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„Jüngere Frauen haben mehr Möglichkeiten“
Panorama 5 Min. 22.07.2021
Schauspielerin Maren Kroymann

„Jüngere Frauen haben mehr Möglichkeiten“

Zufrieden bereitet sich Carla (Maren Kroymann) auf ihren Varieté-Auftritt vor. Zuvor hat sie endlich ihrem Herzen Luft gemacht und ihren erwachsenen Kindern gekündigt.
Schauspielerin Maren Kroymann

„Jüngere Frauen haben mehr Möglichkeiten“

Zufrieden bereitet sich Carla (Maren Kroymann) auf ihren Varieté-Auftritt vor. Zuvor hat sie endlich ihrem Herzen Luft gemacht und ihren erwachsenen Kindern gekündigt.
Foto: ZDF und W&B Television / Frédéri
Panorama 5 Min. 22.07.2021
Schauspielerin Maren Kroymann

„Jüngere Frauen haben mehr Möglichkeiten“

Maren Kroymann spricht im Interview über den Film „Mutter kündigt“, Erwartungsdruck und fehlende Rollen für ältere Schauspielerinnen.

Interview: Cornelia Wystrichowski

Sie passt irgendwie in keine Schublade: Die Kabarettistin, Feministin, Schauspielerin und Sängerin Maren Kroymann, die bei ihren Auftritten grundsätzlich kein Blatt vor den Mund nimmt. In der Familienkomödie „Mutter kündigt“ – zu sehen am Donnerstag (22. Juli) um 20.15 Uhr im ZDF – spielt die Aktrice eine Witwe, die ihren erwachsenen Kindern eröffnet, dass sie keine Lust mehr auf die Mutterrolle hat und sie nicht mehr sehen will. Die 72-Jährige, die in Tübingen aufwuchs, gilt als eine Wegbereiterin moderner Komikerinnen wie Carolin Kebekus und hat schon Satire gemacht, als das im Fernsehen eigentlich noch eine echte Männerdomäne war. 

Maren Kroymann, in „Mutter kündigt“ spielen Sie eine Mutter von drei erwachsenen Kindern. Sind Sie selbst ein Familienmensch?

Ich bin absoluter Familienmensch. Ich habe vier ältere Brüder, und ich fand es immer toll mit so vielen Leuten zuhause. Und obwohl ich keine Kinder habe und keine Familie im klassischen Sinne gegründet habe, habe ich meine Family, meinen Freundeskreis. Einige dieser Beziehungen halten schon seit Jahrzehnten. Ich bin keine Einzelgängerin, sondern ein Gruppenmensch, ich liebe es im Team zu arbeiten, habe lange in WGs gelebt, fast bis ich 40 war, das war toll. 

Im Film eröffnet die Mutter ihren Kindern eines Tages, sie nicht mehr sehen zu wollen, sie kündigt urplötzlich ihre Mutterschaft. Welches Problem steckt dahinter? 

Die hat einfach ihr Leben noch nicht gelebt. Solange sie als Mutter gelebt hat, konnte sie ihre Vorstellungen nicht verwirklichen, und das will sie jetzt ändern. Ich glaube, dass das ein Tabubruch ist und viele Zuschauer des Films schockieren wird. Wenn Kinder ihre Eltern peinlich finden und sie nicht mehr sehen wollen, wird das eher akzeptiert. Aber eine Mutter, die ihre Ruhe haben will und ihr Leben ohne ihre Kinder weiterführen will: Das gibt es nicht. 

Ist dies eine Rolle, die Ihnen persönlich am Herzen liegt? 

Ich finde, diese Rolle passt zu mir wie die Faust aufs Auge. (lacht) Ich bin ja immer dafür, die Frauenrolle neu zu bewerten – und bei der Mutterrolle anzufangen, finde ich großartig. Eigentlich ist es ja komisch, dass es diese andere Sicht auf die Mutterrolle trotz der feministischen Prägung, die wir in den letzten 30 Jahren mitgekriegt haben, so selten gibt. 

Und was ist mit der jungen Frauengeneration? 

Auch da ist der Druck sehr stark. Zur Emanzipation und zum Erstarken des weiblichen Selbstbewusstseins gehört ja leider auch, dass wir in allem so perfekt sein wollen. Gehen Sie nur mal nach Prenzlauer Berg in Berlin, da gibt es schon sehr genaue Vorstellungen, wie eine politisch korrekte Mutterschaft auszusehen hat. Unter keinen Umständen eine Narkose bei der Geburt! Und auf jeden Fall sehr lange stillen! Es gibt einen enormen Bewertungsdruck in der jungen Generation, und die Frauen müssen richtig mutig sein, wenn sie sich dem entgegenstellen. Entspannt ist anders. 

Wenn Sprache eine veränderte Position der Frau in der Gesellschaft widerspiegeln soll, muss man nicht mit Hass reagieren.

Wird es im Alter leichter, einfach zu tun und zu lassen, worauf man Lust hat? 

Es wird vieles leichter mit dem Älterwerden, und das möchte ich auch allen Frauen sagen. Ich empfinde es als eine der glücklichsten Zeiten in meinem Leben, seit ich etwa 60 bin. Wenn man jünger ist, soll man immer perfekt sein. Gut aussehen, dünn sein, sich gut anziehen, eine gute Mutter sein, kochen können, den Körper optimieren, Yoga machen, gleichzeitig aber beruflich erfolgreich sein. Dieser Erwartungsdruck ist furchtbar. Im Alter entkommt man dem leichter. Ich gelte mit meinen 72 Jahren als jenseits von Gut und Böse, ich bin postklimakteriell und muss die Männer in meinen Rollen nicht mehr anturnen. Das gibt mir große Freiheit, tatsächlich letztlich auch die, viel erotischer zu sein als vorher – weil ich relaxter bin. 

Oft wurde beklagt, dass ältere Frauen zu selten in Fernsehfilmen auftauchen. Ändert sich das?

Es tut sich was, aber es sind immer noch viel zu wenige. Jüngere Frauen, die dem klassischen Schönheitsideal entsprechen, haben im Film einfach mehr Möglichkeiten. Oft werden auch ältere Schauspielerinnen besetzt, die sich die Falten haben entfernen lassen. Ich stehe dazu, dass ich mich nicht liften lasse, weil ich mich total okay finde. Deshalb habe ich die Rolle in dem Film auch so geliebt: Das ist eine Frauenfigur, die so alt sein darf, wie sie ist. 

Ich gelte mit meinen 72 Jahren als jenseits von Gut und Böse und muss die Männer in meinen Rollen nicht mehr anturnen.

Es wird zurzeit viel über die Rolle der Frau in der Gesellschaft gesprochen. Wie bewerten Sie die Fortschritte, die es gibt? 

Es gibt viele Fortschritte, weil das Thema jetzt ernst genommen wird. Als ich in den 1990er-Jahren die Satiresendung „Nachtschwester Kroymann“ gemacht habe, wurde das abgetan: „Die macht dieses Frauenthema, das ist deren Hobby, na ja.“ Heute wird anerkannt, dass die Frau in der Gesellschaft ein politisches Thema ist. Das kommt durch MeToo, die Quotendiskussion, die Bewegung für gleichen Lohn. Die gesellschaftliche Situation ist anders geworden, und dazu habe ich hoffentlich beigetragen, nebenbei gesagt. 


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Wie finden Sie die Diskussion um gendergerechte Sprache? 

Bei der Gleichbehandlung von Frau und Mann geht es um die Sache, nicht nur um die Sprache. Aber natürlich ist die gendergerechte Sprache Teil eines Kampfes, den ich wichtig finde – gegen Gewalt gegen Frauen, für gleiche berufliche Chancen, für gleichen Lohn. Ich tue mich manchmal selber schwer und frage mich: Wie mache ich's? Verwende ich ein Sternchen oder ein Binnen-I? Aber wenn Sprache eine veränderte Position der Frau in der Gesellschaft widerspiegeln soll, kann man das annehmen, da muss man nicht mit Hass reagieren. Alle können das Wort Impfpriorisierung aussprechen, aber Schauspieler*innen soll schwierig sein? Also bitte. 

Sie haben vor Kurzem das Manifest der Initiative ActOut unterschrieben, die sich für mehr Akzeptanz von queeren Schauspielerinnen und Schauspielern einsetzt. Gab es auch negative Reaktionen? 

Nicht direkt, eher so ein Augenrollen von Menschen, die der Meinung sind, das Thema hätte sich längst erledigt. Die Gesellschaft hat unterschiedliche Stadien von Aufgeklärtheit, die gleichzeitig existieren. Nur weil es einen Klaus Wowereit (ehemaliger Regierender Bürgermeister von Berlin, der sich mit den Worten „Ich bin schwul – und das ist auch gut so!“ bei einem Sonderparteitag der SPD im Jahr 2001 outete, Anm. d. Red.) gab, dürfen längst nicht alle Schauspielerinnen und Schauspieler schwul oder lesbisch sein. Viele Künstler fanden die Aktion ActOut toll, wollten aber nicht mitmachen – aus Angst. Es gibt nach wie vor Diskriminierung, es gibt immer noch die Agentin, die sagt: „Sag lieber nicht, dass du lesbisch bist, ruinier dir nicht deine Karriere.“ Da ist noch viel zu tun.

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