„Sesame Refugee"

Elmo will Bildung für alle

Fotograf Ryan Heffernan fing die Augenblicke ein, in denen Kinder auf die Puppe „Elmo“ trafen. Die Bilder entstanden im
jordanischen Zaatari-Lager, in dem über 80 000 Flüchtlinge leben.
Foto: Ryan Heffernan/Sesame Workshop

(m.r.) - In Syrien sind die Gefahren für Kinder laut eines Berichtes des UN-Kinderhilfswerks Unicef im vergangenen Jahr weiter gestiegen. Mehr als 650 Kinderleben kostete der Bürgerkrieg 2016 – 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Über zwei Millionen syrische Kinder leben unter anderem in Zelt- und Containerlagern im Libanon, in Jordanien und in der Türkei.

„Die Zukunft dieser Kinder ist in Gefahr, wenn wir ihnen nicht helfen“, sagt Sherrie Westin. Sie ist Vize-Präsidentin des „Sesame Workshop“, einer der weltweit größten gemeinnützigen Bildungsorganisationen. Gemeinsam mit der „Internationalen Hilfsorganisation für Flüchtlinge und Kriegsopfer“ will die Organisation Krümelmonster und Co. in die Hilfslager bringen. Die Initiative „Sesame Refugee“ soll Kindern und Eltern in Not ein umfangreiches Bildungsprogramm und Therapieangebot zur Verfügung stellen.

Das ist dringend nötig – denn laut Unicef werden weniger als zwei Prozent der weltweiten Hilfsgelder für Bildungsangebote ausgegeben. In vielen Lagern fehlen deshalb die Lehrmaterialien. Nun sollen kulturrelevante Multimedia-Inhalte mit den Bewohnern der Sesamstraße und Unterrichtsmaterialien durch das Projekt in Schulen, Kulturzentren und Krankenhäuser gebracht werden.

Foto: Ryan Heffernan/Sesame Workshop

Dass die Figuren der Sendung das Potenzial haben Kinder zu erreichen, hat die Sendung in den letzten 48 Jahren mehrfach bewiesen. Eine in Bangladesch ausgeführte Studie zeigte, dass Kinder bis zu 67 Prozent bessere Ergebnisse in Mathematik und Sprache erzielten als ihre Altersgenossen, die die Sendung nicht kannten. Im afghanischen Format der Sesamstraße wurde 2016 eine neue Puppe eingeführt. Die weibliche Figur mit dem Namen Zari setzt sich für die Rechte junger Mädchen ein. Eine wissenschaftliche Studie belegt, dass das Vorhaben funktioniert – die Kinder, die die Folgen mit Zari angesehen haben, entwickelten im Vergleich zu anderen einen um 29 Prozent stärker ausgeprägten Sinn für Geschlechtergerechtigkeit.

Vor allem für Kleinkinder

„Sesame Refugee“ zielt vor allem auf Kinder in ihren ersten Lebensjahren. In dieser Zeit entwickelt sich das Gehirn rasend schnell und die Lernfähigkeit ist groß. Kontinuierliche Stresssituationen haben in dieser „kritischen Phase“ einen deutlichen Einfluss auf die Entwicklung der Kinder. Laut einer Studie des „Child Welfare Information Gateway“ kann durch solche Situationen die gesunde Gehirnentwicklung der Kleinen gefährdet werden – was auch das soziale Verhalten im Erwachsenenalter beeinflusst. Vielleicht sind gerade deshalb die Erwartungen an das Projekt hoch. In der internationalen Presse wird die die Initiative sogar als Radikalisierungsprävention betitelt.

Was „Sesame Refugee“ wirklich bewirken kann, wird sich erst in einigen Jahren zeigen. Denn bevor die flauschigen Monster in die Hilfslager einziehen können, wird es noch einige Zeit dauern – je nach Fördergeldern und Planungsphase zwei bis drei Jahre. In einigen Lagern laufen jedoch die ersten Testprogramme.

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„Die Sesamstraße wird ein evidenzbasiertes Modell auf die Beine stellen, das von anderen Organisationen angepasst und umgesetzt werden kann, um Millionen von Kindern in Krisen zu erreichen“, verspricht Sherrie Westin. In der Vergangenheit haben sich auch andere Organisationen zum Ziel gesetzt, Spiel und Spaß in die Hilfslager zu bringen. Seit Beginn der Krise kümmern sich unter anderem im Libanon, wo mittlerweile jeder Vierte ein Geflüchteter aus Syrien ist, Nichtregierungsorganisationen und Privatpersonen um die Flüchtlingskinder – so wie die Gruppe „Clown Me In“.

Keine neue Erfindung

Im Clownkostüm reisen die Mitglieder durch das Land und veranstalten Shows und Workshops für syrische aber auch für benachteiligte palästinensische und libanesische Kinder. Ende 2015 reiste die Gruppe auf die griechische Insel Lesbos. Damals landeten täglich bis zu 3 000 Geflüchtete auf der Insel – während gleichzeitig viele Geflüchtete in der Ägäis ertranken. Die Clowns verschafften den ankommenden Familien eine kurzweilige Abwechslung, die sie dankend annahmen.