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Respekt vor Sankt Peter
Eine Frage des Respekts: Mancher Besucher scheint den Petersdom für eine Strandbar zu halten.

Respekt vor Sankt Peter

Foto: KNA
Eine Frage des Respekts: Mancher Besucher scheint den Petersdom für eine Strandbar zu halten.
Panorama 3 Min. 05.07.2018

Respekt vor Sankt Peter

Den Petersdom will jeder Rom-Besucher gesehen haben. Aber nicht jeder weiß, wie er sich benehmen soll. Den Aufsehern verlangt das einiges ab.

von Burkhard Jürgens (KNA)

Ivan am Eingang passt auf wie ein Luchs. Eben gibt er einem Hipster ein Zeichen, den Hut abzunehmen, dann winkt er drei Mädchen hoch, die sich auf einem Marmorsockel niedergelassen haben, jetzt schiebt er sachte eine fußlahme Truppe Chinesen voran und mahnt einen lauten Bengel zur Stille. Ivan, 29-jähriger ukrainischer Priesterseminarist in makellosem schwarzen Anzug und mit stählernem Blick, ist Türsteher im Petersdom. Eine Stunde. Dann wird gewechselt. Es ist einfach zu stressig.

"Nach Sankt Peter kommt die ganze Welt", sagt die Kunsthistorikerin Maria Cristina Carlo-Stella. Das klingt stolz, zeigt aber auch ein Problem an. Die Besucherzahlen steigen in den vergangenen Jahren beständig, auf mittlerweile 35 000 am Tag. Papst Franziskus zieht "wie ein Magnet Menschen aller Kulturen und Religionen an – und die Basilika muss sich auf diesen Erfolg einstellen". So lautet die Bilanz Carlo-Stellas, die nach 16 Jahren in der Leitung der Dombauhütte in den Ruhestand geht.

Traditionelle "Sampietrini"

Nachsicht gegenüber Ferngereisten, die "vielleicht eine andere Vorstellung von Religiosität haben", und seitens der Besucher ein respektvolles Verhalten, das der größten Basilika der Christenheit würdig ist – beides erwartet Carlo-Stella. Die Durchsetzung liegt bei den Aufsehern – den traditionellen "Sampietrini", unterstützt durch päpstliche Gendarmen und ehrenamtliche Helfer. Alles in allem 50 Mann pro Schicht, eine vormittags, eine nachmittags. Was an Besuchern die Schwelle von Sankt Peter erreicht, ist schon vorgesiebt. Die Sicherheitskontrolle filtert Bewaffnete aus, Menschen mit zu viel nackter Haut schaffen es höchstens bis zur Vorhalle. Bedeckte Schultern bei den Damen, knielange Beinkleidung für beiderlei Geschlecht – das ist nach wie vor die Faustregel.


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Für Frauen mit zu knappem Oberteil hält die Basilika Tücher bereit. "Man muss den Leuten geben, was sie brauchen", sagt Carlo-Stella, seit 16 Jahren in der Domverwaltung. Nur Männer mit Shorts müssen draußen bleiben: "So viele kurze Hosen haben wir nicht." Eine spezielle Klientel sind die Kreuzfahrtgruppen. In Civitavecchia an Land gespuckt, absolvieren sie Rom an einem Tag und kommen oft ein bisschen aus der Form geraten an. Der übliche Parcours führt von den Vatikanischen Museen hinunter in die Basilika. Manche merken gar nicht, dass sie von der Kunstsammlung in ein Gotteshaus wechseln.

Säkulares Grundrauschen

Instruktionen des Vatikan an Fremdenführer haben etwas geholfen; auch bereiten mehrsprachige Audio-Hinweise im Atrium die Besucher auf den heiligen Raum vor. Aber dieses System stößt an akustische Grenzen. Der Bau ist schlicht zu groß. Aus dem gleichen Grund scheiterte die Einführung geistlicher Hintergrundmusik in der Basilika selbst. Während bei den Papstgräbern der Unterkirche eine sakrale Beschallung laut Carlo-Stella umgehend für ein besseres Benehmen der Besucher sorgte, fällt diese Lösung für den riesenhaften Dom aus technischen Gründen aus. Statt heiligen Klängen oder andächtiger Stille herrscht säkulares Grundrauschen.

Telefonieren ist tabu, ebenso Essen und Trinken oder das Nachahmen von Frömmigkeitsgesten zu Fotozwecken. Aber es gibt Graubereiche. Ein Mann mit Bart und blauem Turban betritt die Basilika. Ist er ein Sikh, bedeutet das bedeckte Haupt für ihn eine heilige Pflicht. Türsteher Ivan lässt ihn durch. Hier gilt der Respekt vor der Religion mal andersrum.


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Dass in anderen Kulturkreisen strengere Anstandsregeln gelten, hat Carlo-Stella etwa in der islamischen Welt durchaus wahrgenommen; auch christlichen Ländern stünde aus ihrer Sicht mehr Konsequenz gut an. Im Kern geht es für sie jedoch allgemein um Erziehung und Disziplin: "Manche Besucher müssen kapieren, dass sie Dinge, die sie zu Hause nicht tun, auch hier nicht tun können."

Gespür für Stille und Sammlung

Beispiel Kritzeleien. Ständig verewigt sich jemand im Aufgang zur Peterskuppel, weil er sich unbeobachtet wähnt. Weit gefehlt: Der gesamte Bereich ist videoüberwacht, nicht zuletzt zur Sicherheit der Besucher. Immer wieder bekommt einer Herzprobleme oder Angstattacken. Bislang wurden alle gerettet. Beileibe sind es nicht nur die Unfrommen oder Nichtkatholiken, die sich in Sankt Peter danebenbenehmen. Ein weißhaariger Sampietrino, der anonym bleiben will, musste schon Priester zurechtweisen, die während des heiligsten Moments der Messe ihr Handy für ein Foto hochreckten. Das Gespür für Stille und Sammlung geht in der gegenwärtigen Zeit allgemein etwas zurück, bedauert Carlo-Stella. Ihr Wunsch wäre, dass "die Gesellschaft den Sinn des Heiligen wieder mehr versteht". Manchmal zeigt er sich, dieser Sinn. Wenn eine junge Frau beim Betreten der Basilika die Hände vor den Mund schlägt vor lauter Begeisterung, dann geht ein Lächeln über das Gesicht von Ivan.


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