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Sind Luxemburgs Senioren weniger anfällig für Demenz?
Panorama 3 Min. 21.07.2016 Aus unserem online-Archiv
Überraschende Zahlen

Sind Luxemburgs Senioren weniger anfällig für Demenz?

Wer mehrere Sprachen spricht stimuliert sein Gehirn sehr effektvoll bis ins hohe Alter.
Überraschende Zahlen

Sind Luxemburgs Senioren weniger anfällig für Demenz?

Wer mehrere Sprachen spricht stimuliert sein Gehirn sehr effektvoll bis ins hohe Alter.
Foto: Shutterstock
Panorama 3 Min. 21.07.2016 Aus unserem online-Archiv
Überraschende Zahlen

Sind Luxemburgs Senioren weniger anfällig für Demenz?

Manon KRAMP
Manon KRAMP
Eine neue Studie über Demenzerkrankungen und Kognitionsstörungen bei den Senioren Luxemburgs ergab niedrigere Prozentzahlen im Großherzogtum als in anderen Ländern. Dies könnte etwas mit der Mehrsprachigkeit zu tun haben.

(C./mk) - Das „Luxembourg Institute of Health“ liefert zum ersten Mal landesweite Schätzungen zur Anzahl von Demenzerkrankungen und Kognitionsstörungen bei den Senioren Luxemburgs: Die Prozentzahlen sind im Großherzogtum niedriger als in anderen Ländern. Dieses Ergebnis ist möglicherweise auf die Mehrsprachigkeit der Bevölkerung zurückzuführen.

Eine Analyse von Magali Perquin, Projektleiterin am „Department of Population Health“ des LIH und ihrer Kollegen, die an einer repräsentativen Stichprobe von 438 Personen im Alter von über 64 Jahren im Rahmen der Luxemburger MemoVie-Studie durchgeführt wurde, ermöglichte Schätzungen des Anteils der Bevölkerung, der in Luxemburg unter Demenz und Kognitionsstörungen leidet.

Das Ergebnis: 3,8 % der älteren Bevölkerung leidet an Demenz und 26,1 % beklagt sich über Kognitionsstörungen. „Der Anteil von Personen, die an Demenz leiden, ist erstaunlich niedrig im Vergleich zu Zahlen, die aus anderen Ländern hervorgehen“, betont  Perquin. „Bei ähnlichen Studien mit größerer Teilnahme ergaben sich für Senioren, die an diesen Beschwerden leiden, Prozentzahlen von 6,4 % für Europa, 7,1 % für Lateinamerika und 8 % für Kanada.“

Über Kognitionsstörungen gibt es erstaunlicherweise bislang nur wenige Feldstudien. Bei einer repräsentativen Studie in Australien beklagten sich zum Beispiel 33,5  Prozent der Teilnehmer über Gedächtnisstörungen. Ein Ergebnis, das ebenfalls höher ist als der für Luxemburg ermittelte Anteil.

Mehrsprachigkeit als Plus

Diese Erkenntnisse, die durch weitere Studien bestätigt werden müssen, scheinen ein nationales Phänomen zu bekräftigen, und zwar jenes, dass sich Luxemburger einer langen Lebenserwartung bei guter Gesundheit und ohne größere Beeinträchtigung erfreuen können.

Frühere Untersuchungen von Perquin und ihren Kollegen ermöglichten ein Korrelieren der Ergebnisse mit einem anderen Phänomen in Luxemburg: die intensive Mehrsprachigkeit der Ansässigen und ihre mögliche Verbindung mit der kognitiven Reserve. Vorherige Ergebnisse, die jetzt in weiteren mehrsprachigen Gesellschaften in Kanada und Indien belegt wurden, ergaben: Menschen, die mehr als zwei Sprachen intensiv in ihrem Leben benutzen, sind drei- bis viermal weniger anfällig für den Abbau kognitiver Fähigkeiten als Zweisprachige.

Je früher und schneller man Sprachen erlernt, desto größer ist die positive Wirkung. „Bei diesen Menschen gibt es wahrscheinlich eine Erweiterung der kognitiven Reserve, eine großartige, durch lebenslange kognitiv stimulierende Aktivitäten angeeignete Ressource des Hirns“, erläutert Magali Perquin. „Menschen, die über eine gute Bildung verfügen oder mehrere Sprachen intensiv, dauerhaft und früh praktizieren, entwickeln diese höhere kognitive Reserve. Sie können den neurodegenerativen Erscheinungen der Demenz leichter standhalten. Um es klar auszudrücken: Diese Menschen entwickeln erst später, weniger gravierende oder sogar gar keine Demenzsyndrome."

Das von Saverio Stranges geleitete „Department of Population Health“ des LIH führte die MemoVie-Studie von 2008 bis 2011 in Partnerschaft mit dem CHL sowie nationalen und internationalen Mitarbeitern der MemoVie-Gruppe durch. Das Projekt wurde vom Luxemburger „Fonds National de la Recherche“ unterstützt. Die daraus hervorgehende Veröffentlichung ist online in der kostenlos verfügbaren wissenschaftlichen Zeitschrift „PLOS One“ erschienen.

Studienteilnehmer 64+ gesucht

Wie kann die Mehrsprachigkeit zu einer erhöhten kognitiven Reserve führen? Auf diese Frage soll die neue Studie „MemoLingua“ eine Antwort geben, die von Magali Perquin vom LIH, Nico Diederich, Neurologe am „Centre Hospitalier de Luxembourg“ (CHL), und ihren Mitarbeiter ins Leben gerufen wurde. Ziel ist die Untersuchung des Mechanismus, mit dem die Mehrsprachigkeit den kognitiven Schutz beeinflusst. Das Team arbeitet mit Juraj Kukolja und Gereon Fink der Universität Köln und dem deutschen Forschungszentrum Jülich, einem international anerkannten Zentrum für Neuroimaging auf dem Gebiet der funktionalen Magnetresonanz, zusammen.

Die Forscher wollen die funktionellen Bereiche des Gehirns ermitteln, die an der von der Mehrsprachigkeit erzeugten kognitiven Reserve beteiligt sind. Gesucht werden nun Personen über 64 Jahre, die an der Studie teilnehmen wollen.

  •  Info und Anmeldung: Magali Perquin Tel. 26 97 07 44 / Nadia Caldarelli Tel. 26 97 07 74

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