Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Sarah Kuttner: „Der Tod ist irre tabuisiert“
Panorama 5 Min. 13.03.2019

Sarah Kuttner: „Der Tod ist irre tabuisiert“

Sarah Kuttner ist derzeit auch mit ihrem Podcast erfolgreich. In „Das kleine Fernsehballett“ diskutiert sie mit ihrem Kollegen Stefan Niggemeier über aktuelle Fernsehformate.

Sarah Kuttner: „Der Tod ist irre tabuisiert“

Sarah Kuttner ist derzeit auch mit ihrem Podcast erfolgreich. In „Das kleine Fernsehballett“ diskutiert sie mit ihrem Kollegen Stefan Niggemeier über aktuelle Fernsehformate.
Foto: Katharina Hintze
Panorama 5 Min. 13.03.2019

Sarah Kuttner: „Der Tod ist irre tabuisiert“

Vom Viva-Girl zur Romanautorin: Sarah Kuttner spricht im Interview über ihr neues Buch „Kurt“ , den richtigen Umgang mit Trauer und Tod sowie ihre Liebe zur Gartenarbeit.

Interview: Cornelia Wystrichowski

Sarah Kuttner kam 1979 in Ost-Berlin als Tochter eines Radiomoderators zur Welt. Nach dem Abitur lebte sie vorübergehend in London und wurde 2001 als Moderatorin des Musiksenders Viva bekannt. Danach präsentierte sie im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wechselnde Formate wie „Kuttners Kleinanzeigen“ oder die Talkshow „Kuttner plus Zwei“. Die 40-Jährige hat außerdem mehrere Bestsellerromane geschrieben, darunter „Mängelexemplar“, der 2016 mit Katja Riemann verfilmt wurde. In ihrem neuen Buch „Kurt“ zieht eine junge Journalistin gemeinsam mit ihrem Freund nach Brandenburg. Als dessen sechsjähriger Sohn aus erster Ehe bei einem Unfall stirbt, gerät die Beziehung in eine Krise.

Sarah Kuttner, Ihr neuer Roman dreht sich um den Tod eines Kindes und die Trauer über den Verlust. Wie kamen Sie auf die Idee, über ein solch schreckliches Thema zu schreiben?

Am Anfang stand die Idee, einen Roman über eine Patchworkfamilie zu schreiben, in dem die weibliche Hauptfigur einen Mann mit Kind kennenlernt. Dann lag der Stoff aber ein Jahr lang nur rum, weil es doch nicht so richtig mein Thema war. Bis mir aufgefallen ist, dass ich in dieser Zeit wahnsinnig viel mit Trauer zu tun hatte und Leute gestorben sind, die ich kenne.


eltern vater kind tochter erziehung liebe familie natur
Jan Abele: „Kinder brauchen keinen Boss“
Eltern, die ihren Kindern mit großer Fürsorge begegnen, werden oft abschätzig als Helikoptereltern bezeichnet. Journalist Jan Abele plädiert in seinem neuen Ratgeber dafür, sich nicht von derartiger Missbilligung verunsichern zu lassen.

Haben Sie um den sechsjährigen Kurt getrauert, als Sie ihn in Ihrem Buch sterben lassen mussten?

Nein, dazu kann ich genug unterscheiden, ob etwas fiktiv ist oder nicht. Aber ich habe mich beim Schreiben in ihn verknallt, und als es dramaturgisch an der Zeit war, ihn sterben zu lassen, erwischte ich mich dabei, das ein bisschen rauszuzögern. Ich lasse den Tod ja auch sehr leise und still stattfinden, damit er keine Sensationsgeilheit auslöst und damit klar wird: Es geht um das, was nach seinem Tod passiert.

Gibt es so etwas wie den richtigen Umgang mit Trauer?

Viele trauernde Leute drängen sich aus Überforderung selbst in eine Rolle, von der sie glauben, dass sie die ausfüllen müssen. Immer: Ich darf jetzt nicht lachen, denn ich habe jemanden verloren. Das ist Quatsch und hemmt die Heilung.

Ist Trauer ein Tabu in unserer Gesellschaft?

Nein, Trauern ist in gewisser Weise sogar sexy. Wenn ein Prominenter stirbt, trauern die Leute bei Facebook, machen einen Tränchen-Smiley und schreiben „Rest in Peace“, obwohl sie jemanden gar nicht kannten. Der Tod dagegen ist immer noch irre tabuisiert. Viele Leute haben noch nie eine Leiche gesehen, weil in unserer Kultur die Toten sofort weggeschafft werden. So lassen sich auch die Schaulusti-gen bei Unfällen erklären: Das ist ihre Chance mal ganz kurz zu gucken, wie das Ende aussehen könnte.

Haben Sie schon eine Leiche gesehen?

Ja, aber eben auch nur bei Dreharbeiten für eine Sendung bei einem Bestatter – und genau deshalb war ich damals auch unheimlich neugierig. Den verstorbenen Freund meiner Freundin hab ich dann auch gesehen. Es ist faszinierend, aber auch erleichternd, wie schnell sich Menschen verändern, wenn sie tot sind. Sie sehen fast umgehend nur noch aus wie eine schlechte Madame-Tussaud-Version ihrer selbst. Da ist wirklich nur noch die Hülle übrig. Ich fand das sehr hilfreich und bin daher auch kein Fan von Schminke nach dem Tod.

Vor fünf Jahren sorgten Sie mit dem Satz „Ich finde Kinder irgendwie doof“ für Wirbel. Jetzt stellen Sie ein Kind ins Zentrum Ihres neuen Romans.

Ich wette, dass ein großer Teil der Bevölkerung nichts mit Kindern anfangen kann. Sie sind eben keine Erwachsenen, und wenn es nicht die eigenen Kinder sind, gibt es eben kaum eine Schnittmenge. Hinzu kommt, dass ich zurzeit nicht vorhabe eigene Kinder zu kriegen, das wird einem auch immer übel genommen. Dass ein Kind in meinem Buch mitspielt, liegt nur daran, dass es um diese Familie geht. Es gibt keinen anderen Zusammenhang.

Sarah Kuttner: „Kurt“, S. Fischer, 240 Seiten, ISBN: 9783103974249, € 20
Sarah Kuttner: „Kurt“, S. Fischer, 240 Seiten, ISBN: 9783103974249, € 20

„Kurt“ ist auch ein Buch über ein Paar, das von der Stadt aufs Land zieht, nach Oranienburg. Was verbindet Sie mit Brandenburg?

Vieles. Wir sind, als ich klein war, an den Wochenenden immer in die Schorfheide gefahren, und mein Vater hat ein wunderschönes Haus in der Uckermark. Vor fünf Jahren habe ich mir ein Wochenendhäuschen mit Garten in der Nähe von Oranienburg gekauft, weil ich Lust auf den ganzen Naturkram hatte. Ich habe dort immer abgerockte Latzhosen an, in sämtlichen Taschen sind Gartenscheren und so, ich grabe Rosen ein und aus, dünge den Rhododendron, schneide den Apfelbaum – das macht mich wahnsinnig zufrieden.

Könnten Sie sich vorstellen, ganz auf dem Land zu leben?

Nein, ich liebe die Stadt und würde nie ganz aufs Land ziehen. Aber ich liebe auch die Möglichkeit, in einer halben Stunde in der Natur zu sitzen und im Garten springen alle Hunde um mich rum. Ich mag auch das etwas Runtergerockte, Ostige, das Brandenburg in dieser Ecke hat. Da gelten auch ganz andere soziale Regeln. Zum Beispiel gibt man sich da noch die Hand zur Begrüßung. Das ist altbacken und viel schöner als diese furchtbare Küssen-Mentalität in der Stadt.

Sie sind als Moderatorin bei Viva und MTV bekannt geworden. Ist das Schreiben auch ein Versuch, dieses Etikett loszuwerden?

Ich habe es nie darauf angelegt, meinen Ruf zu ändern. Ich war in dem Job gut und erfolgreich, es hat mir zu jeder Zeit Spaß gemacht. Was mich aber langweilt sind diese unkreativen Begriffe, die Journalisten auf mich anwenden, wie „frech“ oder „Berliner Schnauze“. Aber vermutlich treffen sie ja zu. Ich bin nicht auf den Mund gefallen, selbst meine Romane sind ja rabaukig. Die Mütter von Bekannten sagen oft: „Die Bücher sind ja interessant, aber die ganze Fäkalsprache muss doch nicht sein.“ Muss aber eben manchmal doch sein, wenn es nah am Leben sein soll.

Im neuen Roman „Kurt“ schreiben Sie auch viel über Sex …

So viel ist es gar nicht, finde ich. Mir ist wichtig, dass meine Bücher realistisch sind, und dass der Leser denkt, das könnte ihm auch passieren. Und zum Leben gehört nun mal, dass Leute Sex haben, aufs Klo gehen oder mal nicht gut riechen. Ich habe keine Lust das rauszunehmen, nur weil es auch um Depressionen oder Sterben geht.

Warum haben Sie keine eigene Fernsehsendung mehr?

Ich würde gerne mehr Fernsehen machen, aber es bricht mir auch nicht die Beine, dass es nicht so ist. Ich habe damals beim Musikfernsehen sehr viel gearbeitet, ich habe mein Geld gespart, ich mag mein Leben so, wie es ist. Ich habe ein, zwei Konzepte fürs Fernsehen in der Schublade, aber die sind schwer an den Mann zu bringen, weil ich eben schwer an den Mann zu bringen bin.

Inwiefern?

Das Fernsehen hat immer weniger Mut. Die Mehrheit der Zuschauer orientiert sich doch längst an den Streamingdiensten. Ich selber liebe Fernsehen, aber ich schaue nur noch in den Mediatheken fern, wenn ich den Zeitpunkt selber bestimmen kann. Den Sendern schwimmen die Felle weg, und deshalb verlassen sie sich auf Leute, die garantiert funktionieren und Zielgruppe bringen. Und so jemand bin ich einfach nicht.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Michael Kessler, der Europafan
Der deutsche Comedian und Schauspieler spricht im Interview über seine neue ZDF-Dokureihe vor der anstehenden Europawahl, den russischen Wodka, die englische Küche und die deutsche Pünktlichkeit.
"Privetik - hallöchen, Karl!" Michael Kessler trifft im Moskau auf die Büste von Karl Marx, auf dessen Ideen sich nicht nur die Bolschewiken zu Sowjetzeiten  gerne beriefen.
Christian Kohlund: Kanzlei statt Karibik
Der Schweizer Schauspieler spricht im Interview über seine Rolle als Anwalt in der ARD-Filmreihe „Der Zürich-Krimi“und über einen guten Rat von Friedrich Dürrenmatt, den er persönlich kannte.
ARD Degeto DER ZÜRICH-KRIMI: BORCHERT UND DIE MÖRDERISCHE GIER, am Donnerstag (28.02.19) um 20:15 Uhr und um 00:35 Uhr im ERSTEN.
Borchert (Christian Kohlund) stößt auf verdächtige Reisen seines Mandanten in Krisengebiete.
© ARD Degeto/Roland Suso Richter, honorarfrei - Verwendung gemäß der AGB im engen inhaltlichen, redaktionellen Zusammenhang mit genannter Degeto-Sendung und bei Nennung "Bild: ARD Degeto/Roland Suso Richter" (S2+). ARD Degeto/Programmplanung und Presse, Tel: 069/1509-335, degeto-presse@degeto.de
Lust auf noch mehr Wort?
Lust auf noch mehr Wort?
7 Tage gratis testen
E-Mail-Adresse eingeben und alle Inhalte auf wort.lu lesen.
Fast fertig...
Um die Anmeldung abzuschließen, klicken Sie bitte auf den Link in der E-Mail, die wir Ihnen gerade gesendet haben.