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Petition für gratis Trinkwasser in Restaurants: Eine Karaffe Leitungswasser schlägt Wellen
Panorama 2 4 Min. 11.06.2016

Petition für gratis Trinkwasser in Restaurants: Eine Karaffe Leitungswasser schlägt Wellen

Falls Sie schon mal eine Karaffe Leitungswasser in einem Restaurant bestellt haben, dann dürften sie schnell bemerkt haben, dass das hierzulande nicht üblich ist. Ein Franzose hat nun eine Petition eingereicht, um das zu ändern.

Von Anne Fourney

Falls Sie schon mal eine Karaffe Leitungswasser in einem Restaurant bestellt haben, dann dürften sie schnell bemerkt haben, dass das hierzulande nicht üblich ist. In Frankreich gehört sie in Restaurants hingegen einfach dazu. Ein Gesetz, welches das kostenlose Wasser verbieten würde, gibt es jedoch nicht.

Der Franzose Charles Lamoulen lebt seit gut 20 Jahren in Luxemburg. Er hat nun eine Petition eingereicht, damit auch hierzulande Restaurantbesucher ein Recht auf die Wasserkaraffe bekommen.

Wir haben mehrere Restaurants mit versteckter Kamera besucht, um uns ein Bild von der Reaktion des Personals auf die Frage nach Leitungswasser zu machen. Anschließend haben wir uns mit Restaurantbetreibern in Luxemburg-Stadt und in der Grenzstadt Esch/Alzette unterhalten.

In Bettemburg wurden wir in einem Restaurant mit einem trockenen „Wir servieren das hier nicht“ abgefertigt. In einem anderen, an der hauptstädtischen Place d'Armes hieß es, es gebe „ein Gesetz, das die Geschäftsleute in Luxemburg schützen“ würde.

Dabei gibt es überhaupt keine Reglung im Zusammenhang mit der Leitungswasser-Karaffe.

Alles eine Frage der Herkunft

„Es zählt nicht zu den Sitten und Gebräuchen in Luxemburg“, bestimmt François Koepp, der Generalsekretär der Horesca. „Und falls es einmal ein Problem mit verunreinigtem Wasser gibt, aus ganz gleich welchen Gründen, wer übernimmt dann die Verantwortung, wenn der Kunde dann mit Durchfall heimkehrt?“

Das gleiche Argument führt auch Jacqueline Pierre, die Betreiberin von „Brochettes et Cie“ an der Place d'Armes an. Kunden seien sehr misstrauisch, wenn es um die Herkunft und die Zusammensetzung von Produkten geht. Sie könne die Qualität von Leitungswasser nicht garantieren.

Dabei gilt das Trinkwasser in Luxemburg als gesund und es wird regelmäßig kontrolliert. Das gleiche Wasser wird täglich in privaten und professionellen Küchen verwendet: um Obst oder Gemüse zu waschen, um Suppen vorzubereiten...

Sowohl in Privathaushalten wie auch in professionellen Küchen wird jeden Tag Trinkwasser benutzt.
Sowohl in Privathaushalten wie auch in professionellen Küchen wird jeden Tag Trinkwasser benutzt.
Foto: Shutterstock

„Aber wenn Sie nach einer Karaffe Leitungswasser in Luxemburg bestellen, werden Sie sie auch bekommen“, versichert François Koepp. Wie unsere Videoreportage zeigt, entpuppt sich die Suche nach der kostenlosen Karaffe als eine Suche nach dem heiligen Gral.

Eine Suche, die auch Charles Lamoulen inspirierte. Für ihn ist die Wasserfrage eine Selbstverständlichkeit. Am 14. April hat er deswegen einen Petitionsantrag im Parlament eingereicht. „Trinkwasser ist ein Grundrecht“, sagt er. Mit rund 1.500 Unterschriften (am 9. Juni), ist die Petition Nr. 639 aber noch weit von den 4.500 entfernt, die bis zum 17. Juni erforderlich sind. Denn nur dann, wird das Thema in der Kammer debattiert. Lamoulen hat zudem auch eine Facebook-Seite eröffnet.

Er will, dass es zu einer öffentlichen Diskussion kommt. „Wasser müsste gratis angeobten werden, genau wie Brot, Salz und Pfeffer eine Grundleistung in einem Restaurant sein“, meint er. Aber warum ist die Karaffe mit dem Leitungswasser in einem weltoffenen Land wie Luxemburg ein Problem?

Flaschenwasser bringt Geld

Die Gaststättenbetreiber und der Horesca-Präsident befürchten Umsatzeinbussen, wenn die Flasche Leitungswasser auch hier im Land gängige Praxis werden könnte. „Die Restaurantbetreiber wären gezwungen, die Preise zu erhöhen, um die Verluste auszugleichen“, warnt François Koepp.

Heidi Pia, Wirtin des „Bistrot de la Presse“, verrechnet 1 Euro für die Karaffe Leitungswasser. „Leitungswasser ist nicht kostenlos“, verteidigt sie sich. Einen Gastronomen kostet eine Flasche Rosport oder Viva in einem Los von 600 genau 1,41 Euro. Im Supermarkt kostet eine Glasflasche Vittel 0,48 Euro. Die Gewinnmarge ist also nicht gering. An den Getränken verdienen Restaurants am besten.

Ein anderes Beispiel: Cristalline kostet 1 Euro für 6 Flaschen, also neun Liter. Beim Wein liegt der Gewinnkoeffizient bei drei oder vier. Demnach wird eine Flasche, die für 3 Euro eingekauft wird, für rund 12 Euro auf die Karte gesetzt. Auf Speisen ist die Gewinnmarge geringer.

Jenseits der Grenzen

Bei den deutschen Nachbarn dominiert die Flasche auf den Esstischen – vorwiegend Sprudel. In Belgien, den Niederlanden, Portugal und Italien ist das nicht anders. Leitungswasser wird in den USA, Großbritannien, Schweden, Finnland... serviert. In der Schweiz muss dafür bezahlt werden. In Frankreich kann die Karaffe Leitungswasser kostenpflichtig sein – in Ausnahmefällen.

Eine Revolution?

Die Gastwirte müssen ihre Kosten tilgen: Personal, Miete, Strom, Unterhalt u.s.w. Sie befürchten, dass die Kunden die Gewohnheit verlieren, für Getränke zu zahlen. Die Argumente überschlagen sich. Sie geben allerdings auch zu, dass sie selten nach einer Wasserkaraffe gefragt werden. Es ist demnach nicht davon auszugehen, dass es zu einer Revolution der Sitten und Gebräuche kommt. Aber ist es wirklich legitim Leitungswasser in Rechnung zu stellen? Die Kunden haben Zugang zu Toilettenräumen, in denen es auch Wasserhähne gibt. Und dafür wird nichts extra berechnet.

Chlor in der Karaffe

Hinter vorgehaltener Hand gibt ein Restaurantbetreiber zu, dass er Chlor in die Karaffe mischen würde, falls die Karaffe in Luxemburg zur Gewohnheit wird. „So wie auf der Côte d'Azur!“, meint er. Der schlechte Geschmack des Wassers würde die Kunden schnell wieder zum Flaschenwasser bekehren.

Nun bleibt abzuwarten, ob die Petition bis zum 17. Juni die fehlenden 3.000 Unterschriften erhält. Wenn es dazu kommt, dürfte dies das Thema auch in der Öffentlichkeit neu beleben.

(Aus dem Französischen übersetzt von Steve Remesch)