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Schweizergarde: Rund um die Uhr für den Papst
Panorama 5 Min. 06.10.2019

Schweizergarde: Rund um die Uhr für den Papst

Die Schweizergarde im Vatikan ist ein beliebtes Fotomotiv für Millionen von Besuchern aus aller Welt.

Schweizergarde: Rund um die Uhr für den Papst

Die Schweizergarde im Vatikan ist ein beliebtes Fotomotiv für Millionen von Besuchern aus aller Welt.
Archivfoto: Guy Wolff
Panorama 5 Min. 06.10.2019

Schweizergarde: Rund um die Uhr für den Papst

Die Traditionstruppe im Vatikan steht für die Sicherheit nach innen und Repräsentation nach außen. In beiden Bereichen steigen die Anforderungen.

von Burkhard Jürgens (KNA)

Schon wieder die gleiche Frage. Nein, hier ist nicht der Eingang zu den Vatikanischen Museen. Und ja, man darf zur päpstlichen Apotheke, aber nur mit Rezept. Und nein, zum Petersdom bitte weiter nach rechts durchgehen. „Es wäre ja schön, wenn die Leute, die nach Rom fahren, einfach mal einen Reiseführer lesen“, sagt David Meier, Schweizergardist.


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Ob echte oder gespielte Ahnungslosigkeit: Fast ununterbrochen tritt jemand auf den Wachhabenden am vatikanischen Sankt-Anna-Tor zu, bittet um Auskunft oder Einlass. Meier informiert, rät – und hält die draußen, die nicht rein dürfen. Dafür sind die Hellebardiere da, die das Territorium des Papstes bewachen, rund um den Petersdom, rund um die Uhr. Das Image der 1506 gegründeten Schweizergarde rangiert zwischen Show-Truppe und Sondereinsatzkommando. Die Realität verbindet Züge von beidem. 

Familiäres Leben 

Verglichen mit der Schweizer Armee geht es in der päpstlichen Kaserne „militärisch gleich“ zu, aber „das Leben ist familiärer“, sagt Cyrill Hof. Der 24-Jährige absolvierte seine Rekrutenschule, Voraussetzung für den Gardedienst, bei den Panzerfahrern in Biere im Kanton Waadt. Nach ersten Berufsjahren als Sanitärinstallateur meldete er sich bei der Garde. Jetzt bewohnt er ein Zweier-Zimmer; Schlaf- und Wohnbereich auf zwei Ebenen getrennt, klimatisiert, Fernsehen, Internetanschluss. Auf dem Bücherbord ein Italienisch-Lehrbuch, fünf Bände des Mittelalter-Romans „Legenden des Krieges“, die Bibel. Statt der kasernenüblichen Pin-ups ein Foto von Papst Franziskus. 

Schweizergardist Cyrill Hof in seinem Zimmer in der Kaserne der Schweizergarde im Vatikan.
Schweizergardist Cyrill Hof in seinem Zimmer in der Kaserne der Schweizergarde im Vatikan.
Foto: Oliver Sittel/KNA

Um die Einhaltung seines Dienstplans kümmert Hof sich selbst. Auf den Fluren brüllt kein Spieß zum Wecken und Antreten. Die Schweizergarde will eigenverantwortlich handelnde Männer, und sie weiß, dass sie ihnen etwas bieten muss. Ein Einstiegsgehalt von 1.500 Euro wirkt da nicht eben wie ein Lockangebot, auch wenn es für italienische Verhältnisse grundsolide ist und Kost und Logis obendrauf kommen.

Der Medienverantwortliche der Garde, Wachtmeister Urs Breitenmoser, führt daher auch nichtfinanzielle Mehrwerte ins Feld – das gute Ansehen des Gardedienstes, Fremdsprachenerwerb, Auslandserfahrung. Seit Jahren wirbt die Truppe mit einem attraktiveren Ausbildungsprogramm wie dem Training durch die Tessiner Kantonspolizei oder der Möglichkeit, sich zum Fachmann für Sicherheit und Bewachung weiterbilden zu lassen. Doch der Rekrutierungspool schrumpft – aus demografischen Gründen, aber auch weil immer weniger junge Katholiken die Eintrittsvoraussetzungen Militärdienst und Kirchenbindung mitbringen. 


The limousine transporting Russian President Vladimir Putin drives past Swiss Guards while arriving at San Damaso courtyard for Putin's private audience with the Pope on July 4, 2019 at the Vatican. - Russian President Vladimir Putin arrives in Rome Thursday for a lightning visit including talks with the pope and Italy's populist government, which has called for an easing of sanctions despite Moscow's ongoing crisis with the West. (Photo by Tiziana FABI / AFP)
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Sechs Uhr, Petersdom. Der Vatikan ist für Besucher noch geschlossen, die größte Basilika der Welt menschenleer. Stille über dem Apostelgrab. Morgenwind geht durch die Portale, der Vorhang der ersten Kapelle im rechten Seitenschiff weht und gibt den Blick auf die Pieta frei, das Meisterwerk des jungen Michelangelo. Keinen gläubigen Katholiken lässt die Stimmung unberührt.

„Um diese Zeit ist es noch ein Ort der Stille, zum Beten“, sagt Breitenmoser. Draußen, am Platz der Glaubenskongregation, lösen die Wachhabenden unterdessen die schweren Metallbolzen des Eisentores aus der Verankerung und schieben die Flügel auf. Hier, am sogenannten Cancello Petriano, ist einer der Haupteingänge für Angestellte, Lieferanten, Handwerker. Mit dem steigenden Tag fließt der kleine Berufsverkehr so lebhaft und geschmeidig in den Vatikan wie auf ein beliebiges Werksgelände. Nur, dass es faktisch eine Staatsgrenze ist, die kontrolliert werden will. 

Eine eigene Sicherheitszentrale

Die Aufgaben der Garde sind gewachsen, aber sie hinkt ihrer Sollstärke von 135 Mann ein gutes Stück hinterher. Der Dienstplan geht von 150 Stunden pro Monat aus, viele kommen auf 180. Dass die Truppe mehr zu tun hat, hängt nicht zuletzt mit der veränderten globalen Sicherheitslage zusammen. Nach der Gendarmerie, dem eigentlichen Polizeikorps des Vatikan, verfügt inzwischen auch die Schweizergarde über eine eigene Sicherheitszentrale. 


Mithilfe von Hammer und Meißel nimmt das Muster auf den Helmen Gestalt an.
Hämmern in päpstlicher Mission
Helme, Schwerter, Harnische – die Ausrüstung der Schweizergarde ist ein echter Hingucker. Gefertigt wird sie von einer Traditionsschmiede im oberösterreichischen Molln – ein Jahrhundertauftrag.

Zwei Räume unter dem Apostolischen Palast, deren genaue Lage nicht publik werden soll. Wandfüllende Bildschirme zeigen das Geschehen an neuralgischen Orten des Kleinstaats. Wer hier Dienst tut, dem muss man „Druck zumuten“ können, sagt Breitenmoser. Es geht um die Zumutung, nicht um maximale Performance. Vom Mann im Kontrollraum wird erwartet, dass er auch nach Stunden trügerischer Routine nach allen Seiten rasch und sicher kommuniziert, wenn eine angespannte Situation eintritt. „Die Reaktionszeiten sind kurz“, sagt Breitenmoser und deutet auf die gedrängten Personen auf einem der Monitore. „Jeder kann eine Bedrohung sein.“ 

Schweizergardisten beim Exerzieren im Vatikan.
Schweizergardisten beim Exerzieren im Vatikan.
Foto: Oliver Sittel/KNA

Das kriegen schon die Rekruten beigebracht. Es ist später Morgen, Hof dient als Schildwache beim Arco delle Campane, der Durchfahrt links neben dem Petersdom zur Papstresidenz Santa Marta. Ein Botschafter hat sich angekündigt, er soll dem Papst sein Akkreditierungsschreiben übergeben. Ein Fall für das Ehrenpikett: Gardisten empfangen den Diplomaten bei der Anfahrt im Damasus-Hof des Apostolischen Palastes und geleiten ihn gemessenen Gleichschritts durch die Prunksäle. Zwei Dutzend Mann sind damit in der Disposition blockiert, ein Viertel der Truppe. 


SS Francesco
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Und die müssen auch noch vorher zum Aufwärmtraining in den Exerzierhof. Kommandos, Haltung, Halskrause – alles muss sitzen. Es ist so etwas wie psychologische Kriegsführung am Heiligen Stuhl: Ein Gast soll den Eindruck bekommen, es mit einem traditionsschweren, perfekt funktionierenden Apparat zu tun zu haben. Der kontinuierliche Drill erinnert im Übrigen daran, dass die Garde eigentlich Ausbildungsbetrieb ist: Von den 26 Monaten Pflichtdienst geht ein erheblicher Teil in militärisches Training, Sprachunterricht und das Büffeln von Personen. Wer die Zentrale der katholischen Kirche schützt, muss schließlich ihre wichtigsten Köpfe nach Gesicht, Name und Funktion kennen.

Auch ein Repräsentationsdienst 

Derweil brandet an den Toren im Vatikan die letzte Besucherwelle des Tages an. Zum x-ten Mal die Frage nach den Vatikanischen Museen, die Bitte um Erlaubnis für ein Foto. Für David Meier, den Hellebardier am Anna-Tor, ist es auch ein „Repräsentationsdienst“ gegenüber Menschen, denen die Welt des Glaubens fremd ist. „Wenn jemand dadurch einen Zugang zur Kirche bekommt, dann haben wir unser Ziel erreicht.“

Für die Gardisten gibt es ein schlichtes Freizeitprogramm, Sport, Italienisch-Lernen, Chatten mit den Leuten daheim. Nicht jeder mag sich ins römische Kneipengetümmel stürzen, nachdem er schon den ganzen Tag Tausende Touristen um sich hatte. Am nächsten Morgen, vor sechs, wird Hellebardier Hof wieder durch die enge Pforte am Portone di Bronzo steigen und den Petersplatz überqueren, der dann einsam und still daliegt bis auf die rauschenden Brunnen und ein paar Möwen auf den Kolonnaden, während über der Engelsburg die Morgenröte aufzieht. Für diesen einen Moment gehört der Vatikan dann ihm, ihm allein.


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