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Revolution im Orangenwald
Plantagenbesitzer Luis Bolaños ist zufrieden. Der Verzicht auf rund 90 Prozent der bislang verwendeten Pestizide hat sich für ihn ausgezahlt.

Revolution im Orangenwald

Foto: Martin Dahms
Plantagenbesitzer Luis Bolaños ist zufrieden. Der Verzicht auf rund 90 Prozent der bislang verwendeten Pestizide hat sich für ihn ausgezahlt.
Panorama 5 Min. 07.01.2019

Revolution im Orangenwald

Kilometerweite Monokultur, gebändigte Landschaft unter andalusischem Himmel – auch das hat seinen Reiz. Nur am Rand der Plantage El Cerro zieht sich ein schmaler Streifen Wildnis entlang, der der Natur Raum gibt.

von Martin Dahms (Sevilla)

„Vor fünf Jahren wäre das für mich undenkbar gewesen. Das war ja ungepflegt“, erklärt Luis Bolaños beim Anblick der verwilderten Bereiche. Aber meistens ist er stolz. Das kleine Stück Natur sei zum Beispiel Rückzugsgebiet für die Perleidechse, die könne fast einen Meter lang werden und sei hier eigentlich schon fast verschwunden, weil sie ja nichts zu fressen hatte. Jetzt habe sie wieder ihren Rückzugsraum und auch wieder Insekten zu fressen. „Das ist eine Revolution!“, sagt er begeistert.

Bolaños‘ Enthusiasmus ist ansteckend. Dass er hier eine Revolution in Gang gesetzt habe, sagt er immer wieder, und vielleicht hat er recht. Es ist eine beinahe unsichtbare Revolution, wie ja auch die bisherige, umgekehrte Entwicklung eine fast unsichtbare ist: das Verschwinden der Natur, das Aussterben der Arten. Bolaños ist Orangenbauer. Er betreibt zwei große Plantagen im Guadalquivir-Tal nördlich von Sevilla, und irgendwann fragte er sich: Warum leben hier eigentlich keine Tiere?

„Wenn das hier ein Wald wäre, kämen die Tiere. Aber in den Plantagen wollen sie nicht leben.“ Das muss doch nicht so sein, dachte er sich. Er wollte, dass seine Plantagen zu „den Wäldern der Zukunft“ werden. Wenn das gelänge, „dann wird das die Revolution des 21. Jahrhunderts.“


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Spanien ist Europameister in Sachen Orangen. Auf 144 000 Hektar Land werden hier die Früchte angebaut, traditionell vor allem in der Region Valencia (zurzeit 70 000 Hektar), in jüngerer Zeit aber auch zunehmend in Andalusien (zurzeit 60 000 Hektar) und dort hauptsächlich in der Gegend um Sevilla, wo auch Bolaños seine Orangen zieht. Ein gutes Geschäft? „Im Großen und Ganzen ja“, sagt er, „vor allem ein stabiles Geschäft.“

So ökologisch wie möglich

Einer seiner treuen Kunden ist die deutsche Supermarktkette Edeka. „Das war immer ein, sagen wir, intellektuell fortschrittlicher Supermarkt“, findet Bolaños. Offen für neue Ideen. Also stellte er den Edeka-Leuten vor fünf Jahren sein Zitrusprojekt vor: Er wollte seine Plantagen so umgestalten, dass die heimische Tierwelt darin ein Zuhause hätte. „Ich zeigte ihnen das Projekt, und sie sagten mir: Das nehmen wir!“, erzählt Bolaños strahlend. Die Idee passte.

Edeka lässt sich schon länger vom WWF dabei helfen, das Sortiment in seinen Regalen Stück für Stück umweltverträglicher zu machen. Wenn bei der Herstellung ausgewählter Lebensmittel bestimmte Umwelt- und Sozialstandards eingehalten werden, darf Edeka auf diesen Lebensmitteln mit dem WWF-Panda Werbung machen. So wie auf den 1,5-Kilogramm-Netzen mit Orangen aus dem Sevillaner Zitrusprojekt, die seit zwei Jahren bei Edeka zu haben sind.

Luis Bolaños ist immer noch konventioneller Landwirt, was wahrscheinlich ein großer Vorteil ist. Nach 20 Jahren Berufserfahrung als Orangenbauer hat er nicht nochmals ganz von vorne anfangen müssen. Er hat auf seinen Ländereien nicht alles auf den Kopf gestellt, wie er es hätte tun müssen, wenn ihm eingefallen wäre, seinen Betrieb auf Ökolandbau umzustellen. Er hat sich auf eine Handvoll Neuerungen konzentriert, um seinem Traum vom Orangenwald näherzukommen.

Die Neuerungen machen sein Produkt sieben Cent pro Kilo teurer, rechnet Edeka-Einkäufer Herbert Pummer vor. Die Kunden zahlen das. Auf den neun, insgesamt 715 Hektar großen Plantagen, die sich dem Zitrusprojekt angeschlossen haben, wachsen in einer Saison rund 30 000 Tonnen Orangen heran. 40 Prozent der Orangen, die Edeka in der Hauptsaison zwischen Oktober und Mai in seinen Läden verkauft, seien Sevillaner WWF-Orangen, sagt Pummer.

Von der Umstellung profitiert auch die Natur. Tiere wie diese Gottesanbeterin sind mittlerweile wieder auf den Plantagen heimisch.
Von der Umstellung profitiert auch die Natur. Tiere wie diese Gottesanbeterin sind mittlerweile wieder auf den Plantagen heimisch.
Foto: Martin Dahms

Miguel Ángel Hidalgo, einer von Bolaños‘ Betriebsleitern, war zunächst skeptisch. „Mich hat das anfangs nicht überzeugt“, erzählt er während einer Führung über die Plantage El Cerro. Bis er vor drei Jahren die Sache mit den Blattläusen erlebte. Die Orangenbäume waren damals so von Blattläusen befallen, dass sich ihre Blätter zusammenrollten, und Hidalgo wollte dringend eine Behandlung mit Insektiziden beginnen. Es war ein Freitag. Ein Biologe, der das Zitrusprojekt begleitet, überredete ihn, noch bis zum Montag zu warten: Wenn die Blätter dann immer noch eingerollt seien, könne er spritzen. Am Montag war die Plage überstanden.

„Das war beeindruckend: die gesamte Blattlaus-Population von Hilfsinsekten entweder parasitiert oder verschlungen. In drei Tagen war nichts von ihr übrig geblieben.“ Die Hilfsinsekten, von denen Hidalgo spricht, sind Nützlinge, natürliche Feinde der Blattläuse wie Marienkäfer oder Schlupfwespen. Diese werden im Ökolandbau schon lange eingesetzt. Biologische Schädlingsbekämpfung funktioniert aber auch auf einer konventionellen Orangenfarm.

Rückkehr der Greifvögel

Mit den Gräsern kommen die Insekten und mit den Insekten die Vögel, schließlich auch Raubvögel. Für diese stehen eigens hohe Sitzstangen zwischen den Orangenbäumen bereit, von denen aus sie Jagd auf Feldmäuse oder Kaninchen machen. „Wir haben sogar ein Fischadlerpaar auf unserer Plantage“, erzählt Bolaños, „ich habe vor Rührung geweint, als ich es erfuhr.“


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Etwa fünf Prozent seiner Plantagen überlässt er ganz der Natur, der Rest darf kontrolliert verwildern. Einzig unter den Orangenbäumen werden noch Herbizide gespritzt, allerdings nur gut ein Zehntel der früheren Menge. Was das Zitrusprojekt ansonsten wesentlich vom ökologischen Landbau unterscheidet, ist der Einsatz von chemischem Dünger, sagt Miguel Ángel Hidalgo. Der Stickstoffdünger sei schwer zu ersetzen, der gebe der Orange „ihre Entwicklung, ihr Kaliber“. Also nicht bio. Aber doch Landwirtschaft, die sich die Natur nicht mehr zum Feind macht.

Zur Nachhaltigkeit des Projektes gehört auch der sorgsame Einsatz von Wasser. In Spanien gehen drei Viertel des Wasserkonsums auf das Konto der Landwirtschaft. Der Obst- und Gemüsebau wären ohne die künstliche Bewässerung gar nicht denkbar. Jedes Jahr nimmt die bewässerte Gesamtfläche im Land ein wenig zu, was nur möglich ist, weil zugleich die Bewässerungssysteme effizienter werden. Doch auf Dauer, und zumal angesichts des Klimawandels, wird Spanien seinen Wasserkonsum drosseln müssen.

Die Plantagen von Luis Bolaños sind auf dem besten Weg dahin: Die Orangenbäume erhalten ihr Wasser seit jeher per sparsamer Tröpfchenbewässerung. Doch das System kann noch verbessert werden. Seit zweieinhalb Jahren messen fest installierte Sonden die Feuchtigkeit der Böden, um den Wasserbedarf mit größerer Präzision bestimmen zu können. Noch greifen Menschen ein, um je nach eingehenden Daten den Wasserhahn weit oder weniger weit aufzudrehen. Das System könnte schon selbsttätig handeln und auch den Zeitpunkt der Wasserabgabe genau bestimmen, worin weiteres Sparpotenzial liegt. Doch so weit ist es noch nicht. „Wir trauen dem noch nicht zu 100 Prozent“, sagt Hidalgo. „Das braucht noch ein bisschen Erfahrung.“


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