Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Petra Schmidt-Schaller: „Der Westen hat mich überfordert“
Panorama 5 Min. 02.10.2019

Petra Schmidt-Schaller: „Der Westen hat mich überfordert“

Petra Schmidt-Schaller als Doppelagentin Saskia Starke im ARD-Thriller „Wendezeit“.

Petra Schmidt-Schaller: „Der Westen hat mich überfordert“

Petra Schmidt-Schaller als Doppelagentin Saskia Starke im ARD-Thriller „Wendezeit“.
Foto: rbb/ARD/Volker Roloff
Panorama 5 Min. 02.10.2019

Petra Schmidt-Schaller: „Der Westen hat mich überfordert“

Im Interview spricht die deutsche Schauspielerin über den Fall der Mauer und ihre Rolle im neuen ARD-Thriller „Wendezeit“.

Interview: Cornelia Wystrichowski 

Ob RAF-Terroristin, Baghwan-Jüngerin oder „Tatort“-Kommissarin: Petra Schmidt-Schaller glänzte schon in vielen Rollen und gehört zu den wandlungsfähigsten deutschen Schauspielerinnen. Im Thriller „Wendezeit“ – zu sehen am 2. Oktober um 20.15 Uhr in der ARD – ist sie als Doppelagentin von Stasi und CIA zu sehen, die im Berlin des Jahres 1989 ihre Haut zu retten versucht. Mit dem Film würdigt die ARD den 30. Jahrestag des Mauerfalls. Ein historisches Ereignis, mit dem die 39-jährige viele persönliche Erinnerungen verbindet.

Petra Schmidt-Schaller, mit dem Film „Wendezeit“ würdigt die ARD den Mauerfall vor 30 Jahren. Sie sind in Ost-Berlin aufgewachsen. Was haben Sie an jenem 9. November 1989 gemacht?

Ich war damals ja erst neun und lag brav im Bett. Meine Eltern waren so mitgerissen von diesem historischen Ereignis, dass sie zum nächstgelegenen Grenzübergang Bornholmer Straße losgestürmt sind, als sie gehört haben, dass die Mauer offen ist. Ihr Kind haben sie da glatt im Bett vergessen. (lacht)

Dann haben Sie wohl auch jene berühmte Pressekonferenz nicht live im Fernsehen gesehen, auf der Günter Schabowski sagte, die DDR-Bürger hätten ab sofort Reisefreiheit …

Nein, ich hatte als Neunjährige noch gar kein politisches Bewusstsein. Ich wusste zwar, dass es den Westen gibt, aber dass es eine physische Mauer gibt, die uns in der DDR einschließt, war mir nicht bewusst. Für mich als Kind war mein Universum groß genug. Ich war im Sommer an der Ostsee und ansonsten bei meinen Großeltern im Erzgebirge, ansonsten in Berlin, das reichte mir als Welt.

Und wann waren Sie zum ersten Mal im Westen?

Das war in den Wochen nach der Maueröffnung, und ich war komplett reizüberflutet. Es gibt da eine Postkarte an meinen Onkel, auf der ich geschrieben habe: „Wir waren im Westen, es war alles ganz bunt und viel – und dann kotzte es mich an.“

Das klingt ja nicht gerade begeistert …

Es zeigt, wie überfordert ich war. Die Farben, die Werbung, die vielen Produkte, dazu die vielen Menschen, die alle nach West-Berlin wollten – es war einfach irre. Diese Umbruchszeit nach dem Mauerfall war aber natürlich auch toll. Berlin hatte so eine leichte Anarchie. Die Leute konnten Kneipen aufmachen, wenn sie irgendwo einen leeren Laden sahen, leere Wohnungen wurden einfach aufgebrochen und besetzt. Es war eine sehr energetische Zeit.

Im Thriller „Wendezeit“ spielen Sie eine Doppelagentin, die sowohl für die Stasi als auch für die CIA arbeitet und deren Geheimnis in dieser Zeit des Umbruchs aufzufliegen droht. Hat Sie die Idee gleich überzeugt, die Wende als Spionagethriller zu erzählen?

Den Fall der Mauer haben wir ja schon oft erzählt bekommen. Die ganze Geschichte im Abstand von 30 Jahren in Form eines Agententhrillers zu erzählen, fand ich sehr spannend. Und es gab diese Dinge, die in unserem Film vorkommen, ja wirklich. Es gab ja zum Beispiel mehr Agentinnen als Agenten. Und die Rosenholz-Dateien, um die es in unserem Film geht, gab es tatsächlich.

Das sind die legendären Akten der Stasi, in denen die Klarnamen der Auslandsagenten vermerkt sind …

Ja, und der Abschnitt mit allen Nachnamen, die mit La, Le und Li beginnen, ist bis heute verschwunden. Ich finde, das sind gute Voraussetzungen für einen schönen Agententhriller.

Was hat Sie gereizt an der Rolle als DDR-Bürgerin Saskia, die von der Stasi als Maulwurf in die CIA eingeschleust wurde, im Westen lebt und sogar einen Amerikaner geheiratet hat?

Saskia ist eine Doppelagentin zwischen zwei Wertesystemen, politischen und wirtschaftlichen. Während der Wende versucht sie, ihre Identität zu schützen und sich zu retten. Aber dann spielen immer mehr auch essenzielle Dinge wie Liebe, Familie und Vertrauen eine Rolle – und dieser Aspekt hat mich so berührt, dass mich das Ganze nicht mehr losgelassen hat.

Wie kann man sich auf eine solche Rolle vorbereiten?

Mir hat das Buch „Kundschafterin des Friedens“ von Gabriele Gast sehr geholfen, darin schildert sie ihre Rolle als Doppelagentin im Kalten Krieg. Sie hat mehrere Jahre für die DDR den Bundesnachrichtendienst ausgespitzelt. Für mich selber wäre das wirklich kein Job, das stelle ich mir so nervenaufreibend vor, da würde ich über Nacht graue Haare kriegen.


ARD/rbb HIER SPRICHT BERLIN, am Dienstag (22.10.19) um 22:45 Uhr im ERSTEN.
Die Moderatorinnen Jessy Wellmer (li.) und Eva-Maria Lemke
© rbb/Thomas Ernst, honorarfrei - Verwendung gemäß der AGB im engen inhaltlichen, redaktionellen Zusammenhang mit genannter rbb-Sendung und bei Nennung "Bild: rbb/Thomas Ernst" (S2+). rbb Presse & Information, Masurenallee 8-14, 14057 Berlin, Tel: 030/97 99 3-12118 oder -12116, pressefoto@rbb-online.de
Neuer TV-Talk mit Platz für Banalitäten
Jessy Wellmer und Eva-Maria Lemke machen in „Hier spricht Berlin“, der neuen Talksendung der ARD, den Mauerfall zum Thema.

Wie hat es sich für Sie angefühlt, als bei den Dreharbeiten die Zeit Ihrer Kindheit lebendig wurde?

In einer Szene stand ich nachts in den Kulissen von Babelsberg, man konnte das Ende dieser Kulissen nicht sehen, und das fühlte sich sehr an, als würde ich nachts in Ost-Berlin im Hinterhof eines Mietshauses stehen. Da befiel mich wirklich eine Art Fernweh in die Vergangenheit, eine Nostalgie.

Haben Sie noch viele Erinnerungen an das Leben in der DDR?

Ja, aus der Sicht eines Kindes. Meine Mutter hat mich immer mit Einkaufszetteln losgeschickt, auf denen stand: Wenn es dieses und jenes gibt, dann bring es mit. Und wenn es geschneit hat, war der Schnee nach kurzer Zeit grau und schwarz, weil ja so viel mit Kohlen geheizt wurde.

Gibt es Dinge, die Sie vermissen? Zum Beispiel Sendungen aus dem DDR-Fernsehen?

Nein, Fernsehen war damals nicht so im Mittelpunkt. Es war ja auch ein Produkt der Wende, dass dann der Fernseher kam und die ganzen vielen Sendungen. Vielleicht vermisse ich das große Gemeinschaftsgefühl von damals. Und wir konnten als Kinder auf der Straße spielen, denn es fuhren ja kaum Autos – und wenn dann mal ein Trabi kam, dann hat der für uns angehalten. Jetzt ist die Straße, in der ich groß geworden bin und in der meine Mutter immer noch lebt, voll mit dicken, fetten Autos – da kann man nicht mehr spielen.

Wenn es um die neuen Bundesländer geht, ist oft von den Schattenseiten zu lesen, zum Beispiel vom politischen Rechtsruck. Wird der Osten zu negativ dargestellt?

Ich glaube, das liegt an unserer Wahrnehmung. Das Schlechte registrieren wir ja eher als das Gute, die Katastrophe eher als den kleinen Zaunkönig auf dem Ast. Vielleicht ist das unser deutsches Naturell. Ich selber nehme viele positive und schöne Sachen von den neuen Bundesländern wahr, aber man muss die auch sehen wollen. Es ist nicht alles braun gefärbt. 


Lesen Sie mehr zu diesem Thema