Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Studie: Hydroxychloroquin schützt nicht vor Ansteckung
Panorama 3 Min. 04.06.2020

Studie: Hydroxychloroquin schützt nicht vor Ansteckung

US-Studie: Das Mittel Hydroxychloroquin schützt Kontaktpersonen von Sars-CoV-2-Infizierten nicht vor einer Ansteckung.

Studie: Hydroxychloroquin schützt nicht vor Ansteckung

US-Studie: Das Mittel Hydroxychloroquin schützt Kontaktpersonen von Sars-CoV-2-Infizierten nicht vor einer Ansteckung.
Foto: AFP
Panorama 3 Min. 04.06.2020

Studie: Hydroxychloroquin schützt nicht vor Ansteckung

Kaum eine Substanz steht als mögliches Medikament derzeit so hoch im Kurs wie Hydroxychloroquin. Es gibt neue Daten zur Wirksamkeit - an einer im Mai vorgelegten Auswertung hingegen werden Zweifel laut.

(dpa) - Das Mittel Hydroxychloroquin schützt Kontaktpersonen von Sars-CoV-2-Infizierten nicht vor einer Ansteckung. Das hat eine Studie US-amerikanischer Wissenschaftler ergeben. Sie hatten Personen das Mittel verordnet, die sich ohne Mund- oder Augenschutz mit einem Abstand von weniger als 1,80 Meter für mindestens 10 Minuten in der Nähe eines nachweislich Infizierten aufgehalten hatten. Die Betroffenen erkrankten später selbst mit der gleichen Wahrscheinlichkeit an Covid-19 wie Kontaktpersonen, die ein wirkungsloses Scheinmedikament bekommen hatten. Die Forscher stellen ihre Ergebnisse im „The New England Journal of Medicine“ vor.


ARCHIV - 13.04.2020, USA, Davenport: Ein Apotheker zeigt in einer Apotheke Dosen mit dem Medikament Hydroxychloroquin von verschiedenen Herstellern. Eine große Analyse der Daten von Corona-Patienten zeigte keinen Erfolg einer therapie mit den Malariamitteln Chloroquin und Hydroxychloroquin.   (zu dpa "Erstmals zeigt an Menschen getesteter Corona-Impfstoff kleine Erfolge") Foto: Kevin E. Schmidt/Quad-City Times via ZUMA Wire/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Hydroxychloroquin auch in Luxemburg verboten
Das umstrittene Malaria-Medikament darf ab sofort auch in Luxemburg nicht mehr eingesetzt werden.

Teilnehmer für ihre Studie hatte das Team um David Boulware von der University of Minnesota in Social-Media-Kanälen und auf traditionellen Medien-Plattformen gesucht. Die Freiwilligen bekamen das Mittel, das ursprünglich zur Behandlung von Malaria und bestimmten Immunerkrankungen entwickelt wurde, per Post mit der Aufforderung, es den Anweisungen entsprechend einzunehmen. Die Einnahme musste spätestens vier Tage nach dem ungeschützten Kontakt erfolgen. In den Wochen danach befragten die Forscher die Teilnehmer mehrfach nach ihrem Gesundheitszustand.

107 der 821 Kontaktpersonen erkrankten innerhalb von 14 Tagen an Covid-19. Nicht bei allen Erkrankten wurde die Infektion mit einem Test bestätigt, in den meisten Fällen schlossen die Forscher aufgrund der Symptome auf die Erkrankung. Der Anteil der Erkrankten war in beiden Gruppen - der Hydroxychloroquin- und der Placebo-Gruppe - etwa gleich hoch. Das Mittel eigne sich somit nicht zur Vermeidung einer Erkrankung, schreiben die Forscher. Sie schränken ein, dass ihre Teilnehmer vornehmlich jung waren und zu keiner Risikogruppe gehörten. Ob das Mittel bei Hochrisikopatienten zur Vorbeugung nutze, müsse weiter untersucht werden.


US President Donald Trump speaks during the Presidential Recognition Ceremony: Hard Work, Heroism, and Hope at the White House, on May 1, 2020, in Washington, DC. (Photo by JIM WATSON / AFP)
Wahlkampf trotz Krise - Trumps Irrlichtern in Zeiten von Corona
Trump will in der Corona-Krise den Ton angeben. Dabei fällt er immer wieder mit gefährlichen pseudo-medizinischen Empfehlungen auf. Die Pandemie breitet sich rasant aus, doch Trump ist stolz auf seine Leistung.

Die Wirksamkeit von Hydroxychloroquin bei bestehender Erkrankung wird derzeit in zahlreichen Studien getestet. Bisherige Untersuchungen brachten keinen gesicherten Hinweis, dass es die Symptome bessert oder die Erkrankungsdauer verkürzt. Das Mittel steht auch deshalb unter besonderer Beobachtung, weil US-Präsident Donald Trump es wiederholt als Wundermittel gepriesen und angegeben hatte, es prophylaktisch einzunehmen, um sich vor dem Virus zu schützen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte am Mittwoch mitgeteilt, dass ausgesetzte Tests mit dem Malaria-Medikament bei Covid-19-Erkrankten wieder aufgenommen werden. Das Mittel ist Bestandteil einer von der WHO koordinierten Forschungsreihe mit mehr als 3.500 Patienten in 35 Ländern.

Zweifelhafte Daten

Die Versuche waren Ende Mai vorübergehend ausgesetzt worden, nachdem es in einem Bericht in der Fachzeitschrift „The Lancet“ hieß, Hydroxychloroquin erhöhe womöglich die Todesrate. An der Publikation gibt es allerdings inzwischen erhebliche Zweifel. „Lancet“ selbst veröffentlichte einen offiziellen Warnhinweis („Expression of Concern“). Es gebe „ernsthafte wissenschaftliche Fragen“ zu den von den Forschern angegebenen Daten.

Dem Science Media Center zufolge zählt zu den Ungereimtheiten, dass sich die Studie auf eine höhere Anzahl von im Krankenhaus verstorbenen Covid-19-Patienten in Australien bezieht als in Australien tatsächlich insgesamt gemeldet wurden. Zudem hätten die Autoren behauptet, 4.402 Patienten in Afrika eingeschlossen zu haben - es sei Kritikern zufolge aber unwahrscheinlich, dass afrikanische Krankenhäuser detaillierte elektronische Gesundheitsakten für so viele Patienten zur Verfügung stellen konnten.


09.04.2020, Bayern, München: Eine Maschine nimmt im Diagnostiklabor für die Covid-19 Studie der Abteilung für Infektions- und Tropenmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) abgetrenntes Plasma einer Blutprobe aus der Studie zur Analyse auf Covid-19 spezifische Antikörper auf. Im Rahmen der Studie mit dem Titel «Prospektive Covid-19 Kohorte München» (KoCo19) werden stichprobenartig Blutproben von 3000 Haushalten in München analysiert, um unter anderem herauszufinden, wie sich das Virus tatsächlich in der Gesellschaft ausgebreitet hat. Foto: Matthias Balk/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Das Virus besser verstehen
Luxemburg startet eine repräsentative Studie, um besser zu verstehen, wie sich das Corona-Virus verbreitet. Der Leiter der Studie, Prof. Rejko Krüger, erklärt, was es mit der Untersuchung auf sich hat.

Die Datenerhebung geht demnach auf eine in Chicago ansässige Firma zurück. Von ihr stammten auch Daten für eine Studie im „The New England Journal of Medicine“ über andere Wirkstoffe, bei der es ebenfalls Zweifel gebe. Der Prozess des sogenannten Peer Review durch Gutachter sei weder dazu gedacht noch in der Lage, die Qualität zugrundeliegender Daten zu prüfen, sagte Ulrich Dirnagl, Direktor der Abteilung Experimentelle Neurologie an der Charité in Berlin, der an keiner der beiden Studien beteiligt war. Sie lägen den ehrenamtlich tätigen Reviewern auch gar nicht vor, zudem hätten die Gutachter auch nicht die Zeit, sie zu prüfen.

„Häufig bleibt es bei einer Art "Reality Check" der wissenschaftlichen Frage, der verwendeten Methodik und der Resultate“, erklärte Dirnagl. „Nur wirklich grobe Verstöße fallen da mit großer Wahrscheinlichkeit auf.“ In Zeiten einer Pandemie, in der Wissenschaftler und Journale unter extremem Zeitdruck zu publizieren versuchten, sei der Review-Prozess noch weniger in der Lage, Fehler und Manipulationen zu erkennen. Es gebe momentan jede Menge Studien mit schlecht erhobenen oder unzureichenden Daten, kritisierte Dirnagl. „Wie unter einem Vergrößerungsglas und zeitlich komprimiert führt uns die Corona-Krise gerade vor, wie wichtig Qualitätssicherung in der Wissenschaft ist.“


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Testkampagne: Die zweite Welle kontrollieren
Wissenschaftler von Research Luxemburg präsentierten die aktuellsten Zahlen zur Corona-Forschung in Luxemburg. Das Virus taucht seltener auf, es ist aber noch lange nicht verschwunden.
Rejko Krüger vom Luxembourg Institute of Health präsentierte die neuesten Ergebnisse der CON-VINCE-Studie.
Das Virus besser verstehen
Luxemburg startet eine repräsentative Studie, um besser zu verstehen, wie sich das Corona-Virus verbreitet. Der Leiter der Studie, Prof. Rejko Krüger, erklärt, was es mit der Untersuchung auf sich hat.
09.04.2020, Bayern, München: Eine Maschine nimmt im Diagnostiklabor für die Covid-19 Studie der Abteilung für Infektions- und Tropenmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) abgetrenntes Plasma einer Blutprobe aus der Studie zur Analyse auf Covid-19 spezifische Antikörper auf. Im Rahmen der Studie mit dem Titel «Prospektive Covid-19 Kohorte München» (KoCo19) werden stichprobenartig Blutproben von 3000 Haushalten in München analysiert, um unter anderem herauszufinden, wie sich das Virus tatsächlich in der Gesellschaft ausgebreitet hat. Foto: Matthias Balk/dpa +++ dpa-Bildfunk +++