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Reales Geld für virtuelle Siege
Panorama 4 Min. 05.09.2016 Aus unserem online-Archiv
„Call of Duty“-Weltmeisterschaft

Reales Geld für virtuelle Siege

Panorama 4 Min. 05.09.2016 Aus unserem online-Archiv
„Call of Duty“-Weltmeisterschaft

Reales Geld für virtuelle Siege

Videospiele sind nicht nur ein Milliarden-Geschäft, sondern füllen ganze Hallen mit Fans, die Top-Gamern beim Spielen zusehen. Diese trafen sich am Wochenende in Los Angeles zur Weltmeisterschaft im Kampfspiel „Call of Duty“.

(dpa) - Es war ein Finale, so wie es sich Fans und Veranstalter von einer richtigen Weltmeisterschaft erhoffen. Die vier Jungs vom britischen Team „Splyce“ kämpften am Sonntagnachmittag in Los Angeles gegen „EnVyUS“ aus den USA um den Sieg in der Weltmeisterschaft im Kampfspiel „Call of Duty“. Nie zuvor hatte sich eine Mannschaft von außerhalb Nordamerikas bis ins Finale dieses eSports-Turniers durchgekämpft. Es geht um eine Siegprämie von 800 000 Dollar.

Seit dem Start der Serie liegt der Gesamtumsatz laut Activision jenseits der Marke von zehn Milliarden Dollar.
Seit dem Start der Serie liegt der Gesamtumsatz laut Activision jenseits der Marke von zehn Milliarden Dollar.
Foto: Activision

800 000 Dollar für 30 Minuten Videospielen: „Die Zeiten haben sich geändert“, lacht Jay Puryear vom Ausrichter Activision, einem der größten Videospiele-Verleger der Welt. „Vor ein paar Jahren haben wir noch mit ein paar Enthusiasten gespielt, zugeschaut hat keiner. Es gab ein paar Hundert Dollar auf die Hand und das war's“. Am diesem Wochenende kamen jetzt 18 000 Fans nach Los Angeles, und Millionen verfolgen die Kämpfe dieser eSports-Serie am Monitor oder Fernseher.

Bei eSports geht es zu wie bei einer Liga für Videospiele. Was Bayern München im Fußball ist, sind hier Teams wie „Optic Gaming“ oder „EnVyUS“. Professionell gemanagt und trainiert, kaum ein Spier ist älter als 26 Jahre. So wie der 22-jährige Damon „Karma“ Barlow, ein Kanadier im Dienste von „Optic Gaming“, ein Held der Szene. Seine Eltern waren zuerst nicht begeistert, als er professioneller Spieler werden wollte, aber schließlich hätten sie es akzeptiert, sagt er.

Blitzschnelle Reaktion und ein scharfes Auge sind hier alles. Übertragen werden eGames über Kabel-TV-Stationen oder im Internet über Plattformen wie Twitch, die für rund eine Milliarde Dollar von Amazon gekauft wurde.

Post-apokalyptische Kriegsspiele

„Call of Duty“ ist ein sogenannter Ego-Shooter. Der Spieler sieht das Kampffeld auf dem Bildschirm sozusagen durch die eigenen Augen, schaut nicht wie aus Vogelperspektive aus das Spielfeld. Zunächst kämpften sich die Teilnehmer durch Schützengräben des Zweiten Weltkriegs. Heute ist die Arena eine ferne Zukunft mit post-apokalyptische Trümmerlandschaften. Jeweils zwei Gruppen, vollgepackt mit futuristischen Superwaffen, treten mit je vier Spielern gegeneinander an.

Die Stimmung in der „The Forum“-Arena, der früheren Heimat der Los Angeles Lakers, ist aufgeheizt. Schlachtengesänge durchziehen am Sonntag das Rund, ein lautes Aufheulen erschüttert jedes Mal die Ränge, wenn einer Mannschaft ein entscheidender „Kill“ gelingt, der einen gegnerischen Spieler für jeweils 15 Sekunden außer Gefecht setzt und das Team in Unterzahl kämpfen lässt.

„Call of Duty“ ist nicht irgendein Computerspiel. Gestartet 2003 für den PC, entwickelte es sich ungeachtet aller Kritik an Kampfspielen zu einer der größten Unterhaltungsmarken der Welt. Im November 2015 erlöste „Call of Duty - Black Ops 3“ allein in den ersten drei Verkaufstagen 550 Millionen Dollar für den Herausgeber Activision aus dem kalifornischen Santa Monica. Seit dem Start der Serie liegt der Gesamtumsatz laut Activision jenseits der Marke von zehn Milliarden Dollar. Seit 2006 kommen zu den Verkaufserlösen der PC- und Videospiele noch Umsätze aus eSports dazu. Neben Ticket-Verkäufen sind das in erster Linie Online-Werbung und Sponsorengelder.

Zwei Moderatoren kommentieren die Spielzüge der Akteure live im Saal, erklären Strategien und Spielstände. Denn die hektischen Aktionen sind auf den Großbildleinwänden oft nur schwer nachzuvollziehen. Es geht um Sekundenbruchteile, die über Sieg oder zeitweiligen Tod entscheiden. Ein sogenannter „Röntgenmodus“ erhöht die Spannung. Die Zuschauer sehen - anders als die Kontrahenten auf ihren Monitoren - wer sich hinter der nächsten Ecke oder der Mauer verbirgt. Fans heulen in vorausahnendem Schmerz auf, wenn ihr Held gleich blindlings in einen Hinterhalt laufen wird, das gegnerische Lager jubelt.

Die Fans fiebern mit

Jede Spielrunde dauert zwischen 90 Sekunden und mehreren Minuten, je nachdem, was gespielt wird. Mal wird eine Flagge aus dem gegnerischen Lager gestohlen. Mal versucht bei „Uplink“ ein unbewaffneter Spieler einen Ball in einem Korb zu befördern, der Rest der Truppe muss ihn abschirmen. Die Beherrschung von möglichst vielen Bereichen des Spielfelds ist Ziel in „Domination“, bei „Search and Destroy“, suchen und zerstören, muss eine Bombe gefunden und scharf geschaltet werden, was die Verteidiger verhindern müssen.

Beim Finale in Los Angeles ist das Ballspiel, „Uplink“, dran. Die Amerikaner liegen 10:4 vorn, als den Briten ein Doppelschlag gelingt und sie auf zehn zu sechs verkürzen. Jubel im Saal, „Die Europäer leben noch“, kreischt der Kommentator. Nur wenige Sekunden später steht es nur noch elf zu neun für die US-Truppe, „USA, USA“-Rufe feuern das Heimatteam an, das den Durchgang dann mit 13:10 gewinnt.

Dann ist „Capture the Flag“ an der Reihe. Die Europäer trumpfen zunächst auf, permanentes Geballer von automatischen Waffen und Maschinengewehren dröhnt aus riesigen Lautsprechern. Die Spieler sind vom Trubel in Kabinen abgeschirmt. Die Anspannung ist in ihre Gesichter geschrieben, den Blick starr auf die Monitore gerichtet sitzen sie da, die Game-Controller mit beiden Händen fest umklammert. Die Stoppuhr tickt gnadenlos gegen Null und dann bricht der britische Widerstand zusammen. „EnVyUS“ hat gewonnen. Konfetti und Luftschlangen fallen von der Decke, die Fans brüllen, die Spieler liegen sich in den Armen. 800 000 Dollar für die Sieger und immer noch 250 000 Dollar für die Zweitplatzierten.


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