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Montreal: Zuflucht im langen Winter
Panorama 6 Min. 07.02.2020

Montreal: Zuflucht im langen Winter

Die „Underground City“ in Montreal erinnert an ein modernes Shoppingcenter. Für die Bewohner der Stadt bedeutet sie vor allem, auch im Winter trocken und warm zur Arbeit zu kommen.

Montreal: Zuflucht im langen Winter

Die „Underground City“ in Montreal erinnert an ein modernes Shoppingcenter. Für die Bewohner der Stadt bedeutet sie vor allem, auch im Winter trocken und warm zur Arbeit zu kommen.
Foto: Shutterstock
Panorama 6 Min. 07.02.2020

Montreal: Zuflucht im langen Winter

Unter dem Stadtzentrum von Montreal liegt eine Underground City mit vielen Einkaufszeilen - auf 32 Kilometern gibt es alles, was das Herz begehrt.

Von Gerd Braune (Montreal)

Weite Teile Kanadas liegen jetzt unter einer Eisglocke oder versinken im Schnee. In Städten wie Montreal, Quebec und Toronto schaufeln sich die Kanadier ihren Weg ins Freie. Die Fortbewegung auf Straßen und Bürgersteigen ist mühsam. In Montreal schätzen nun täglich mehrere hunderttausend Montrealer den Komfort, den ihre Untergrundstadt „La Ville Souterraine“ mit einer Länge von insgesamt 32 Kilometern bietet: Einkäufe erledigen oder zur Arbeit gehen, ohne weite Strecken durch den Schnee laufen zu müssen.

„Es ist einfach wunderbar. Man kann überall hingehen“, sagt Marise, bevor sie einschränkend hinzufügt: „Wenn Du die Tunnel kennst.“ Marise arbeitet seit 1988 im KPMG-Turm, dem 34-stöckigen Hochhaus des Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsunternehmens KPMG, das direkt neben der anglikanischen Christ Church Cathedral steht. Marise kennt die Tunnel und Einkaufspassagen, die für Ortsunkundige ein verwirrendes Labyrinth darstellen können. Sie wohnt im Osten der Stadt und gehört – „leider“, wie sie sagt – nicht zu denen, deren Wohnanlage direkt mit der „Ville Souterraine“ verbunden ist. Sie hat es nicht ganz so bequem wie manche Montrealer, die auch im tiefsten Winter mit leichter Bekleidung mit dem Fahrstuhl in ihrem Wohnhaus direkt in die Untergrundstadt gelangen und dann zu Fuß oder mit der Metro zu ihrem Arbeitsplatz kommen.

Jetzt ist es wieder bitterkalt in Montreal. „Ich muss zwar einen Mantel und feste Schuhe anziehen. Aber ich gehe nur fünf Minuten zur Metrostation“, erzählt Marise. Von dort geht es unterirdisch mit der Metro zur Haltestelle der McGill-Universität und zu Fuß weiter bis zum Ausgang, der in den KPMG-Turm führt.

Die Mitarbeiter von KPMG haben direkten Zugang vom Gebäude zur „Underground City“ und müssen nicht durch den Schnee.
Die Mitarbeiter von KPMG haben direkten Zugang vom Gebäude zur „Underground City“ und müssen nicht durch den Schnee.
Foto: Gerd Braune

Schub durch die Weltausstellung

Die Millionenstadt Montreal hat eine der größten Untergrund-Städte der Welt. Sie hat, wie es sich in der französisch- und englischsprachigen Stadt gehört, mehrere Namen: „Underground City“ sagen die einen, „La Ville Souterraine“ die anderen. Für die meisten ist es einfach nur „Le Réso“, abgeleitet vom französischen Wort „réseau“, was „Netzwerk“ bedeutet. Der Ausbau des Netzes an unterirdischen Einkaufszeilen begann Anfang der 1960er-Jahre. Der Bau der U-Bahn für die Weltausstellung Expo 1967 gab „Montreal Underground“ einen starken Schub. Mehrere Großprojekte in der Innenstadt, Bürohochhäuser, Kongress- oder Kultur- und Kunstzentren wurden so geplant, dass unter ihnen „Malls“ gebaut werden konnten, die durch Tunnel verbunden wurden.

Die „Promenades Cathédrale“ gehören zu den bautechnisch interessantesten Segmenten dieses unterirdischen Netzwerks. Die 1857 erbaute Kathedrale wird als „Mutterkirche“ der anglikanischen Diözese Montreal bezeichnet. Aber der Boden war weich und gab über die Jahre nach. Der schwere Turm, der sich zur Seite neigte, musste bereits vor rund 100 Jahren entfernt und durch eine leichtere Aluminiumkonstruktion ersetzt werden. Die mit dem Erhalt der Kirche verbundenen Kosten zwangen die Kirchenoberen Anfang der 1980er-Jahre, sich nach Geldquellen umzusehen. Für das Gelände neben der Kirche, das letzte größere unbebaute Grundstück im Stadtzentrum, interessierten sich viele Investoren. 

Ein Konsortium um das Versicherungsunternehmen „Les Coopérants“ erhielt den Zuschlag, „weil ihr Konzept Respekt gegenüber der historischen Bedeutung der Kathedrale und ihres Gottesdienstes zeigte“, erklärt die Kirchengemeinde. 1985 wurde mit dem Bau des Bürohochhauses begonnen, das zunächst „Maison des coopérants“ hieß und später in KPMG-Turm umbenannt wurde. Die Spitze des Turms ist wie eine Bischofsmitra gestaltet, die Fenster der unteren Geschosse weisen eine gotikähnliche Struktur auf und in der Glasfassade spiegelt sich die Kathedrale.

Eine Shoppingmall, wie sie auch in anderen Städten existiert - nur eben unterirdisch.
Eine Shoppingmall, wie sie auch in anderen Städten existiert - nur eben unterirdisch.
Foto: Gerd Braune

Nun sollte auch unter der Christ-Church-Kathedrale eine Einkaufsstraße entstehen. Dazu musste zunächst Erdreich weggeschafft werden. Dann wurden unter der Kathedrale 33 Betonpfeiler gegossen, bis schließlich die Kirche auf Pfeilern ruhte, ohne Kontakt zum Boden zu haben. Mehr als 62 000 Kubikmeter Erde, umgerechnet mehr als 6 800 beladene Lastwagen, mussten weggeschafft werden. Besonders stolz ist die Kirchengemeinde, dass in dieser Phase Gottesdienste ohne Unterbrechung angeboten werden konnten.

32 Kilometer Tunnel

Unter der Kirche wuchs ein heute zweigeschossiges Einkaufszentrum. 1988, drei Jahre nach Baubeginn war das Megaprojekt fertig. In der Mall unter der Kirche weist außer einer großflächigen Darstellung des Bauprojekts und dem Namen „Promenades Cathédrale“ nichts darauf hin, dass sich der Besucher unter einem Gotteshaus befindet.

Heute sind durch die „Underground City“ viele für die Stadt charakteristische und bedeutende Gebäude miteinander verbunden. Zehn Metrostationen sind daran angeschlossen, etwa 2 000 Geschäfte haben sich dort etabliert, zudem Banken, Theater und Restaurants. Insgesamt 32 Kilometer lang sind die Tunnel und Einkaufspassagen, durch die nach offiziellen Angaben täglich nahezu 500 000 Menschen laufen.

Viele falsche Vorstellungen

An einem Informationsschalter sitzt Michelle, vor sich hat sie einen Stapel mit Untergrund-Stadtplänen. Freundlich gibt sie Auskunft. „Die meisten fragen nach Geschäften oder der Richtung, in die sie gehen müssen“, erzählt sie. „Hier ist jeder verloren, der hier nicht seinen Arbeitsplatz hat oder die Passagen täglich benutzt.“ Selbst zwei Arbeiter mit Bohrmaschinen halten bei Michelle und fragen, wo ihre Baustelle ist. Viele Besucher haben eine falsche Vorstellung von der Underground City. „Sie fragen nach dem Herzen der Untergrundstadt, das es aber nicht gibt.“


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Für die Montrealer ist die Underground City ein Verbindungsnetz. Im Winter ist sie ein Zufluchtsort. „Ältere Mitbürger schätzen es, dass sie auch in den Wintermonaten spazieren gehen können“, sagt Michelle. Der Stadt Montreal ist es zudem gelungen, die „Underground City“ als Touristenattraktion zu vermarkten und sie zum festen Bestandteil von Stadtführungen zu machen. Aber abgesehen von der Besonderheit, dass sie unterirdisch und viele Kilometer lang ist, ist sie in vielen Segmenten eine ganz gewöhnliche „Mall“ mit Läden, die man in jedem x-beliebigen Shopping Centre in Nordamerika findet. Der Charme der Underground City und ihre Attraktivität hält sich über weite Strecken in Grenzen.

Einladung zum Verweilen

Eng kann es in der Mittagszeit werden. Dann strömen Tausende aus Bürohochhäusern, Kaufhäusern und Apartmenthäusern in die „Food Courts“, eine Ansammlung von Schnell-Restaurants. Hier gibt es die klassischen Bagel- und Coffeeshops und die unvermeidbaren nordamerikanischen Fastfood-Restaurants, aber auch Schnellrestaurants, die asiatische, afrikanische und europäische Küche bieten und damit den multikulturellen Charakter der Stadt widerspiegeln.

"Les Cours Mont Royal" - ein höherwertiges Einkaufszentrum in der "Ville souterraine".
"Les Cours Mont Royal" - ein höherwertiges Einkaufszentrum in der "Ville souterraine".
Foto: Gerd Braune

Einige Segmente von „Underground“ sind nicht nur zweckmäßig, sondern laden auch zum Verweilen, Staunen und Genießen ein. Der erst im November eröffnete neue Gastronomiebereich „Time Out Market“ liegt zwar nicht „Underground“, ist aber mit der Unterstadt verbunden. Auf einer Fläche von 4 000 Quadratmetern bieten 17 Restaurants Essen vom Feinsten an. Zu den Attraktionen der Unterstadt gehören auch „Les Cours Mont-Royal“ nahe der Metrostation Peel, benannt nach dem früheren Mount Royal Hotel. 1988 wurde dieses Segment als höherwertiges Einkaufszentrum in die „Ville Souterraine“ integriert, das ehemalige Hotel ist nun Bürogebäude und in seinen oberen Stockwerken ein Luxus-Apartmenthaus. Von der Glaskuppel herab hängen Vogelskulpturen des Inuit-Künstlers David Ruben Piqtoukun. 

Die Eingangslobby des Hotels wurde erhalten und ein Kristallleuchter aus dem Casino von Monte Carlo verbreitet wahren Glanz. Modegeschäfte wie Harry Rosen und Desigual haben sich in „Les Court Mount Royal“ niedergelassen, hinzu kommen Bistros und Restaurants in gediegener, vornehmer Atmosphäre. Wer bis dahin in der „Ville Souterraine“ Schick und Charme vermisst hat, für die Montreal sich rühmt, kann sie hier finden. Und dann aus der Unter- in die Oberwelt zurückkehren, in den kalten Montrealer Winter. 


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