Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Party statt Purismus am Mont-Blanc
Panorama 2 Min. 21.09.2019 Aus unserem online-Archiv

Party statt Purismus am Mont-Blanc

Schluss mit dem Egomanen-Tourismus: Der Mont Blanc soll echten Bergsteigern vorbehalten bleiben, fordert Jean-Marc Peillex, Bürgermeister der Gemeinde Saint Gervais.

Party statt Purismus am Mont-Blanc

Schluss mit dem Egomanen-Tourismus: Der Mont Blanc soll echten Bergsteigern vorbehalten bleiben, fordert Jean-Marc Peillex, Bürgermeister der Gemeinde Saint Gervais.
Foto: Shutterstock
Panorama 2 Min. 21.09.2019 Aus unserem online-Archiv

Party statt Purismus am Mont-Blanc

Der Mont-Blanc droht zum Freizeitpark zu verkommen. Ein Lokalpolitiker fordert nun erneut das Eingreifen der Regierung.

Von Christine Longin (Paris)

Den 4 810 Meter hohen Mont-Blanc zu erklimmen, ist eine körperliche Herausforderung. Warum der Aufstieg dann auch noch mit einer Ruderbank auf dem Rücken erfolgt, versteht nur der, der sie hochgeschleppt hat. Der Brite Matthew Disney schaffte sein 26 Kilo schweres Fitnessgerät bis auf 4 300 Meter Höhe, ließ es dann aber erschöpft in einer Schutzhütte stehen.

Er habe zu karitativen Zwecken auf dem Gipfel rudern wollen, rechtfertigte sich der Extremsportler. Die Gemeinde Saint Gervais, wo der höchste Berg Europas liegt, muss die Rudermaschine nun mit dem Hubschrauber wieder ins Tal fliegen. Kostenpunkt 1 800 Euro.

Die Nase voll von „Spinnern“

Auch wenn sich die britische Botschaft inzwischen bei ihm entschuldigte, hat der Bürgermeister von Saint Gervais, Jean-Marc Peillex, die Nase voll von „Spinnern“ wie Disney. Er schrieb deshalb Anfang September an Präsident Emmanuel Macron. „Sich um den Amazonas-Urwald zu kümmern ist sehr gut. Aber es ist nicht hinnehmbar, wenn man bei dem wegschaut, was auf dem Mont Blanc passiert“, kritisierte der Politiker, der den Zugang zum Gipfel auf echte Kletterer beschränken will.

Disney war nämlich nicht der einzige, der den Mont-Blanc als Kulisse für sein Ego nutzte. Schweizer Touristen stiegen mit einem aufblasbaren Whirlpool auf den Berg und fotografierten sich dann mit nacktem Oberkörper vor der Schneekulisse. Zwei andere Schweizer landeten mit einem Flugzeug auf 4 450 Metern Höhe, um dann den restlichen Aufstieg zu Fuß zu machen. Im Juni nutzten 150 Fallschirmspringer die günstige Wetterlage, um über dem „Weißen Berg“ abzuspringen. Einer von ihnen verunglückte bei der Aktion tödlich.


ARCHIV - 13.02.2012, Bayern, Spitzingsee: Zwei Skitourengeher steigen im Skigebiet Stümpfling am Spitzingsee (Oberbayern) an der vom Alpenverein markierten Aufstiegsroute mit ihren Skiern auf. Foto: Tobias Hase/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
150 Jahre Alpenverein
Unwegsame Hänge, steile Felsen - wozu sich da hochquälen? Als der deutsche Alpenverein gegründet wurde, stand wissenschaftliches Interesse im Vordergrund der Bergbesteigung.

Das Dach Europas werde zum Freizeitpark, schimpfte Peillex. „Jeder wird dort bald Seehunde bewundern können, die mit Bällen jonglieren und Feuerwerke zünden.“ Macron antwortete dem Bürgermeister inzwischen und kritisierte den fehlenden Bürgersinn der Bergsteiger.

Das Problem überließ er dann aber seiner Umweltministerin Elisabeth Borne. Für Peillex ist das nicht genug. Er habe seit 2003 bereits alle Vorgänger von Borne eingeschaltet, ohne dass etwas passiert sei, sagte er der Zeitung „Le Parisien“.

Die Bergsteiger bringen mit ihren Aktionen nicht nur sich selbst in Gefahr, sondern mit ihrem Müll auch das Ökosystem des Berges. Die Präfektur Haute-Savoie hat deshalb damit begonnen, die Zahl der Kletterer, die auf den Mont-Blanc dürfen, zu begrenzen. Nur wer in einer der drei Berghütten rund herum einen Platz reserviert hat, darf auch ganz nach oben. 214 Alpinisten haben täglich diese Möglichkeit, denn so viele Plätze gibt es in den „refuges“. Drei Bergführer überprüfen an der Bergstation Nid d'Aigle, ob die Wanderer eine Reservierung haben.

Klettern mit Kindern und Hunden

Die „brigade blanche“ achtet auch darauf, dass keine Bergsteiger ohne passende Ausrüstung den Aufstieg wagen. Kletterer in kurzen Hosen, mit kleinen Kindern oder Hunden im Schlepptau sind keine Seltenheit. Die Polizei kann allerdings erst etwas unternehmen, wenn die Abenteurer das Leben anderer in Gefahr bringen. So wie jener Russe, der Anfang September bei schlechtem Wetter den Aufstieg mit seinem zehnjährigen Sohn machen wollte.

Peillex fordert nun schärfere Strafen für die Pseudo-Bergsteiger. Bisher ist nur das wilde Zelten am Mont-Blanc verboten, dessen Aufnahme ins UNESCO-Welterbe die Anrainer betreiben. Hier drohen bis zu zwei Jahre Gefängnis und eine Geldstrafe von 300 000 Euro. Der Schweizer Pilot, der auf dem Berg landete, musste dagegen nur 38 Euro zahlen – wegen Verletzung der Umweltvorschriften.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Über steilen Klippen
Im französischen Departement Alpes-de-Haute-Provence gibt es eine Reihe von faszinierenden Landschaften.
x
Das Matterhorn im Blick
Eine Wanderung in den Walliser Alpen am Fuß eines Schweizer Wahrzeichens verspricht spektakuläre Aussichten.
Die fotoscheuen Schafe würdigen das Matterhorn keines Blickes. / Foto: Frank WEYRICH