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Trendsport: Golfers Gone Wild
Beim Urban Golf wird auf die ansonsten beim Golf übliche Etikette komplett verzichtet.

Trendsport: Golfers Gone Wild

Foto: Chris Karaba
Beim Urban Golf wird auf die ansonsten beim Golf übliche Etikette komplett verzichtet.
Panorama 23 1 5 Min. 16.04.2016

Trendsport: Golfers Gone Wild

Yves BODRY
Yves BODRY
Viele traditionelle Sportarten haben einen populären Ableger für die Straße. Nach Streetball und Streetsoccer schickt sich jetzt Urban Golf an, die Metropolen der Welt zu erobern - und macht auch vor Luxemburg nicht halt.

Von Yves Bodry

Wer an Golf denkt, denkt an einen perfekt geschnittenen Rasen, an Herren im besten Alter, in feinem weißem Zwirn, die mit edlen Schlägern einen Ball in einem Loch versenken, das so klein ist, dass es ohne Fahne auf dem „Fairway“ überhaupt nicht zu sehen wäre.

Golf gilt bis heute als elitärer Sport, ein Zeitvertreib für Besserbetuchte. Oder Geschäftsleute: So manch großer Deal wurde schon auf einem Golfplatz abgewickelt. Oft war der Sport nur in Verbindung mit einer - meist teuren - Mitgliedschaft in einem Club zu betreiben. Normalsterbliche blieben außen vor. Auch wenn sich das klassische Golf allgemein für eine breitere Zielgruppe geöffnet hat, wird es wohl nie massentauglich: Es braucht viel Übung sowie teures Material. Und vor allem gibt es verhältnismäßig wenige Plätze.

Dabei geht es auch anders. Urban Golf macht es vor. Ein Schläger und ein paar Bälle reichen. Starter-Kits gibt es bereits für rund 40 Euro. Sparfüchse können ihr Glück auch beim Online-Auktionär versuchen. Ein für Einsteiger ideales 7er-Eisen ist für unter 20 Euro erhältlich. Am finanziellen dürfte das Unternehmen Golf demnach nicht scheitern.

Bei jedem Wetter

Ein Sonntagmorgen im März. 9 Uhr in der Früh. Die gefühlte Lufttemperatur tendiert gen Null. In direkter Nähe des ehemaligen Industriestandorts Belval steht zwischen zwei Häuserblocks eine scheinbar bunt zusammengewürfelte Gruppe Männer. So unterschiedlich sie äußerlich auch sein mögen, sie haben alle etwas gemein: Sie sind mit einem Golfschläger „bewaffnet“.

Passanten, meist Besucher oder Anwohner des angrenzenden Altenheims, schauen dem anschließenden Treiben etwas ungläubig zu. Die Stimmung ist gut. Und dies trotz eisiger Temperaturen. „Wir spielen bei fast jedem Wetter. Nur nicht wenn zuviel Schnee liegt. Dann findet man die Bälle nicht wieder“, scherzt Mike Kickert, einer der Organisatoren des Meetings. Zwei bis drei Bälle gehen allerdings bei jeder Session verloren – auch ohne Schnee.

Wir haben unsere eigenen Regeln. Und selbst die werden manchmal noch während des Spiels angepasst

Seit rund vier Jahren treffen sich die Freizeitgolfer regelmäßig. Der Spaß steht im Vordergrund. Gegenüber dem traditionellen Golf wird beim Urban Golf (auch noch Cross Golf oder X-Golf genannt) komplett auf Etikette verzichtet. Das gleiche gilt für das ansonsten strikte Regelwerk. Im Urban Golf gibt es bei internationalen Turnieren zwar feste Regeln, aber: „Wir haben unsere eigenen Regeln. Und selbst die werden manchmal noch während des Spielens angepasst'“, so Kickert. Erfahrung auf einem richtigen Golfplatz hatte zuvor keiner der Truppe. Das wäre auch gar nicht nötig, so der allgemeine Tenor.

Abfalleimer, Straßenlaternen oder Blumentöpfe

Das Ziel des Spiels ist einfach. Es geht darum, ein vorher bestimmtes Objekt mit möglichst wenig Schlägen zu treffen. Das können Abfalleimer, Straßenlaternen oder Blumentöpfe sein. Erlaubt ist eigentlich alles, was Spaß macht. Manchmal werden auch eigens kreierte Gegenstände mitgebracht, die dann als Ziel herhalten müssen.

Bei allem Spaß steht aber auch die Sicherheit beim Urban Golf im Vordergrund. Neben dem Original-Eisen kommen nämlich spezielle Bälle zum Einsatz, die um ein vielfaches leichter sind als richtige Golfbälle. Somit ist die Gefahr deutlicher geringer, dass Fenster zu Bruch gehen, Autos zerbeult oder Menschen verletzt werden.

Mit einem richtigen Golfball wäre ein Zwischenfall an diesem Sonntagmorgen wohl nicht so glimpflich ausgegangen. Bei einem missglückten Abschlag landete der Ball mit voller Wucht im Gesicht des Teamkollegen. Schmerzhaft war es schon, doch mit einem üblichen Ball hätte wohl der eine oder andere Zahn gefehlt.

Zu nennenswerten Unfällen kam es aber noch nie. Probleme mit Passanten gab es ebenfalls nicht. Die Leute seien eher interessiert und blieben stehen und schauten ihnen bei der Ausübung ihres doch eher ungewöhnlichen Hobbys zu, so die Golfer.

Am Anfang war ein Zeitungsartikel

Der Ursprung der Luxemburger Urban-Golf-Gruppe geht auf einen Zeitungsartikel zurück. Initiator Serge Schmol las 2003 erstmals von Urban Golf. Zusammen mit einem Kumpel wurden die ersten Schritte rund um das ehemalige Fußball-Spielfeld von Stade Düdelingen unternommen. Ernst wurde es dann allerdings erst vor vier Jahren, als man anfing mit mehr Spielern zu trainieren und sich auch regelmäßiger zu treffen.

Im Großherzogtum gebe es zwar weitere Anhänger des Urban Golf, zu einem Spiel gegen ein anderes einheimisches Team sei es aber noch nicht gekommen. Der einzige Club in Luxemburg heißt „Rock & Hole“ und wurde 2013 von Patrick Streitz ins Leben gerufen. „Der Verein wurde ursprünglich gegründet, damit wir unseren Sport finanzieren konnten. In verschiedenen Schulen organisierten wir beispielsweise Einführungskurse und boten ebenfalls Kurse bei Freizeitaktivitäten für Kinder an.“

Kreuzbandriss mit Folgen

Auf den großen internationalen Durchbruch wartet das Urban Golf noch. Und so muss man über die Landesgrenzen hinaus blicken, wenn man sich mit Gleichgesinnten messen möchte. Die Teilnahme an internationalen Wettbewerben erfolgte aber laut Serge Schmol eher zufällig.

„Ich war durch einen Kreuzbandriss außer Gefecht gesetzt. Im Internet stieß ich zufällig auf die Website der Crossgolf-EM. Mehr aus Jux habe ich den Organisator angeschrieben und gefragt, ob wir auch eine Luxemburger Mannschaft melden könnten. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Wir wurden quasi mit offenen Armen empfangen. Die Einladung für die EM 2014 in Köln, die nur eine Woche nach dem ersten Kontakt stattfand, war uns etwas zu kurzfristig. Im darauf folgenden Jahr klappte es aber und wir reisten nach London.“

Wie unbürokratisch es im internationalen Urban Golf zugeht, beweist auch folgende Anekdote von Schmol. Als es mit der ersten EM-Teilnahme nicht klappte, lud man den EM-Organisator kurzerhand ins Großherzogtum ein. Der erschien schließlich mit der kompletten Mannschaft - immerhin zu der Zeit amtierender Europameister - für ein Spiel in Düdelingen. Die Partie ging haushoch verloren, erinnert sich Schmol. Doch das war in dem Fall wohl Nebensache.

Von der Industriebrache in den Olympiapark 

Urban Golf kann im Prinzip überall gespielt werden. Die Spielorte werden demnach dann auch gerne gewechselt. Mal auf einer Industriebrache, mal quer durch das Petrusstal. Die Urban Golfer versuchen jedenfalls, immer auf öffentlichem Gelände zu bleiben.

Schmol hat da auch schon andere Erfahrungen gemacht. „Als wir einmal auf einer Industriebrache spielten, kreiste auf einmal ein Polizeihubschrauber über uns. Die herbeigeeilte Polizeistreife machte uns darauf aufmerksam, dass wir uns auf Privatgelände befinden würden.“

Unvergesslich bleibt auch das Spiel im Queen Elizabeth Olympic Park in London. Dort fand vergangenes Jahr der European Urban Golf Cup statt. Unter zehn Teams reichte es für die Luxemburger zur Rang neun, immerhin wurde man nicht Letzter. Die Krone setzten sich die damals die Franzosen auf.

Die derzeitige Vorbereitung gilt der anstehenden EM in Amsterdam. Dies findet im Juni statt. Allzu viel Zeit zum Trainieren bleibt da nicht mehr. Doch die Luxemburger Urban Golfer haben sich fest vorgenommen, das Resultat von London zu verbessern.

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