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Peter Wohlleben: „Der Wind dreht sich gerade“
Panorama 6 Min. 22.01.2020

Peter Wohlleben: „Der Wind dreht sich gerade“

Nach einer Krankheitspause gab Peter Wohlleben 2016 sein Forstrevier auf. Seitdem konzentriert er sich auf die von ihm gegründete Waldakademie und das Schreiben.

Peter Wohlleben: „Der Wind dreht sich gerade“

Nach einer Krankheitspause gab Peter Wohlleben 2016 sein Forstrevier auf. Seitdem konzentriert er sich auf die von ihm gegründete Waldakademie und das Schreiben.
Foto: privat
Panorama 6 Min. 22.01.2020

Peter Wohlleben: „Der Wind dreht sich gerade“

Bestseller-Autor Peter Wohlleben spricht im Interview über das gleichnamige Filmprojekt und seine Zukunftsprognose.

Von André Wesche

Mit seinem internationalen Bestseller „Das geheime Leben der Bäume“ hat Peter Wohlleben den Blick der Leser auf die Wälder dieser Welt völlig revolutioniert. In seinem Werk zeigt der 55-jährige Förster auf, wie die Holzgewächse kommunizieren, Schmerz empfinden und ihrem Nachwuchs ebenso Pflege angedeihen lassen wie alten und kranken Artgenossen. Nun entstand auf Grundlage des Buches ein großer, abendfüllender Dokumentarfilm fürs Kino, der Wohlleben bei seiner Arbeit begleitet. 

Peter Wohlleben, hat man mit dem Filmprojekt bei Ihnen offene Türen eingerannt?

Na klar, auf jeden Fall! Zum einen ist da das eigene Buch, das verfilmt werden soll, und zum Zweiten ist es einfach eine spannende, neue Erfahrung. Ich habe keine Ahnung gehabt, wie man ein Sachbuch verfilmen kann. Ehrlich gesagt, habe ich nicht gedacht, dass das überhaupt möglich ist. Umso faszinierender war es dann zu beobachten, wie das doch funktioniert.

Welche Inhalte lagen Ihnen besonders am Herzen?

Was mich besonders umtreibt, ist das soziale Miteinander von Bäumen. Es gibt keinen Kampf um Standort, Licht, Wasser oder was auch immer man als Förster gelernt hat. Bäume bilden eine große Gemeinschaft, die sich untereinander unterstützt. Das war mir sehr wichtig und es kommt im Film auch gut rüber, finde ich.

Mussten Sie auch Zugeständnisse machen?

Nein, gar keine. Im Gegenteil, der Film ist größer geworden, als ich erhofft hatte. Tatsächlich wusste ich zu Beginn gar nicht, dass ich selbst darin vorkomme. Es gab zwei verschiedene Teams, die unterwegs waren. Das eine leitete Jan Haft, der die Natur- und Zeitrafferaufnahmen gemacht hat, all diese ganzen Dinge. Das zweite bildeten Regisseur Jörg Adolph und Kameramann Daniel Schönauer, die mich anderthalb Jahre lang begleitet haben. Ich habe nichts extra für den Film gemacht. Sie sind einfach immer mitgelaufen. Das Team hat mich gefühlt umschlossen wie eine gut sitzende Jacke, die nicht in irgendeiner Form gestört hat. Ich musste mich nicht verbiegen und nichts veranstalten. Was man sieht, ist mein normaler Alltag.

Peter Wohlleben: „Das geheime Leben der Bäume“, 224 Seiten, Heyne, ISBN: 978-3453604322, € 12
Peter Wohlleben: „Das geheime Leben der Bäume“, 224 Seiten, Heyne, ISBN: 978-3453604322, € 12

Für Sie sind Bäume mehr als seelenlose Pflanzen. Besteht unser geliebter hölzerner Esstisch also aus den Überresten fühlender, denkender Wesen?

(lacht) Ja! Man könnte es auch stärker präzisieren und sagen, es sind die Knochen. Sie haben eben keinen Tisch aus Pottwalknochen, sondern aus Eichenknochen. So einen haben wir übrigens auch in der Waldakademie, die wir betreiben. Da haben wir gerade einen Tisch aus 300 Jahre alter Eiche machen lassen. Das sind Hinterlassenschaften, die man auch als Leichenteile fühlender Wesen bezeichnen könnte.

Wenn Pflanzen über so erstaunliche Fähigkeiten verfügen, muss man dann davon ausgehen, dass auch Tiere sehr viel intelligenter und feinfühliger sind, als wir es gern wahrhaben?

Ja, das ist definitiv so. Leider hat sich das in der Gesetzgebung noch nicht so stark niedergeschlagen. Betrachten wir mal die ganz Kleinen, zum Beispiel die Bienen. Forscher aus Berlin wissen mittlerweile, dass Bienen ein Bewusstsein haben. Wissenschaftler aus Kalifornien haben bewiesen, dass selbst Fruchtfliegen träumen und dabei mit den Beinen strampeln. Rabenvögel sind so intelligent wie Menschenaffen. Was die Erkenntnisse betrifft, sind wir da mittlerweile ganz gut aufgestellt. Was den Umgang mit Tieren angeht, hat sich das aber noch nicht wirklich niedergeschlagen. Das gilt allenfalls für Haustiere, die seit Jahrhunderten Familienmitglieder sind. Von seinem Hund oder seiner Katze weiß jeder Besitzer, dass die es natürlich draufhaben. Sie haben eine Art Seele. Die Forschung weiß eigentlich schon sehr lange, dass das für viele Tierarten gilt, bis hinunter zu den Insekten.

Das macht es einem Menschen aber sehr schwer, zu essen und sich frei zu bewegen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.

(lacht) Da kann ich Ihnen heraushelfen. Ein Wolf hat auch kein schlechtes Gewissen, wenn er einen Hirsch tötet. Wir müssen irgendwie leben, wir kleiden uns, wir brauchen Wärme und Nahrung. Das ist völlig in Ordnung. Wir können uns nun mal nicht hinstellen, die Hände gen Himmel recken und Photosynthese betreiben. Wir müssen andere Lebewesen konsumieren. Die Frage, die sich stellt, ist: Muss man mit denen vorher so schlecht umgehen? Man kann Wald ernten. Aber muss es der Kahlschlag sein? Müssen wir Baumarten wie Fichte und Kiefer Vorschub leisten, die in Mitteleuropa eigentlich nicht großflächig vorkommen?

Einige Naturwissenschaftler werden im fortgeschrittenen Alter religiös, weil sie manche Antworten vergeblich gesucht haben. Wie ergeht es Ihnen?

Ich wünschte, das käme für mich infrage, weil ich glaube, dass das ganz schön entspannend sein kann. Man kann einfach einen Teil seiner Verantwortung abgeben. Bei mir ist es nicht so. Ich kann eine gewisse Altersmilde an mir beobachten. Aber schon im ersten Jahr, als ich nach dem Studium das Revier übernommen habe, habe ich gedacht, dass man mit Wald so nicht umgehen kann. Es tat mir in der Seele weh. Ich konnte gar nicht sagen, warum. Beim Studium hatte ich doch gelernt, dass alles so gut ist, wie es praktiziert wird. Schon mit Mitte 20 war ich skeptisch und es hat sich seither nicht so viel verändert. Mittlerweile erreiche ich durch die Bücher und hoffentlich auch durch den Film ein breiteres Publikum. Deshalb kann ich auch über mein Revier hinaus etwas bewirken.


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Ist es nicht frustrierend, dass Sie das Endergebnis Ihrer forstwirtschaftlichen Arbeit wahrscheinlich nicht mehr erleben werden?

Nein. Das ist nicht erstrebenswert, weil es so etwas wie ein Endergebnis nicht gibt. Früher habe ich das auch für wünschenswert gehalten. Ich wähnte mich auf der richtigen Fährte. Mittlerweile weiß ich, dass Natur ein Prozess ist. Ein Prozess hört nie auf, und es gibt immer Veränderungen. Ich begleite den Wald einfach ein Stück seines Weges. Weil sich das Leben der Bäume so langsam abspielt, kann dieser Weg nur sehr kurz sein. Und ich freue mich darüber, dass ich dabei sein darf.

Buch und Film verbreiten Optimismus. Fühlen Sie sich nicht trotzdem oft wie Don Quixote, der gegen Windmühlen kämpft?

So habe ich mich eine Zeit lang gefühlt, ja. Aber, um in der Metapher zu bleiben, der Wind dreht sich gerade. Denken wir einmal an „Fridays for Future“. Vor zwei oder drei Jahren hätte im Leben niemand daran gedacht, dass etwa in Deutschland Grundschüler Angela Merkel vor sich hertreiben und Druck auf das Klimakabinett machen. Es tut sich etwas und immer mehr Menschen möchten aktiv werden. Demokratie bedeutet nicht, alle paar Jahre ein Kreuzchen zu machen. Man muss sich auch zwischendurch engagieren. Ich bin bestimmt kein Zweckoptimist. Aber es gibt so viele Indizien, dass unsere Wälder robust und überlebensfähig sind.

Haben Sie einen Lieblingsbaum?

Ein Einzelexemplar eher nicht. Ich liebe alte Buchen, weil sie bei uns ja die ursprüngliche Vegetationsform ausmachen. In Lappland gibt es auch ganz tolle Fichtenwälder, darunter den ältesten Baum der Welt. Irre. Als Einzelbaum würde ich sogar diese alte Fichte nehmen, weil es unglaublich ist, wie ein einzelner Baum fast 10 000 Jahre alles aushält und immer noch gesund dasteht.

Es gibt angeblich auch schon den Baum, in dessen Schatten Sie beigesetzt werden möchten?

Wir sind gerade dabei, einen Bestattungswald einzurichten. Dort gibt es eine Stelle, die ich mir vorstellen kann – wohl wissend, dass mir das eigentlich egal sein kann. Aber der Gedanke ist schön, mit der eigenen Urne einen Baum noch mal 100 Jahre lang zu schützen. Dann passt der Kreis, sozusagen.



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