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„Mit dem Essen spielt man nicht“
Panorama 5 Min. 01.12.2021
Dietmar Bär im Interview

„Mit dem Essen spielt man nicht“

Wiltrud Strumm (Marie Anne Fliegel, Mitte) lebt nicht mehr in der Gegenwart, sondern in ihrer Vergangenheit. Und irritiert damit häufig ihren Sohn Friedrich (Dietmar Bär) und die Schwiegertochter Anneliese (Anna Schudt), denn für Wiltrud ist Hitler noch am Leben …
Dietmar Bär im Interview

„Mit dem Essen spielt man nicht“

Wiltrud Strumm (Marie Anne Fliegel, Mitte) lebt nicht mehr in der Gegenwart, sondern in ihrer Vergangenheit. Und irritiert damit häufig ihren Sohn Friedrich (Dietmar Bär) und die Schwiegertochter Anneliese (Anna Schudt), denn für Wiltrud ist Hitler noch am Leben …
Foto: SWR/FFP New Media/Martin Valenti
Panorama 5 Min. 01.12.2021
Dietmar Bär im Interview

„Mit dem Essen spielt man nicht“

Dietmar Bär spricht im Interview über die von Armut geprägte Nachkriegszeit und die willkommene Abwechslung vom Kölner „Tatort“.

Interview: Martin Weber

Millionen Zuschauer kennen ihn aus dem Kölner „Tatort“: Dietmar Bär gehört als Kommissar Freddy Schenk zu den dienstältesten Ermittlern im deutschen Fernsehen. Nun ist der populäre Schauspieler in einer ganz anderen Rolle zu sehen: Im historischen Sechsteiler „Ein Hauch von Amerika“ – zu sehen ab heute um 20.15 Uhr in der ARD – spielt der 60-Jährige den Bürgermeister eines pfälzischen Dorfes in der Nachkriegszeit, das sich mit den amerikanischen Besatzern arrangiert. In der Miniserie von Regisseur Dror Zahavi geht es um Freiheit und Freizügigkeit, die mit den US-Soldaten nach Deutschland kamen, aber auch um Opportunismus und Rassismus bei Deutschen und Amerikanern. 

Dietmar Bär, im Sechsteiler „Ein Hauch von Amerika“ geht es um die Nachkriegszeit. Sie sind 1961 geboren, haben Sie als Kind noch etwas davon mitbekommen?

Klar, vor allem eine ganz bestimmte Atmosphäre, die auch die Sechzigerjahre noch geprägt hat. Man sah noch viele Kriegsversehrte auf den Straßen, Einbeinige mit einem hochgeschlagenen Hosenbein, oder auch Männer, die durch die Straßen liefen und ihre Dienste als Scherenschleifer angeboten haben oder Akkordeon spielten. Ich sehe außerdem noch viele Kriegsruinen vor mir, die dann so nach und nach beseitigt wurden. 

Sie sind in Dortmund aufgewachsen, das im Krieg fast völlig zerstört wurde …

Stimmt, das Ruhrgebiet als wichtiges Industriezentrum war natürlich ein wichtiges Ziel für die alliierten Bombenangriffe, und Dortmund wurde stark in Mitleidenschaft gezogen. 

Was haben Ihnen Ihre Eltern und Großeltern von der unmittelbaren Nachkriegszeit erzählt, in der die Serie spielt? 

Ich erinnere mich vor allem daran, wie bei uns zu Hause auf Lebensmittel geachtet wurde, wie jedes Butterpapier penibel bis auf den letzten Rest ausgekratzt wurde. Wie wichtig Eier waren oder Fleisch. Der sorgfältige, fast schon ehrfürchtige Umgang mit Lebensmitteln hatte seine Wurzeln natürlich in diesen von Hungersnot geprägten Jahren gleich nach 1945. Ein einprägsamer pädagogischer Satz von damals war ja: Mit dem Essen spielt man nicht.

Ich erinnere mich vor allem daran, wie bei uns zu Hause jedes Butterpapier penibel bis auf den letzten Rest ausgekratzt wurde.

Sie spielen im Sechsteiler den Bürgermeister eines Städtchens, der Nazi war und sich nach dem Krieg sofort mit den Besatzern arrangiert. Wie verkörpert man einen solchen Opportunisten?

Das ist in der Tat ein lupenreiner Opportunist, und genau das hat diese Figur so interessant für mich gemacht. Ich habe mich diesem Mann natürlich aus dem historischen Kontext heraus genähert, Menschen wie ihn gab es in dieser Generation ja viele – Leute, die unter den Nazis Mitläufer und auch Profiteure waren und sich dann aber auch sofort in den neuen Verhältnissen komfortabel eingerichtet haben. Das ist natürlich eine Herausforderung für einen Schauspieler. 

Haben Sie auch Verständnis für diesen Mann? 

In gewissem Sinne schon, denn er ist schließlich auch Familienvater, der für die Seinen sorgen muss. Das ist ein schillernder Charakter, der sich in einem Spannungsfeld bewegt, das mich gereizt hat. Der hat in der Nazizeit Schuld auf sich geladen, ist aber kein kapitaler Kriegsverbrecher oder so. 

In der Serie geht es auch um Rassismus … 

Genau, es geht um die Liebesgeschichte einer Deutschen mit einem schwarzen US-Soldaten, die im Städtchen natürlich auf Vorbehalte stößt, um es vorsichtig auszudrücken. Es geht aber auch um den Rassismus innerhalb der US-Army, der damals sehr stark ausgeprägt war – ein Aspekt, der eher selten erzählt wird und vielen Zuschauern vielleicht gar nicht so geläufig ist. Die Amerikaner kamen 1945 als Befreier nach Europa, aber in den USA herrschte damals noch ein ausgeprägter Rassismus, unter dem die schwarze Bevölkerung sehr gelitten hat und von dem auch die farbigen Soldaten betroffen waren.

Hat’s denn Spaß gemacht, mal wieder etwas anderes als den „Tatort“-Kommissar zu spielen? 

Klar, ich bin ja Schauspieler und immer mal wieder mit viel Freude auch in anderen Rollen unterwegs. Der „Tatort“-Job ist zwar seit bald 25 Jahren ein wichtiges berufliches Standbein für mich, aber mich reizen auch andere Rollen – und bei diesem Projekt hatte es mir vor allem der historische Hintergrund angetan. Schon allein der Aufwand, der da von der Requisite betrieben wird, da stimmt bis zum letzten Cognacfläschchen ganz hinten im Regal wirklich alles – toll. 

Regisseur Dror Zahavi kannten Sie ja von früheren Projekten … 

Stimmt, wir hatten vorher schon einen „Tatort“ und ein Fernsehspiel miteinander gedreht. Ich habe mich gefreut, dass wir wieder zusammenkommen. 


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Begreifen Sie solche Rollen auch als Chance, von Zeit zu Zeit aus der Rolle als „Tatort“-Kommissar Freddy Schenk auszubrechen? 

Ich sage mal so, es kommt natürlich immer auf den Einzelfall und das Angebot an. Oft bekomme ich auch Rollenangebote, die mir aus künstlerischen oder persönlichen Gründen nicht so zusagen und die ich dann ablehne. Aber wenn es passt, dann passt es, und das war bei diesem Sechsteiler absolut der Fall.

Kann es sein, dass Sie für die Rolle ein paar Kilo abgenommen haben? Ihr Bürgermeister wirkt schlanker als Kommissar Freddy Schenk. 

Nö, ich hab den nur schlanker gespielt. (lacht) Außerdem musste ich mir den Schenk-Bart abnehmen, was dazu geführt hat, dass ich auch bei einem zwischenzeitlich gedrehten „Tatort“ glattrasiert war – das erste Mal in 23 Jahren. 

Ist der Bart beim nächsten „Tatort“ wieder dran? 

Mehr als je zuvor, versprochen. (lacht)

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