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Supermetro: Das Zentrum zum Greifen nah
Die Tunnelbohrmaschine „Steffi“ soll sich täglich zwölf Meter durch den Untergrund graben.

Supermetro: Das Zentrum zum Greifen nah

Foto: Société du Grand Paris
Die Tunnelbohrmaschine „Steffi“ soll sich täglich zwölf Meter durch den Untergrund graben.
Panorama 3 Min. 07.02.2018

Supermetro: Das Zentrum zum Greifen nah

Die Tunnelbohrungen für das größte Infrastrukturprojekt Europas haben begonnen. Die neue Supermetro soll die Isolation der Pariser Vorstädte beenden.

von Christine Longin (Paris)

Michel wärmt seine Hände an einem Pappbecher mit Glühwein. Es ist kalt und regnerisch an jenem Februarabend in Champigny-sur-Marne, doch der 43-Jährige ist zusammen mit seinem kleinen Sohn Roméo zur Großbaustelle an der Rue de Bernaü gekommen, um einen Blick auf ein riesiges, blau lackiertes Rad zu werfen, das demnächst seine stählernen Zähne in die Erde schlagen soll. Ab Ende März wird die Vortriebsmaschine in der Pariser Vorstadt Champigny den Tunnel für die neue Metrolinie 15 bohren, die spätestens zu den Olympischen Spielen 2024 fertig sein soll. „Sie wird unsere Anbindung verbessern“, sagt Michel, der zum Glück zu seiner Arbeitsstelle nur einen kurzen Weg zurücklegen muss.

Mammutprojekt bis 2030

Noch schwieriger als in die Pariser Innenstadt zu gelangen, ist es, mit öffentlichen Verkehrsmitteln von einer Vorstadt zur anderen zu kommen. Ein Gefühl der Isolation herrscht deshalb in vielen Banlieues. „Die Linie 15 wird von der Bevölkerung so sehnlich erwartet“, bemerkt Christian Favier, der Vorsitzende des Departementsrates, bei der Zeremonie zum offiziellen Baubeginn. „La Quinze“, die Ringbahn rund um Paris, ist das Herzstück des größten Infrastrukturprojekts in Europa. Vier neue Metrolinien, 200 Kilometer Strecke und 68 Bahnhöfe gehören zum Mammutprogramm „Grand Paris Express“, das bis 2030 den Nahverkehr im Großraum mit seinen zwölf Millionen Einwohnern neu strukturieren soll. Die Einwohner der Banlieue können dann mit der Bahn in wenigen Minuten direkt von einem Vorort zum anderen fahren, ohne den zeitraubenden Umweg nach Paris zu machen.

„Wenn man mit den Kindern irgendwo hin will, muss man künftig nicht mehr das Auto nehmen. Das verbessert die Luft“, freut sich Michel. Die Hauptstadtregion kämpft seit Jahren gegen die Luftverschmutzung, die an sonnigen Tagen den Eiffelturm in eine gelb-graue Wolke hüllt. Bürgermeisterin Anne Hidalgo will deshalb ab 2030 Verbrennungsmotoren in der Hauptstadt verbieten. Außerdem ließ sie 2016 die Uferstraße rechts der Seine für Autos sperren – sehr zum Ärger der Bürgermeister der Vorstadtgemeinden. Denn gerade die Bewohner der Banlieue pendeln mit dem Auto in die Stadt.

Wo die neue Metro 15 genau verlaufen soll, zeigt eine Informationstafel auf dem Parc du Plateau in Champigny. Aurore und Anaïs studieren die rote Linie genau, die irgendwann einmal ringförmig um Paris führen soll. Die beiden 25 Jahre alten Frauen freuen sich über die neue Supermetro in ihrer 75 000-Einwohner-Stadt. „Das belebt das Geschäft in den Städten entlang der Strecke. Vor allem in denen, die bisher nicht einmal einen Bahnhof hatten“, sagt Aurore. Rund um die neuen Bahnhöfe entstehen Geschäfte, Büros und Wohnungen.

Das staatliche Unternehmen, das Bauherr des Mega-Projekts ist, öffnet mehrmals im Jahr seine Baustellen, um die Bevölkerung über den Stand der Arbeiten zu informieren. „Man muss die Anwohner bei diesem Projekt mitnehmen“, sagt Chef Philippe Yvin. Das Absenken der ersten Tunnelbohrmaschine in einen 20 Meter tiefen Graben hat er deshalb als großes Event mit Fanfarenzug und Maschinentaufe inszeniert. Von einem Stahlgerüst aus können die Einwohner von Champigny in die Tiefe blicken und die imposante Tunnelbohrmaschine des deutschen Herstellers Herrenknecht sehen. „Steffie“ heißt das Ungetüm, nach einer der wenigen Frauen benannt, die unter der Erde im Tunnelbau arbeiten. Der blauen Scheibe mit zehn Metern Durchmesser folgt ein hundert Meter langer Zug mit Spezialvorrichtungen zum Setzen der Betonhülle, Pilotenkabine und Wagen zum Transport der ausgehobenen Erde nach draußen.

Kosten von 35 Milliarden Euro

Wie ein Maulwurf soll sich „Steffie“ jeden Tag etwa zwölf Meter durch den Boden graben, um 2,2 Kilometer weiter in Villiers-sur-Marne herauszukommen. Danach wird die Maschine irgendwo anders eingesetzt. Die Flughäfen Orly und Charles de Gaulle sollen so ebenso an Paris angebunden werden, wie die nördlichen Vorstädte. In Clichy-sous-Bois, wo 2005 die Vorstadtunruhen begannen, besteht dieses Versprechen seit mehr als zehn Jahren. Die Umsetzung droht sich nun allerdings weiter zu verzögern, denn „Grand Paris Express“ wird deutlich teurer als gedacht. Inzwischen kalkuliert der Rechnungshof mit rund 35 Milliarden Euro – statt der anfangs angepeilten 19 Milliarden Euro.

Der Bau der Linie 16, die Clichy-sous-Bois endlich aus ihrer Isolation befreien sollte, wird erst einmal verschoben. Ebenso wie die Linie 17, die vorerst nur zu den olympischen Sportstätten führen soll und nicht wie geplant bis zum Flughafen Charles de Gaulle. Noch hält die Regierung an allen Streckenabschnitten fest, legt sich aber nicht auf einen Zeitplan fest. Klar ist bislang nur, dass die für die Olympischen Spiele notwendigen Linien zuerst gebaut werden.


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