternehmen orientieren sich in zunehmendem Maße an verhaltensökonomischen Ansätzen, um Bürger zu gesünderen Lebensgewohnheiten anzuhalten.

Der gesunde Superheld „Sportacus“

So wurde z. B. in Island 1996 ein Fernsehprogramm und eine Mobil-App namens „LazyTown“ eingeführt, in denen der gesunde Superheld „Sportacus“ Kinder motiviert, gesund zu essen und aktiver zu sein, und Eltern die entsprechenden Verhaltensweisen mit kleinen Preisen belohnen. Das Programm konnte die Fettleibigkeitsraten bei Kindern erfolgreich reduzieren. Außerdem empfanden 27-42 Prozent der Kinder im Vorschulalter die gesunden Lebensmittel der Marke „LazyTown“ als schmackhafter als identische Nichtmarkenwaren. 

Unternehmen fördern 
gesundes Essen 

Auch auf Unternehmensebene hat sich einiges getan. Google hat seine Personalkantinen umgestaltet, um gesundes Essen zu fördern, wodurch heute zwei Drittel mehr Google-Mitarbeiter frisches Obst und Gemüse essen. In China beginnt die Arbeit mit einer halben Stunde Leibesübungen. Nestlé hat denselben Ansatz im Schweizer Konzernhauptsitz übernommen.

Zunehmenden Verbreitung von Big Data

Mit der zunehmenden Verbreitung von Big Data werden die Verhaltensweisen und Gewohnheiten von Bürgern und Arbeitnehmern sowohl für den privaten als auch den öffentlichen Sektor immer transparenter, und damit mehren sich auch die Möglichkeiten, ihr Wohlbefinden zu steigern. Allerdings sind die moralischen Implikationen in Hinblick auf Privatsphäre und Freiheit in diesem Zusammenhang höchst unklar, insofern die Grenze zwischen „anregen“ und „manipulieren“ oft sehr dünn erscheint.

Luftverschmutzung verursacht rund 400.000 Todesfälle

Natürlich benötigen Bürger Hilfe. Erforderlich sind Partnerschaften zwischen Akteuren aus dem öffentlichen, privaten und Tertiärsektor, die alle Betroffenen einbeziehen, um gemeinsam gesündere Gesellschaften zu schaffen und große gesellschaftliche Probleme anzusprechen: Umweltschadstoffe wie Insektizide, Pestizide und Düngemittel; in der lebensmittelverarbeitenden Industrie verwendete künstliche Zusatzstoffe wie raffinierter Zucker und Trans-Fettsäuren; sowie Luftverschmutzung, die in Europa jährlich rund 400.000 vorzeitige Todesfälle verursacht und bei den umweltbedingten Ursachen vorzeitiger Sterblichkeit jetzt weltweit an erster Stelle steht, noch vor unsauberem Wasser und mangelnden Sanitäranlagen.

Aktionen beeinflussen die Rechte und Pflichten der Bürger

Diese Akteure haben ebenfalls die Aufgabe, Gesundheitsprodukte und -dienstleistungen zu entwickeln und bereitzustellen. Seitens der Bürger, Entscheidungsträger, Gesundheitsdienstleister, Unternehmen und anderer Stakeholder besteht weiterer Aktionsbedarf, um chronische, nicht-ansteckende Krankheiten besser zu verwalten und zu verhüten.  Allerdings muss hinterfragt und diskutiert werden, wie diese Aktionen die Rechte und Pflichten der Bürger beeinflussen könnten oder sollten. Sollten Bürger zu bestimmten Veränderungen ihrer Lebensgewohnheiten angehalten oder gezwungen werden, um chronische, nicht-ansteckende Krankheiten zu reduzieren? Sollte der Zugang zu kostenloser Gesundheitsversorgung mit gesundheitsbewusster Lebensführung verknüpft sein? Sollten Bürger, die zu viel Alkohol trinken, rauchen oder Lebensmittel mit hohem Zucker-, Salz- oder Trans-Fett-Gehalt essen, mehr für ihre Gesundheitsversorgung zahlen? Was würde das für persönliche Entscheidungen, Privatsphäre und Überwachung bedeuten, und wie beweist man, dass der eigene Lebensstil „gesund“ ist? Würde eine derartige Intervention benachteiligten Bürgern, für die das Risiko am höchsten ist, eine unverhältnismäßige Last auferlegen? Tun Regierungen und Unternehmen genug, um Bürger über die Risikofaktoren für chronische, nicht-ansteckende Krankheiten zu informieren oder sie vor diesen Risiken zu schützen?

"REIsearch“ will die Herausforderung meistern, die Erfahrungen von EU-Bürgern und das Fachwissen von EU-Forschern zusammenzubringen, um damit Politiker beim Fällen von Entscheidungen zu unterstützen, die Auswirkungen auf die Gesellschaft als Ganzes haben.

Luxemburger Wort mit zehn Medienpartnern dabei

"REIsearch" koordiniert zehn europäische Medienorganisationen: Der Standard, El País, EuroScientist, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Gazeta Wyborcza, La libre Belgique, Luxemburger Wort, Público, Sole24ore und The Irish Times, die durch ihre Online-Ausgaben sowie durch die REIsearch-IT-Plattform eine Kampagne für Bürgerengagement führen sollen. Elsevier, Mendeley, OpenAIRE und die Gemeinsame Forschungsstelle der Europäischen Kommission (JRC) sorgen für das Engagement der Forscher.

(chl mit Atomium European Institute for Science, Media and Democracy)



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