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Milch: Zu Unrecht unter Verdacht
Milch - ein wahrer Muntermacher.

Milch: Zu Unrecht unter Verdacht

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Milch - ein wahrer Muntermacher.
Panorama 4 Min. 11.08.2016

Milch: Zu Unrecht unter Verdacht

Was wird der Kuhmilch nicht alles angedichtet: Sie begünstige Knochenschwund und Hüftbrüche, mache dick, lasse die Atemwege verschleimen und fördere Herz-Kreislauf-Leiden oder Krebs. Fast nichts davon ist wissenschaftlich haltbar, manchmal ist sogar das Gegenteil wahr.

Von Walter Schmidt

„Milch macht müde Männer munter“ – ein Slogan der deutschen Milchwirtschaft, der zum geflügelten Wort geworden ist. „Dieser Werbespruch war wissenschaftlich noch nie haltbar, außer dass Milch Energie liefert, aber das macht ein Brot oder ein Apfel auch“, sagt Bernhard Watzl, Leiter des Instituts für Physiologie und Biochemie der Ernährung beim Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel in Karlsruhe.

Man muss solche Sprüche nicht toll finden, aber es ist auch nicht ganz einfach, für ein seit etwa 7000 Jahren gebräuchliches Erzeugnis Reklame zu machen. Und für etwas, das so gewöhnlich erscheint, mag man eben auch nicht gerne viel Geld ausgeben – wobei das nicht der einzige Grund für die aktuell sehr niedrigen Milchpreise ist, unter denen vor allem kleinere Milchviehbetriebe leiden. Discounter verschleudern Milch für weniger als einen Euro, während Milchersatz-Getränke aus Hafer, Reis, Soja oder auch Kokosnüssen und Mandeln deutlich teurer verkauft werden.

Ersatzstoffe ohne Mehrwert

Das würde man sofort verstehen, wenn solche Getränke mehr Nährstoffe enthielten oder gesünder wären als Milch. Doch mit Ausnahme der traditionsreichen Sojamilch seien die Drinks aus Hafer und anderen Getreide-Arten gar „nicht gesund“, urteilt Bernhard Watzl. Bei ihnen müsse „viel imitiert werden, was die Milch von Natur aus mitbringt“, zum Beispiel Geschmack und Farbe. Und Calcium, das in der Milch in hohem Maße enthalten ist, wiesen „solche Kunstprodukte“ erst recht nicht auf, weswegen es oft ebenfalls hinzugefügt werde, merkt Watzl an.

„Wer sich naturnah ernähren und auf Lebensmittelzusätze verzichten möchte, sollte eigentlich nicht zu Kunstprodukten greifen, die stark verarbeitet und mit Zusätzen angereichert sind“, sondern lieber zu Milch. Es sei denn, man wolle nur vegane Produkte konsumieren, „auch wenn das eine reine Kulturfrage ist, keine Frage der Gesundheit oder Ernährungsphysiologie“. Es gebe „keine ernährungswissenschaftliche Begründung“ für eine vegane Ernährung. „Der Mensch war ja nie Veganer“, fügt der Professor für Ernährungswissenschaft hinzu.

Beliebtes Ersatzprodukt: Sojamilch.
Beliebtes Ersatzprodukt: Sojamilch.
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Positive Effekte

Für Kuhmilch hingegen spreche sehr viel. „Alle Ernährungsgesellschaften in westlichen Industrieländern, in denen Milch eine lange Tradition hat, stufen sie als gesund ein und empfehlen sie als Lebensmittel“, betont Watzl. „Milch hat viele Inhaltsstoffe, die für Kinder und Erwachsene wichtig sind, da gibt es unter Fachleuten keine Debatten.“

Auch Isabelle Keller von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung verweist auf die wertvollen Bestandteile von Milch und Milchprodukten. „Sie sind in erster Linie wichtige Lieferanten von Calcium, das für den Knochenaufbau bedeutsam ist, aber auch von B-Vitaminen sowie von Vitamin A, Vitamin D und von Jod.“ Milch und Milchprodukte seien zudem leicht verdauliche und schnelle Energielieferanten.

Der zweite Vorteil ist Keller zufolge die große Bandbreite von Milch und Erzeugnissen daraus. „Um Calcium zu bekommen, muss man nicht nur Milch trinken, sondern kann auch zurückgreifen auf Joghurt, Buttermilch und Sauermilchprodukte wie Kefir, außerdem auf Käse, der allerdings auch ein großer Fettlieferant ist“, merkt die Ernährungsfachfrau an.

Folgen des Milchkonsums

Leider sind viele falsche oder verzerrte Informationen über Folgen des Milchkonsums im Umlauf. Die Aussage, Milch mache dick, ist Watzl zufolge „absolut unsinnig“. Entscheidend sei die Menge an Energie, die man dem Körper über die Nahrung zuführe. „Man kann auch mit den gesündesten Lebensmitteln zunehmen, wenn man zu viel davon isst und sich nicht ausreichend bewegt.“

Falsch sei auch die Ansicht, Milchkonsum im Alter führe vermehrt zu Knochenbrüchen und Hüftfrakturen. Erwiesen ist aber, dass Milch wegen ihres hohen Calcium-Gehalts die Knochendichte und die Knochenmasse erhöht, was vor allem in den ersten dreißig Lebensjahren wichtig ist. Dies beugt nämlich, bei zusätzlich ausreichender Bewegung, dem Knochenschwund (Osteoporose) im höheren Alter vor, auch wenn dieses Leiden diverse Ursachen haben kann.

Uneinheitlich ist das Bild beim Thema Krebs. Nach heutigen Erkenntnissen senken Männer wie Frauen durch einen üblichen, moderaten Verzehr von Milch und Milcherzeugnissen das Risiko, an Dickdarmkrebs zu erkranken – ebenso die Wahrscheinlichkeit, Bluthochdruck oder Diabetes mellitus (Typ-2) zu entwickeln.

Männer jedoch, die 1,2 Liter Milch oder mehr pro Tag trinken oder mehr als 140 Gramm Hartkäse täglich verspeisen, erkranken öfter an bösartigen Prostata-Tumoren. All diese und weitere Zusammenhänge hat das Max-Rubner-Institut in einem Ende 2014 erschienenen Bericht ausführlich dargelegt.

Allergiker

Selbstverständlich sollte bei einer nachgewiesen Kuhmilch-Allergie auf die Milch von Kühen verzichtet werden. In Europa reagiert etwa jedes zwanzigste Kind (2 bis 7 Prozent) auf die Milch von Kühen allergisch. Diese Allergie darf jedoch nicht mit der Unverträglichkeit (Intoleranz) für Milchzucker, den Zweifachzucker Laktose, verwechselt werden.

Doch längst nicht jeder, der meint, Milchzucker nicht zu vertragen, weil seinem Körper das dafür nötige Enzym Laktase fehlt, ist auch wirklich laktose-intolerant. Man kann sich das nämlich einbilden. „Das Problem der Laktose-Intoleranz wird heute eindeutig überschätzt“, sagt denn auch Bernhard Watzl. Manche unhaltbaren Ernährungsempfehlungen trügen quasi-religiöse Züge; immer mehr Lebensmittel würden „frei von irgendwas, sei es Gluten oder Laktose oder sonst etwas“, angeboten, weil dies angeblich gesünder sei.

„Dabei haben wir heute so sichere Lebensmittel wie nie zuvor.“ In unserer Nahrung seien – anders als noch vor hundert Jahren – „in aller Regel keine Bakterien mehr enthalten, die uns krank machen könnten, keine extremen Belastungen mehr mit Schwermetallen oder anderen Schadstoffen, keine Schimmelpilz-Gifte“.

Doch stattdessen prangerten selbsternannte Ernährungsexperten nun andere angeblich verdächtige Stoffe in Lebensmitteln an – „Stoffe, die schon immer drin waren, wie etwa Gluten oder die Laktose“. Hier würden Risiken konstruiert, die „wissenschaftlich absolut unsinnig sind“, urteilt Watzl. „Da geht es um Ernährungsreligion – und um Geschäfte.“


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