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Stumme Wiesen: Neue Belege für Insektensterben
Panorama 3 Min. 30.10.2019

Stumme Wiesen: Neue Belege für Insektensterben

Auf Wiesen und in Wäldern Deutschlands sind inzwischen deutlich weniger Insekten unterwegs als noch vor einem Jahrzehnt. Das belegen neue Daten, die Forscher unter Leitung der TU München  ausgewertet haben.

Stumme Wiesen: Neue Belege für Insektensterben

Auf Wiesen und in Wäldern Deutschlands sind inzwischen deutlich weniger Insekten unterwegs als noch vor einem Jahrzehnt. Das belegen neue Daten, die Forscher unter Leitung der TU München ausgewertet haben.
Foto: Stefan Seibold/TU München/dpa
Panorama 3 Min. 30.10.2019

Stumme Wiesen: Neue Belege für Insektensterben

Viel wird seit einiger Zeit diskutiert über den dramatischen Insektenschwund und seine Ursachen. Doch belastbare Daten sind rar. Eine Studie liefert wertvolle neue Zahlen.

(dpa) - Es gibt sie noch, die blühenden Wiesen, auf denen im Sommer unzählige Insekten summen und brummen. Doch es ist stiller geworden in vielen Naturlandschaften Deutschlands: Auf Wiesen und in Wäldern sind deutlich weniger Insekten unterwegs als noch vor einem Jahrzehnt, wie eine Studie unter Leitung von Forschern der Technischen Universität München (TUM) belegt. 

Die Wissenschaftler hatten in drei Regionen des Landes Insekten und andere Gliederfüßer wie Spinnentiere oder Tausendfüßer in Wäldern und Graslandschaften gezählt. Zumindest in letzteren hänge der Tierschwund vermutlich mit der Landwirtschaft zusammen, schreiben sie im Journal „Nature“.

Eine Pflanzenschutzspritze mit so genannter Dropleg-Technik steht an einem Rapsfeld für den Einsatz bereit. Sie dient dem Schutz der Insekten.
Eine Pflanzenschutzspritze mit so genannter Dropleg-Technik steht an einem Rapsfeld für den Einsatz bereit. Sie dient dem Schutz der Insekten.
Foto: Martin Schutt/dpa

Die Studie liefere den stärksten bisher verfügbaren Beleg für den Rückgang der Insekten, schreibt William Kunin von der University of Leeds in einem Kommentar zu der Studie. „Das Urteil ist klar. Mindestens in Deutschland ist der Insektenschwund real - und er ist so schlimm wie befürchtet.“ Bisher gab es in Deutschland nur vereinzelt größere Datensammlungen zur Entwicklung der Insektenzahlen in den vergangenen Jahrzehnten. Die Daten des Teams um Sebastian Seibold vom Lehrstuhl für Terrestrische Ökologie der TUM erweitern das vorhandene Wissen erheblich.

Ein Drittel weniger Arten

Die Forscher hatten von 2008 bis 2017 regelmäßig Insekten und andere Gliederfüßer an insgesamt 290 Standorten in folgenden Regionen gesammelt: auf der Schwäbischen Alb in Süddeutschland, im Hainich - einem bewaldeten Höhenrücken in Thüringen - sowie in der brandenburgischen Schorfheide. Die Wissenschaftler untersuchten 150 Standorte in Graslandschaften jährlich zwei Mal. Mit Netzen sammelten sie die Tiere von der Grasfläche. Von den 140 Waldstandorten wurden 30 jährlich unter die Lupe genommen, der Rest an drei Jahren innerhalb des Jahrzehnts. Sie fingen die Insekten dort mit Fallen.

Dass solch ein Rückgang über nur ein Jahrzehnt festgestellt werden kann, haben wir nicht erwartet.

Forscher Wolfgang Weisser

Insgesamt analysierten die Wissenschaftler Daten von mehr als einer Million Insekten und anderen Krabbeltieren, die zu mehr als 2700 Arten gehörten. Sowohl auf Wiesen als auch in Wäldern ging die Artenzahl im Studienzeitraum um etwa ein Drittel zurück. Auch deren Gesamtmasse nahm ab, besonders ausgeprägt in den Graslandschaften - um 67 Prozent. In den Wäldern schrumpfte sie um etwa 40 Prozent. Den Einfluss des schwankenden Wetters berücksichtigten die Forscher.

„Dass solch ein Rückgang über nur ein Jahrzehnt festgestellt werden kann, haben wir nicht erwartet - das ist erschreckend, passt aber in das Bild, das immer mehr Studien zeichnen“, sagt Wolfgang Weisser von der TUM, einer der Initiatoren des Projekts.

Bienen gehören zu den wichtigsten Bestäubern von Pflanzen.
Bienen gehören zu den wichtigsten Bestäubern von Pflanzen.
Foto: Ralf Hirschberger/zb/dpa

Insektenschwund nahe Ackerflächen

Um den möglichen Ursachen für den dramatischen Rückgang der Insekten auf die Spur zu kommen, stellten die Forscher einen Zusammenhang zur Landnutzung an den einzelnen Standorten her. Diese reichte von Wiesen, auf denen nur einige Tage im Jahr Schafe weideten und die ansonsten weitgehend unberührt blieben, bis zu stark bewirtschafteten Flächen, die gedüngt und mehrmals jährlich gemäht wurden und/oder auf denen etwa ein Drittel des Jahres Rinder weideten. Auch die Waldflächen unterteilten sie in drei Kategorien von wenig bis stark bewirtschaftet.


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Insgesamt stellte das Team keinen unmittelbaren Zusammenhang mit der regionalen Landnutzungsintensität fest. Allerdings war der Insektenschwund auf solchen Grasflächen besonders ausgeprägt, die von landwirtschaftlich genutzten Ackerflächen umgeben waren. Dort schrumpfte vor allem die Biomasse solcher Arten, die keine großen Distanzen zurücklegen. Möglicherweise hätten sie schlechtere Chancen, Flächen (neu) zu besiedeln, wenn sie von viel Ackerland umgeben sind.

In den Wäldern schwanden vor allem Arten, die weite Strecken zurücklegen. „Ob mobilere Arten aus dem Wald während ihrer Ausbreitung stärker mit der Landwirtschaft in Kontakt kommen oder ob die Ursachen doch auch mit den Lebensbedingungen in den Wäldern zusammenhängen, müssen wir noch herausfinden“, erläutert Martin Gossner, ein weiterer beteiligter Forscher der TUM.

Die Forscher fordern nun gemeinsame Anstrengungen aller Akteure. „Aktuelle Initiativen gegen den Insektenrückgang kümmern sich viel zu sehr um die Bewirtschaftung einzelner Flächen und agieren weitestgehend unabhängig voneinander“, sagt Seibold. „Um den Rückgang aufzuhalten, benötigen wir ausgehend von unseren Ergebnissen eine stärkere Abstimmung und Koordination auf regionaler und nationaler Ebene.“


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