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Sammler im Großstadtdschungel
Steve Brill präsentiert seinen Kursteilnehmern Krausen Ampfer, den er im Central Park entdeckt hat.

Sammler im Großstadtdschungel

Foto: dpa
Steve Brill präsentiert seinen Kursteilnehmern Krausen Ampfer, den er im Central Park entdeckt hat.
Panorama 4 Min. 03.09.2018

Sammler im Großstadtdschungel

Eine Metropole aus Stahl und Beton scheint kaum ein passendes Biotop für essbare Pflanzen zu sein. Doch Naturkenner Steve Brill zeigt im New Yorker Central Park, dass man wild Gewachsenes durchaus verzehren kann.

(dpa) - Steve Brill ist mal wieder auf Nahrungssuche und ist an einem Baumstumpf vor dem New Yorker Central Park fündig geworden. Brill pflückt eine Handvoll Dachpilze und sagt: „Wenn ihr eine Suppe oder Eintopf macht oder ein paar schmackhaftere Zutaten dünstet, könnt ihr diese hinzufügen.“ Herausragend schmecken die hellbraunen, neben parkenden Autos gewachsenen Pilze nicht, aber sie sind essbar – wie so ziemlich alles, was Brill in den Parks der Millionenstadt sammelt.

Steve Brill ist Naturliebhaber, Welterklärer und Hobby-Koch, eine Mischung aus amerikanischem Peter Lustig und Lieblingslehrer aus der Grundschule. Mit seinem Tropenhelm, erdtonfarbener Funktionskleidung und Wanderrucksack samt Rundspaten vermutet man ihn eher auf einer Expedition in tropischen Vegetationszonen. Aber der 69-Jährige führt durch städtische Parks und zeigt Bewohnern des Großstadtdschungels, was in der Metropole für essbare Schätze sprießen. Seine Touren bietet er schon seit Anfang der 1980er-Jahre an. Zudem hat Brill mehrere Pflanzen- und Kochbücher geschrieben und eine App zur Erkennung wilder Pflanzen entwickelt. „Wildman Steve“ nennt er sich, der „wilde Mann“.

An einem Baumstumpf im Park hat der Großstadt-Expediteur einige Dachpilze entdeckt.
An einem Baumstumpf im Park hat der Großstadt-Expediteur einige Dachpilze entdeckt.
Foto: dpa

Brills Gruppe muss nicht lange suchen. Wenige Schritte vom Treffpunkt im Central Park entfernt, wächst die mit Rucola verwandte Virginische Kresse, die wegen ihres scharfen Geschmacks „Poor Man's Pepper“ genannt wird. Arme Menschen nutzten den „Arme-Leute-Pfeffer“ im 15. Jahrhundert, um halbwegs verdorbenes Essen genießbar zu machen, erklärt Brill. In Salaten oder zum Kochen mit Kartoffeln und Pasta sei der Kreuzblütler gut, mit Essig, Miso-Soße und Estragon könne man mit den Samen im Mixer sogar Senf herstellen.

In Handschellen abgeführt

Dann schickt er die Teilnehmer los, den Hügel hinauf: „Bedient euch! Lasst die Wurzeln stecken, diese wachsen nach.“ Mit Plastiktüten schleichen sie am Gebüsch entlang und rupfen die grünen Stiele aus. Im Lauf der Tour haben einige bald auch Blätter der als Heilpflanze bekannten Wegmalve (als Tee geeignet), weißen Gänsefuß (passt gut mit Reis und Spinat) und den nach Zitrone schmeckenden Sauerklee gesammelt. „Ich hätte nie gedacht, dass ich Pflanzen mit Zitronen- und Pfeffergeschmack finden kann“, meint eine Teilnehmerin. „Es gibt sie tonnenweise“, erwidert Brill. „So ernährten sich die Menschen, bevor es Supermärkte und Bauernhöfe gab.“ Die Himbeeren und Brombeeren sollen auch bald reif sein.

Brills Touren liefen nicht immer so harmonisch ab, denn gesetzlich ist es verboten, Pflanzen aus den Parks mitzunehmen. 1986 nahmen zwei Parkbeamte in Zivilkleidung an der Führung teil und ließen Brill in Handschellen abführen, nachdem er Löwenzahn gepflückt und gegessen hatte. „Park verpasst Krautexperten Maulkorb“, schrieb die „New York Daily News“. Der damalige Parkbeauftragte Henry Stern habe sich einfach nicht mit der Idee anfreunden können, dass jemand „unsere Parks isst“. Das Foto seiner Fingerabdrücke nach der Festnahme hat der Pflanzenguru auf seine Website gestellt.

Den Gedanken, dass ein paar gezupfte Kräuter der Grünanlage schaden könnten, hält Brill für absurd. Die Maschinen der Parkbeamten seien viel stärker, außerdem wecke er in den Menschen ein Verständnis für den Naturschutz. „Die Luft, die Atmosphäre, die Meere, da liegen die Probleme“, sagt Brill. Und je mehr Touren er anbiete, desto mehr Menschen könnten der naturfeindlichen Politik von Donald Trump etwas entgegensetzen. Den erzieherischen Mehrwert seiner Führungen – oder das „PR-Fiasko“ der Festnahme, wie Brill sagt – erkannte wohl auch die Parkbehörde. Sie ließ die Anzeige fallen und stellte ihn vier Jahre lang als offiziellen Pflanzen-Erklärer an. Heute gehören Gemeindegärten und Kurse zur Pflanzenwelt fest zum Freizeitprogramm in New York.

Inspiration für den Nachwuchs

Eine Chinesin namens Lily gehört zu Brills Stammgästen. „Ich habe seine App, aber manchmal muss ich mein Wissen auffrischen“, sagt sie. Was sie mit Brill finde, werde auch in der chinesischen Küche genutzt. Als die Gruppe vor einem Klettenstrauch Halt macht und Brill mit seinem Spaten die Wurzel freilegt, geht Lily mit der Nagelschere ans Werk – die Wurzel ist als Zutat in der japanischen Küche bekannt. Brill hat sie dagegen gedünstet, in Apfelsaft, Weinessig, Sojasoße und Olivenöl mit Knoblauch und Lorbeer eingelegt und daraus veganes Trockenfleisch gemacht. Er verteilt Proben aus einer Tupperdose, die braunen Streifen schmecken köstlich.

Brills Tochter Violet tritt schon jetzt in die Fußstapfen des Vaters. Bereits im Alter von zwei Monaten sei sie mit auf seinen Touren gewesen, sagt die 14-Jährige – „so wie andere damit aufwachsen, zum Supermarkt zu gehen“. Ihre Freunde würden nicht so häufig draußen unterwegs sein, die seien eher mit „ihren Geräten und sozialen Netzwerken“ beschäftigt. In ihrem Beruf will sie später etwas für die Umwelt tun und dabei so viel Zeit wie möglich in der Natur verbringen. dpa


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