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Mit Puppen gegen Ritualmorde
Puppe „Zuri“, ein Zeichen der 
Toleranz.

Mit Puppen gegen Ritualmorde

Foto: K. Vilakasi-Ofosu
Puppe „Zuri“, ein Zeichen der 
Toleranz.
Panorama 2 Min. 18.06.2018

Mit Puppen gegen Ritualmorde

In Afrika leben Albinos in ständiger Angst. Aktivisten wollen nun, dass die Menschen mit den fehlenden Hautpigmenten zum neuen Schönheitsideal werden.

von Markus Schönherr

Sie werden gemeuchelt und zerhackt. Ihre Beine, Innereien und Haare landen auf dem Schwarzmarkt, wo dubiose Medizinmänner bis zu 75 000 Euro für ihre Körper zahlen. Menschen mit Albinismus führen in Afrika ein gefährliches Leben. Sie leben in ständiger Angst vor dem Aberglauben, der ihnen heilende Kräfte zuschreibt. Afrikas Regierungen sind überfordert und auch Aktivisten kämpften bislang vergeblich gegen den tödlichen Mythos. Im südlichen Afrika wollen Modeschöpfer jetzt endgültig die Jagd auf die Betroffenen beenden, indem sie Albinismus in ein neues Schönheitsideal verwandeln. Die Vorbilder finden sich auf dem Laufsteg – und in der Puppenkiste.

Während in Europa nur einer von 17 000 mit Albinismus lebt, ist es in Afrika einer von 5 000. In Tansania liegt die Rate bei einem pro 1 400 Menschen – so viele wie sonst nirgendwo auf der Welt. Die weiße Hautfarbe kommt von einem Mangel des Farbstoffs Melanin. Der verleiht Haar, Haut und Augen ihre Farbe. Allein in den letzten zehn Jahren verzeichnete die UNO – und das sind die offiziellen Zahlen – über 600 Attacken auf Albinos in Afrika südlich der Sahara.

In Südafrika sorgte zu Jahresbeginn der Tod von Gabisile Shabane für Schlagzeilen. Fünf Männer entführten die 13-Jährige in der ländlichen Provinz Mpumalanga und enthaupteten sie. Später ergab eine Obduktion: Das Albinomädchen wurde ausgeweidet; für die Ermittler begann die Suche nach Armen, Herz, Lunge, Uterus und weiteren Organen. „Wir können sie unmöglich beerdigen, solange ein Körperteil fehlt“, gab ihre Mutter damals bekannt. Unterdessen wurden die Täter festgenommen – einer davon: ein sogenannter Sangoma oder traditioneller Heiler.


"Ich will wachrütteln"
Der Argentinier Pablo E. Piovano fotografiert von Krankheiten gezeichnete Menschen, die eines eint – die Ursache ihrer Leiden sind wahrscheinlich Insektizide und Pflanzenschutzmittel.

„Es ist unfair und ungerechtfertigt, mit welchen Vorurteilen Menschen mit Albinismus täglich leben müssen“, sagt Khulile Vilakazi-Ofosu. Gemeinsam mit ihrer Geschäftspartnerin Caroline Hlahla entwirft die Boutiquebesitzerin afrikanische Kinderpuppen. Und seit kurzem auch „Zuri“, das Albinomädchen mit blondem Afro. „Wir wollen einen kleinen Beitrag dazu leisten, Albinismus zu entmystifizieren. Die Verfolgung hat mit fehlendem Wissen zu tun und das wollen wir schon im Kindesalter ändern.“

Kritik und Zustimmung

Gespalten über den plötzlichen Aufstieg, den Albinopuppen im vergangenen Jahr erlebten, ist Nomasonto Mazibuko, Direktorin der Südafrikanischen Gesellschaft für Albinismus. „Kinder sind farbenblind. Zumindest bis wir ihnen zeigen, dass es verschiedene Menschentypen gibt, die in der Gesellschaft nicht alle die gleiche Rolle spielen.“ Allerdings, räumt sie ein: Die Puppen könnten auch „Geborgenheit“ geben, nämlich allen Kindern, die selbst mit dem Gendefekt leben.

In einer traditionellen afrikanischen Gesellschaft die Schönheit hinter der weißen Haut hervorzuheben: Das versucht nicht nur ein Model aus Kapstadt, das mit Albino-Puppen im Barbie-Kostüm berühmt wurde. Das Nachbarland Simbabwe kürte in diesem Jahr seine erste „Miss Albino“. Dabei setzte sich die 22-jährige Sozialarbeitsstudentin Sithembiso Mutukura über zwölf Mitbewerberinnen hinweg. Der Wettbewerb in einem Nachtclub der Hauptstadt Harare fand im kleinen Rahmen statt – das zeigte der einzige Sponsor, der ein Essenspaket und 85 US-Dollar für den ersten Preis spendete. Doch die Veranstalter träumen groß: In Zukunft wollen sie die „Miss Albino Africa“ küren, später auch die „Miss Albino World“.


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