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Sir Christopher Clark: "Die Erde ist mein Lieblingsort"
Panorama 6 Min. 02.05.2020

Sir Christopher Clark: "Die Erde ist mein Lieblingsort"

Die Pyramiden von Gizeh sind nicht nur Weltkulturerbe, sondern auch das letzte noch existierende antike Weltwunder.

Sir Christopher Clark: "Die Erde ist mein Lieblingsort"

Die Pyramiden von Gizeh sind nicht nur Weltkulturerbe, sondern auch das letzte noch existierende antike Weltwunder.
Foto: ZDF und Andreas Steffan
Panorama 6 Min. 02.05.2020

Sir Christopher Clark: "Die Erde ist mein Lieblingsort"

Historiker und Cambridge-Professor Sir Christopher Clark ist für "Terra X" und die "Welten-Saga" einmal um den Globus gereist - und hat faszinierende Dinge entdeckt.

Interview: André Wesche

Nach Dokumentationsreihen über Deutschland, Australien und Europa, die im Rahmen des beliebten "Terra X"-Formates vom ZDF präsentiert wurden, führt der renommierte Historiker und Cambridge-Professor Sir Christopher Clark nun auch durch die "Welten-Saga". Dafür reiste der gebürtige Australier einmal um den Erdball und besuchte die faszinierendsten Unesco–Welterbestätten. Die erste Folge – "Die Schätze Afrikas" – wird am Sonntag um 19.30 Uhr ausgestrahlt.

Sir Christopher Clark, in einer Zeit, in der die Flugzeuge am Boden bleiben, kann der Zuschauer mit Ihnen auf Weltreise gehen. Viele Weltkulturerbestätten sind Touristen-Hotspots. Haben Sie deshalb auch Klagen von Einheimischen gehört? 

Nein, eigentlich nicht. Viele Menschen haben ihr Wohlwollen ausgedrückt. Sie haben sich gefreut, dass wir uns diesen Objekten nicht nur im Rahmen eines touristischen Programms, sondern wirklich ernsthaft nähern. Wir wollten die Logik dieser Orte verstehen, ihren Hintergrund und ihre Bedeutung. 

Sehenswertes in der 1. Folge: Die Felsentempel von Abu Simbel wurden in einem riesigen Kraftakt in den 1960er-Jahren abgetragen und an einem sicheren Ort wieder aufgebaut, weil sie durch den Bau den Assuan-Staudammes gefährdet waren.
Sehenswertes in der 1. Folge: Die Felsentempel von Abu Simbel wurden in einem riesigen Kraftakt in den 1960er-Jahren abgetragen und an einem sicheren Ort wieder aufgebaut, weil sie durch den Bau den Assuan-Staudammes gefährdet waren.
Foto: ZDF und Andreas Steffan

Muss man wirklich alles selbst erleben oder sollten wir im Interesse dieses Erbes unser Reiseverhalten überdenken? 

Ich befinde mich gewiss nicht in der Position, zu sagen: "Ihr müsst dort nicht hin, ich war für Euch dort." Es wäre etwas dumm, sich so zu äußern. Aber natürlich stimmt das. Am schlimmsten war es für mich in Venedig. Wenn wir als sechsköpfiges Team dorthin reisen, sind wir natürlich ein Teil des Problems. Das ist ein Paradox der Moderne, und ich weiß nicht, wie man das lösen kann. Die Menschen sind mobiler geworden. Natürlich wollen sie an diese schönen Orte. Aber indem sie in riesigen Massen dorthin strömen, zerstören sie diese Reiseziele. Wir sind alle Touristen, aber viele von uns sind auch Anti-Touristen. Wir haben ein schlechtes Gewissen und denken: Eigentlich ist es schlimm, was wir tun. Ist es die Antwort, zuhause zu bleiben? Ich weiß es nicht. Das ist eine Schlüsselfrage der Moderne. Es ändert aber nichts an einer Aufgabe, die wir uns gestellt haben: Durch diese Filme, in denen wir vier bis fünf Millionen Zuschauern fremde Kulturen zeigen, auch zum Verständnis und zur Toleranz beizutragen. 

Haben Sie selbst auf den Reisen noch viel dazugelernt? 

Immer wieder. Bei der "Deutschland-Saga" hatte ich als Historiker natürlich ein bisschen Hintergrundwissen über Europa. Über Angkor Wat wusste ich zum Beispiel sehr wenig, ich musste mich in solche Bereiche hineinlesen. Dieses Wissen wird vor Ort wahnsinnig schnell vertieft, durch Gespräche mit Experten und Ortsansässigen, Archäologen und Museumsdirektorinnen. Als Historiker, der nicht in seinem angestammten Bereich arbeitet, bringt man typische Fragen mit. Wie hat sich das Verhältnis zwischen diesem Ort und der staatlichen Autorität mit der Zeit geändert? Welche sind die unterschiedlichen Epochen dieses Objektes? Wann wurde es erschaffen und was befindet sich darunter? Wir erleben es oft, dass ein Tempel auf den Überresten eines anderen Tempels errichtet wurde. Oder eine Kirche steht auf einem ehemaligen Tempel. Besonders in Lateinamerika sind die Objekte aufeinandergehäuft. Wenn man tiefer gräbt, stößt man auf eine ältere Kultur, die vielleicht gewaltsam ausgelöscht, erobert oder besiegt wurde. Man bringt nicht immer Hintergrundwissen mit, aber diese Fragen. 

Das Schauspiel der Geschichte ist oft schauderhaft, aber es lässt diese schönen Objekte zurück.

Sir Christopher Clark

Macht und Gewalt sind seit jeher eng verflochten. Viele der Kulturen, die wir beerbt haben, sind auch deshalb in der Bedeutungslosigkeit versunken. Haben wir einen Hang zur Selbstzerstörung? 

Auf jeden Fall einen Hang zur Zerstörung von anderen Menschen. Es ist ein komplexer und heikler Aspekt dieser Objekte, dass sie auch oft Orte der Gewalt waren. Wenn man sich die Aztekentempel in Mexiko anschaut, haben sie auch etwas Sakrales und sind mit Menschenopfern verbunden. Leute wurden getötet und ihre Herzen dem Himmel entgegengestreckt. Sie wurden Opfer eines religiösen Ritus. Es gibt viele Orte mit einer solchen Vergangenheit. Andere Weltkulturerbestätten deuten auf etwas ganz anderes hin, zum Beispiel auf das Überleben in schwierigen Situationen. Wir haben die Wüstenstadt Yazd im Iran besucht und sind auf unglaublich kluge Lösungen im Umgang mit dem kostbaren Wasser gestoßen. Oder auf ausgeklügelte Methoden zum Wärmeaustausch, um Gebäude in großer Hitze mit Hilfe von Wasser und Wind zu kühlen. Es ist nicht immer nur Gewalt im Spiel, auch menschliche Klugheit und Erfindungsreichtum. Interessant ist auch, wie diese Stätten miteinander kommunizieren. Sie sind fast nie das Destillat einer einzelnen Kultur, die sich abgeschottet hat. Im Gegenteil, sie sind fast immer Orte der Verbindungen zwischen verschiedenen Kulturen. 

Spannende Begegnung: Nur noch wenige ägyptische Gruppen können heutzutage das Hilali-Epos aufführen. Dieses Beispiel der arabischen Erzählkunst ist ebenfalls ein Weltkulturerbe.
Spannende Begegnung: Nur noch wenige ägyptische Gruppen können heutzutage das Hilali-Epos aufführen. Dieses Beispiel der arabischen Erzählkunst ist ebenfalls ein Weltkulturerbe.
Foto: ZDF und Andreas Steffan

Es überrascht, wie tolerant manche frühen Hochkulturen gegenüber anderen Religionen waren. Dann sieht man in unseren Tagen IS-Kämpfer, die Weltkulturerbestätten zerstören ... 

Am brutalen Vorgehen dieser IS-Kämpfer erkennt man den eigentlichen Wert dieser Orte. Wenn diese Leute diese Stätten hassen, dann müssen sie ein Herz sein. Sie sind nicht nur wertvoll, sondern bedeutend und mächtig für die Menschlichkeit. Wenn diese Kämpfer Steine auseinandersprengen wollen, dann steckt in diesen Steinen eine Macht, die sie hassen. Und ich denke, dass jede Kraft, die der IS so hasst, heilsam und menschlich ist. Manchmal bemisst sich der Wert eines Ortes an der Schrecklichkeit seiner Feinde. Ob ich optimistisch bin? Vielleicht wäre das zu viel gesagt. Menschen sind unglaublich anpassungsfähig. Das Schauspiel der Geschichte ist natürlich oft schauderhaft, aber es lässt diese schönen Objekte zurück. Das hat etwas Rätselhaftes. Wir sehen nur die schönen Harmonien, die Symmetrien, die schönen Formen und das Charisma des Ortes. Der merkwürdige menschliche Geist haucht uns an, und aus einem Ort der Gewalt wird etwas, an dem wir das Menschliche erkennen können. Ich bin nicht unbedingt optimistisch. Aber diese Objekte erinnern uns daran, dass die Katastrophen der Gegenwart, wie das Corona-Virus, nicht die ersten sind. Die Kulturen haben viele Katastrophen überlebt. Wir müssen lernen, intelligenter mit den Gefahren umzugehen. Aber überleben werden wir schon.

Sie haben viele interessante Menschen getroffen. Gab es auch verstörende Begegnungen? 

In Ägypten wurden wir manchmal halb erpresst, von mysteriösen Männern in schwarzen Hemden und mit angeblich offiziellen Papieren. Sie haben Geld von uns verlangt. Manchmal war die Behörde, der sie angehörten, angeblich eben neu entstanden oder eine bestimmte Regelung sei erst am Vortag getroffen worden. Unsere bestehende Drehgenehmigung sei ungültig. Wenn man das Gefühl hat, abgezockt zu werden, ist das schon sehr unangenehm. Aber in den allermeisten Fällen waren die Menschen sehr angenehm. 

Wir haben noch die Möglichkeit, zu retten, was gerettet werden muss.

Sir Christopher Clark

Haben Sie einen Lieblingsort auf dieser Erde? 

Nein. Es sind so viele schöne Orte. Es mangelt auf diesem Planeten bisher nicht an faszinierenden Plätzen. Wir müssen beim Hüten dieses Schatzes aber unglaublich sorgfältig vorgehen. Was uns übrig bleibt, müssen wir mit heiliger Ehrfurcht behandeln. Wenn Sie so wollen, ist die Erde mein Lieblingsort. 


HANDOUT - 02.01.2019, ---: Die Whirlpool-Galaxie (M51a) und die Begleitgalaxie (M51b), aufgenommen vom «Hubble»-Weltraumteleskop. Dieses Bild stellt eine Verschmelzung zweier Galaxien dar, die in der Masse der Milchstraße und der großen Magellanschen Wolke ähneln. Schwarze Löcher, ferne Galaxien, fremde Planeten: Das Weltraumteleskop «Hubble» hat unseren Blick auf den Kosmos umgekrempelt. Foto: S. Beckwith/Hubble Heritage Team/ESA/NASA/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der aktuellen Berichterstattung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++
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Wie werden Historiker das frühe 21. Jahrhundert beurteilen? 

Alles hängt davon ab, ob wir den Gefahren, die uns bedrohen, auf eine Weise begegnen, die ihnen gerecht wird. Wenn uns das gelingt, wird es heißen, dass da der Weg aus der Finsternis seinen Anfang nahm. Wenn wir das nicht tun, wird man sagen, dass das der Anfang vom Ende war. In vielen Büchern und Filmen wird über das nachgedacht, was nach der Menschheit kommt. Wie wird es aussehen, wenn unsere menschliche Gesellschaftsordnung kaputt geht? Was übrig bleibt, sind ein paar unterirdische Bunker für die CEOs der großen Tech-Firmen. Alle anderen sind tot oder wandeln in einem wilden Zustand herum. Ich sage: Schluss mit diesen dummen Fantasien! Wir haben noch die Möglichkeit zu retten, was gerettet werden muss. Ich rede nicht nur von den Problemen des Planeten, auch von den gesellschaftlichen Ungleichheiten, die durch die Corona-Krise noch stärker sichtbar geworden sind. Wir müssen nicht nur die Umwelt pflegen, sondern gleichzeitig die Menschen. Wir müssen verstehen, dass Natur und Mensch kein Gegensatz sind. Es ist alles ein Kontinuum. Und nur wenn wir aufeinander und auf die physische Umgebung aufpassen, kann es besser werden.

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