Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Musiker und ihr Spiel mit Veränderungen
Die singende Dragqueen Conchita Wurst, der beim Eurovision Song Contest 2014 die Herzen zuflogen, ist Geschichte.

Musiker und ihr Spiel mit Veränderungen

Foto: dpa
Die singende Dragqueen Conchita Wurst, der beim Eurovision Song Contest 2014 die Herzen zuflogen, ist Geschichte.
Panorama 1 3 Min. 26.03.2019

Musiker und ihr Spiel mit Veränderungen

Aus Conchita Wurst wird Tom Neuwirth – und auch viele andere Stars wechseln mit den Jahren immer wieder ihr Image.

von Caroline Bock und Werner Herpell

Als bärtige Dragqueen Conchita Wurst gewann Tom Neuwirth mit „Rise Like A Phoenix“ den Eurovision Song Contest – eine Sensation. An den Erfolg von 2014 anzuknüpfen, ist schwer. Viele hatten daher schon länger erwartet, dass sich Neuwirth von seiner Kunstfigur verabschiedet. Damit spielt er nun bewusst und verändert sich – wie bereits Ende Februar beim Wiener Opernball zu sehen war, wo der 30-Jährige mit Glatze auftauchte. Für sein neues Musikprojekt hüllte er sich in schwarzes Latex. Von der Plattenfirma Sony wird der Österreicher nun als „Electro-Newcomer“ vermarktet. „Identitätssuche als Marketing-Gag“, schrieb die österreichische Zeitung „Der Standard“ dazu. Im Video zur Single „Hit Me“ ist Neuwirth kaum wiederzuerkennen: Bart und Haare in silberblond, der Körper durchtrainiert.

360 Videos werden hier nicht unterstützt. Wechseln Sie in die Youtube App, um das Video anzusehen.

Künstlerisches Element

Größere Verwandlungen haben auch viele andere Musiker hinter sich. Etwa Volksmusiker Heino, der auf seine alten Tage Rammstein und den Hardrock entdeckte. Oder Wolfgang Petry: Der nahm 2006 Abschied vom „Wolle“-Leben mit Mähne und Freundschaftsbändern. Zwischenzeitlich hieß er Pete Wolf und sang englisch – ein Flop. Im Herbst brachte er wieder ein Schlageralbum raus. Fototermine vermied er aber.

Ist jemand erst einmal so erfolgreich wie Helene Fischer, wird jede Veränderung registriert. Etwa wenn sie sich politisch äußert und die Fans dazu aufruft, ihre Stimme gegen Fremdenhass zu erheben. Für die „Vogue“ ließ sich Deutschlands derzeit größter weiblicher Popstar von Peter Lindbergh ungewohnt ablichten. Die sonst so perfekte Fischer sah auf diesen kunstvollen Bildern ungeschminkt und damit ganz anders aus als sonst.


FILE PHOTO: Singer Justin Bieber arrives at the 2015 MTV Video Music Awards in Los Angeles, California, August 30, 2015.  REUTERS/Danny Moloshok/File Photo
Bieber will sich auf Gesundheit und Familie konzentrieren
Der Popstar Justin Bieber (25) will sich künftig in erster Linie auf seine Gesundheit und seine Familie konzentrieren.

Das Spiel mit Veränderungen perfektionierte einst Weltstar David Bowie (1947-2016), das „Chamäleon des Pop“: rein äußerlich mit diversen Looks vom Folkie über den androgynen Glamrocker und schrillen Vogel bis zum reifen Mann, aber auch mit stetig erneuerter Musik. Nicht umsonst heißt einer von Bowies berühmtesten Songs „Changes“. Bei dem Briten steckte dahinter nicht das Kalkül eines schlauen Managers – er war selbst so kreativ. „Sein Selbstwertgefühl war viel zu ausgeprägt, um sich auf eine Sache oder einen Look festzulegen“, urteilte der bekannte Musikjournalist Paolo Hewitt. „Und genau das war ausschlaggebend für einen seiner größten Beiträge zum Pop-Zirkus: die Einführung der fortwährenden optischen Veränderung als ein wesentliches künstlerisches Element.“

Das Vorbild Bowie vor Augen, hat auch Madonna in ihrer fast 40-jährigen Karriere viele Imagewechsel durchlaufen – zuerst als „Material Girl“, später im Marilyn-Monroe-Look, mit „Sex“-Fotos, als Disco-Queen und Schwulen-Ikone, „Evita“, Aerobic-Performerin und Mädchen vom Lande. Musikalisch war die im vergangenen Jahr 60 Jahre alt gewordene Sängerin ebenfalls flexibel – nicht zuletzt diese stilistische Offenheit hat Madonna in den Pop-Olymp befördert. Ohne das selbstbewusste Role-Model aus den USA wäre die nicht ganz unähnliche Karriere der Australierin Kylie Minogue kaum denkbar.

Selbstverwirklichung versus Kalkül

Ob Conchita Wurst, David Bowie oder Madonna: Solche Wandlungen seien ein wichtiges Merkmal von Popkultur, sagt Udo Dahmen, Direktor der Popakademie Baden-Württemberg. Auch für ihn ist David Bowie das Paradebeispiel. „Er hat damit immer eine neue Phase eingeläutet.“ Typisch sei auch das Spiel mit den Geschlechtern – wie jetzt bei Neuwirth. Dahmen verweist dabei auch auf Mick Jagger, der in seinen jungen Jahren weicher und androgyner aussah.

Dass sich Musiker immer dann neu erfinden, wenn die Plattenverkäufe sinken, würde Dahmen nicht unterstellen. Doch wer steckt hinter solchen Wandeln? Bei den vielen Gesichtern von Lady Gaga mag es ein Team gewesen sein, das bei den früher noch schillernderen Auftritten mitgemischt hat – etwa beim legendären Fleischkleid, welches ein richtiges Kunstwerk war. Im Kern sei es aber der Künstler, der den Impuls dafür gebe, so die Überzeugung des Pop-Professors.

Besonders wandelfreudig in Sachen Stil und Haarfarbe zeigt sich immer wieder Madonna.
Besonders wandelfreudig in Sachen Stil und Haarfarbe zeigt sich immer wieder Madonna.
Foto: AP

Die für ihre Bissigkeit bekannten Autoren des „Lexikons der Pop- & Rock-Musik“ trauen dem Zauber krasser Imagewechsel indes nicht: „Als Musterbeispiel lebensfremden Schwachsinns hat Madonna wohl alle denkbaren, teilweise völlig gegensätzlichen Trends durchlaufen. Im Gefolge soll sich der Fan mit irgendwelchen aufgesetzten Attributen identifizieren und vor allem: kaufen.“

Der Verdacht, optische oder stilistische Wandlungsfähigkeit ziele vor allem auf neue Hörer- und Käuferschichten, wird auch im aktuellen Pop gern geäußert. Britney Spears' Wechsel vom „Girl next door“ zur Sexbombe in Leder wirkte für viele angesichts sinkender Popularität arg kalkuliert. Ähnlich irritierend: Miley Cyrus' Metamorphose von der braven „Hannah Montana“ zum Nackedei auf der Abrissbirne. Oder Justin Biebers Mutation vom blonden Posterboy zum Tattoo-Rowdy.

Für eine dauerhaft erfolgreiche Chamäleon-Karriere wie bei Bowie und Madonna reichen solche kurzfristigen Imagemanöver wohl nicht. Aber Spears, Cyrus, Bieber und auch Neuwirth/Wurst haben ja genug Zeit, sich noch einige Male neu zu erfinden. 


Lesen Sie mehr zu diesem Thema