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Psychologie: Wie empfindlich bin ich?
Panorama 2 Min. 14.01.2018 Aus unserem online-Archiv

Psychologie: Wie empfindlich bin ich?

Ein wenig empfindlich zu sein, muss kein Nachteil sein. Behandlungsbedürftig können Ängste und Verhaltensauffälligkeiten sein, wenn sie einen selbst belasten oder den Alltag einschränken.

Psychologie: Wie empfindlich bin ich?

Ein wenig empfindlich zu sein, muss kein Nachteil sein. Behandlungsbedürftig können Ängste und Verhaltensauffälligkeiten sein, wenn sie einen selbst belasten oder den Alltag einschränken.
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Panorama 2 Min. 14.01.2018 Aus unserem online-Archiv

Psychologie: Wie empfindlich bin ich?

Psychische Störungen verstecken sich oft gut. Deshalb braucht es einen Experten, der einschätzt, was pathologisch ist und was nicht. Und selbst ein positiver Befund heißt nicht zwingend, dass eine Therapie nötig ist.

(dpa) - Der Anblick einer Spinne lässt die Frau erschaudern. Aber weil sie in einer Neubauwohnung wohnt, hat sie praktisch keinen Kontakt zu Spinnen. Ihre Arbeit kann sie gut ausführen, und ihr Alltag ist nicht beeinträchtigt. Ist sie nun neurotisch? Wahrscheinlich. Braucht sie eine Therapie? Sofern sie sich nicht belastet fühlt: nein. Viele Menschen zeigen irgendwelche Auffälligkeiten. Entscheidend dafür, ob sie sich in Behandlung begeben sollten, sind andere Dinge.

Der im Volksmund immer noch gern gebrauchte Begriff der Neurose ist unter Fachleuten mittlerweile umstritten. Früher unterschieden Psychiater zwischen Neurosen und Psychosen. Als Neurosen wurden eine ganze Reihe von Verhaltensauffälligkeiten im Zusammenhang mit frühkindlichen Konflikten bezeichnet. Demgegenüber standen schwerwiegende seelische Störungen, die Psychosen. Unter Psychiatern wurden beide Begriffe inzwischen abgelöst, heute sprechen sie einfach von psychischen Störungen.

Psychischen Störungen

In der Psychotherapie sei die Grundidee der Neurose aber keineswegs überholt, denn nur weil jemand irgendeine Störung hat - etwa panische Angst vor Spinnen - muss er nicht unbedingt behandelt werden.

Der Krankheitswert von psychischen Störungen ist oft nur mit viel Erfahrung zu beurteilen. Etwa 30 Prozent der Menschen erfüllen irgendein Diagnosekriterium einer psychischen Störung, längst aber nicht alle sind behandlungsbedürftig. Und andererseits gibt es Symptome, die mit den gängigen Kriterien nur schwer zu fassen sind, die den Patienten aber nun mal belasten und im Alltag einschränken.

Es ist deshalb der Leidensdruck, der zumindest mitentscheidet, ob therapiert werden sollte. Wer unter seinen Auffälligkeiten nicht leidet, der wird sich kaum in Behandlung geben. Und kommt auch gut ohne aus. Ganz ohne Diagnosekriterien geht es trotzdem nicht: Man kann eine psychische Störung nicht mit Gehirnmessungen zeigen oder bestimmen. Es muss eine Art Regelwerk geben, um festzustellen, was als nicht mehr normal anzusehen ist.

Ob eine Therapie infrage kommt, entscheiden Arzt oder Therapeut und Patient gemeinsam. Professionell beraten lassen sollte sich, wer seinen Alltag nicht mehr bewältigen kann. Wenn vermehrt Beziehungen scheitern, Freundschaften nur oberflächlich bleiben und im Job große Schwierigkeiten auftauchen. Wer sich seelisch belastet fühlt, kann als erste Anlaufstelle den Hausarzt konsultieren oder gleich einen Facharzt für Psychiatrie oder Psychosomatik oder einen Psychologischen Psychotherapeuten aufsuchen.

Emotional labil

Dass jemand ein bisschen empfindlich ist - emotional labil, wie das in der Fachsprache heißt - muss indes kein schlechtes Zeichen sein. In der Psychologie wird diese Persönlichkeitseigenschaft als Neurotizismus bezeichnet. Der Neurotizismus gibt an, wie sensibel Menschen auf Stress reagieren. Ist man auf der Skala weit oben, reagiert man empfindlich: nervös, reizbar und ängstlich.

Das geht zwar einerseits einher mit einem erhöhten Risiko für Depressionen und Angststörungen. Es heißt aber nicht, dass man zwingend eine psychische Störung bekommt. Auch wer weit oben auf der Skala ist, kann im Prinzip gesund sein. Ein hoher Wert könnte sogar auch von Vorteil sein, denn diese Menschen haben meist auch ausgeprägte soziale Fähigkeiten: Empathie beispielsweise.

Aber ganz egal, ob jemand generell empfindlich ist oder nicht: Jeder kann ein Stück weit selbst zusehen, dass er gar nicht erst in eine seelische Notlage gerät. Etwa, indem er sein Stressmanagement optimiert. Dazu geeignet sind Entspannungsverfahren und Achtsamkeitsübungen. Was uns stabil hält, wissen wir doch alle: eine ausfüllende Beschäftigung, eine tragfähige Partnerschaft und gute Freunde. Die wirklich schwierige Frage ist doch: „Wie komme ich da hin?“ Eine universelle Antwort darauf gibt es aber - leider - nicht.


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