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TV-Serie „Chernobyl“: Nackte Unwahrheiten
Panorama 1 2 Min. 18.06.2019

TV-Serie „Chernobyl“: Nackte Unwahrheiten

Der Ort des Unglücks, das ehemalige Atomkraftwerk von Tschernobyl, lockt viele Touristen an - zumindest in der Ferne.

TV-Serie „Chernobyl“: Nackte Unwahrheiten

Der Ort des Unglücks, das ehemalige Atomkraftwerk von Tschernobyl, lockt viele Touristen an - zumindest in der Ferne.
Foto: AFP
Panorama 1 2 Min. 18.06.2019

TV-Serie „Chernobyl“: Nackte Unwahrheiten

Die gefeierte HBO-Produktion „Chernobyl“ – in Luxemburg zu sehen bei Sky – feiert weltweit Erfolge. Nur in Russland stößt sie auf Kritik.

von Stefan Scholl (Moskau) 

Manche Szenen sind arg pathetisch. Da baut sich ein Minister, flankiert von zwei Soldaten mit Kalaschnikows, vor 50 kohlschwarzen Kumpeln in der Grubenstadt Tula auf, um sie zum Sondereinsatz an einen unbekannten Ort zu befehlen. Diese weigern sich, der Minister gibt zu, es gehe nach Tschernobyl, wo die Bergarbeiter nach dem GAU verhindern sollen, dass Radioaktivität ins Grundwasser gelangt. Die Männer sind sofort bereit, auf die wartenden Lastwagen zu klettern, klopfen aber vorher mit ihren schmutzigen Pranken auf den hellblauen Anzug des Politikers.

Künstlich aufgebautes Drama

Die amerikanisch-britische TV-Serie „Chernobyl“ sorgt auch in Russland für viel Furore. Anfangs lobte sogar der russische Kulturminister Wladimir Medinski, ein notorischer Kritiker des Westens, das Format: Sie sei mit großem Respekt vor den einfachen Leuten gedreht worden. Aber inzwischen ist die Stimmung gekippt. „Mickey Mouse bringt Krieg nach Russland“, schimpft das nationalistische Portal „Regnum“. Und die Partei „Kommunisten Russlands“ hat sogar bei der Zensurbehörde beantragt, die Serie im Internet zu blockieren.

Die Bergmänner, die in Tschernobyl ihr Leben riskierten, sagen, der Bergbauminister sei vorher tatsächlich bei ihnen gewesen. „Aber ohne Soldaten mit Sturmgewehren. Er hat zunächst 150 Freiwillige für Tschernobyl gesucht“, erklärt Wladimir Naumow, Tschernobyl-Veteran aus Tula. „Es haben sich zweimal mehr Leute gemeldet.“ Und niemand habe den Anzug des Ministers mit Kohle verschmiert. „Wir haben unseren Minister geachtet.“


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Eine der großen Schwächen sei nach Aussage der Kritiker die Überzeichnung der späten Sowjetunion zum totalitären Staat. Die Chefs des havarierten Kraftwerks und der Kreisverwaltung tagen anfangs in einem Führerbunker, in dem an jeder Ecke Sowjetarmisten in Paradeuniform stehen, auch der Kampf der Liquidatoren gegen die Radioaktivität auf dem Kraftwerksgelände wird – im Widerspruch zur historischen Realität – von Kalaschnikow-Schützen überwacht, KGB-Staatssicherheitler sind allgegenwärtig. „Die Sowjetunion ist also eine primitive Militärdiktatur gewesen“, bloggt der Kommunist Dmitri Jewsejew erbost, „ihre Bürger vollbrachten Heldentaten nur mit Gewehrläufen im Rücken.“

Aber auch, wenn die Serie einige Mal übertreibt – sie verdreht nicht. Sie zeigt Spitzenfunktionäre des Systems, die opfermutig in der Strahlungszone bleiben, um den GAU unter Kontrolle zu bringen, etwa den stellvertretenden Regierungschef Boris Schtscherbina. „Hervorragend, wie der Film die Menschen von Tschernobyl darstellt“, sagt Schrifstellerin Lisa Alexandrowa-Sorina, „an manchen Stellen kam er mir fast schon zu patriotisch vor.“ Und Journalist Alexander Demidow, zur Zeit der Katastrophe DJ in der Stadt Pripjat, wo die Belegschaft des Kernkraftwerks wohnte, staunt: „Die Emotionen kehren zurück wie in einer Zeitmaschine.“

Zu viel Wodka, zu wenig Technik

Russlands staatspatriotische Öffentlichkeit aber sieht in der Serie zu viel leere Wodkaflaschen und zu wenig sowjetische Hochtechnologie. „Das ist ein Film darüber, wie degeneriert die Russen sind“, schimpft Videoblogger Dmitri Putschkow. „Man kann sie also nicht an so ernsthafte Sachen wie Atomenergie heranlassen.“ Die Serie sei vollgestopft mit kleinen antisowjetischen Gemeinheiten, die die Gehirne der Zuschauer vergifteten, schimpft Kommunist Jewsejew. „Sie ist ein Musterbeispiel der modernen westlichen Propaganda.“

Die Kritik vieler Tschernobyl-Veteranen ist zurückhaltender. Auch wenn die Drehbuchautoren die Bergarbeiter aus Tula splitternackt einen Schacht unter den Reaktor graben lassen, nach Aussagen überlebender Tschernobyl-Kumpel sind diese Nacktszenen ebenfalls reine Fantasie. „Es gibt viel Unwahrheit in der Serie“, sagt Wladimir Naumow. „Aber wir freuen uns trotzdem, dass sie so erfolgreich ist. Sie hat das Interesse für den Unfall von Tschernobyl neu erweckt.“

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