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Mehrsprachigkeit contra einheitliche Forschungssprache: Nicht nur Englisch auf dem Campus

Mehrsprachigkeit contra einheitliche Forschungssprache: Nicht nur Englisch auf dem Campus

Foto: Shutterstock
Panorama 5 Min. 13.07.2016

Mehrsprachigkeit contra einheitliche Forschungssprache: Nicht nur Englisch auf dem Campus

Christophe LANGENBRINK
Christophe LANGENBRINK
Im Kontext der Globalisierung und der zunehmenden Digitalisierung stellt sich in der Wissenschaft immer wieder die Frage: Braucht man eine Einheitssprache oder muss man doch mehrsprachig sein?

Von Birgit Pfaus-Ravida

Im Zeitalter von Vernetzung und Globalisierung sehen sich Wissenschaftler aller Fachrichtungen einer großen Herausforderung ausgesetzt: der Mehrsprachigkeit. Ob auf Tagungen oder in Publikationen, um Inhalte zu verstehen, ist Fremdsprachenkompetenz kein Zusatz-Bonbon mehr, sondern eine Voraussetzung. Stellt sich die Frage: Braucht der Wissenschaftsbetrieb eine Einheitssprache für alle – oder braucht er Wissenschaftler, die mehrere Sprachen können?

Brauchen Forscher eine Einheitssprache oder sollten sie gleich mehrere Sprachen sprechen können?
Brauchen Forscher eine Einheitssprache oder sollten sie gleich mehrere Sprachen sprechen können?
Foto: Chris Karaba

„Förderung der Mehrsprachigkeit im europäischen Wissenschaftsdiskurs unter besonderer Berücksichtigung des Deutschen und Französischen als Wissenschaftssprachen – Status Quo und Perspektiven.“ Der Titel dieses internationalen Kolloquiums, das am vergangenen Wochenende an der Europäischen Akademie Otzenhausen in Deutschland stattfand, impliziert bereits eine mögliche Antwort auf die Frage, ob es sich ein internationaler Wissenschaftsbetrieb heute noch erlauben kann, dass jeder seine eigene Sprache pflegt – oder ob eine gemeinsame Sprache, etwa Englisch, her muss. Für Publikationen, Tagungen, Versammlungen und Zielvereinbarungen.  „Wir sind der Meinung, dass die Mehrsprachigkeit absolut weiter bestehen und gepflegt werden muss!“, sagt Arno Krause, Gründer und Vorstandsvorsitzender der Akademie und Denkanstoß-Geber für das Kolloquium.

Eine Weltsprache ist zu wenig?

 „Mit unserem Kolloquium wollten wir diese Frage wissenschaftlich erörtern. Ist es möglich, Goethe auf Englisch in Gänze zu erfassen? Nein. Nur eine Weltsprache ist für die Wissenschaft zu wenig. Sprache resultiert doch auch immer aus dem Kulturverständnis. Das Kolloquium sollte nur ein Anfang sein, wir möchten das Thema ausweiten“, so Krause. Bei dem Kolloquium waren Angehörige deutscher, französischer und luxemburgischer Hochschulen dabei, die im deutsch-französischen Kontext arbeiten. Im ersten Teil berichteten Wissenschaftler von ihren Erfahrungen mit Mehrsprachigkeit, im zweiten Teil werteten Sprachwissenschaftler die Erfahrungsberichte aus.

Eine Referentin war  Prof. Patricia Oster-Stierle, Präsidentin der Deutsch-Französischen Hochschule in Saarbrücken. „Unsere Hochschule ist ein vom deutschen und französischen Staat paritätisch finanziertes Netzwerk von 185 deutschen und französischen Hochschulen, Universitäten und Grandes Ecoles in ganz Deutschland und Frankreich, welches Doppeldiplom-Studiengänge in allen Disziplinen evaluiert und die zurzeit 6500 Studierenden mit Stipendien fördert. Wir haben mit Luxemburg auch vier trinationale Studiengänge. Die Mehrsprachigkeit belebt und bereichert unsern Alltag – in Lehre und Forschung.  Zu Französisch und Deutsch kommt das Englische, das einfach dazugehört.“

Die Berufschancen der Absolventen erhöhen sich durch die Mehrsprachigkeit. Luxemburg sei hier ein wichtiges Vorbild.
Die Berufschancen der Absolventen erhöhen sich durch die Mehrsprachigkeit. Luxemburg sei hier ein wichtiges Vorbild.
Foto: Claude Piscitelli

Dazugehören ja – aber die anderen Sprachen ersetzen könne das Englische in der Wissenschaft nicht grundsätzlich, ist Oster-Stierle überzeugt. „Dies mag in den Naturwissenschaften gelingen, für die Geisteswissenschaften ist dies jedoch ein großer Verlust an Differenzierungsmöglichkeit und Prägnanz in der jeweiligen Argumentation. Es ist in juristischen und anderen geisteswissenschaftlichen Kolloquien und Sommerschulen der Deutsch-Französischen Hochschule immer ein Gewinn, dass die Wissenschaftler jeweils die Sprache des andern verstehen.“ Auch die Berufschancen der Absolventen erhöhen sich durch die Mehrsprachigkeit, so Patricia Oster-Stierle. Luxemburg sei hier ein wichtiges Vorbild. „Wir sehen, dass 70 Prozent unserer dreisprachigen Absolventen innerhalb von weniger als drei Monaten eine Stelle finden. Das liegt auch an ihrer Mehrsprachigkeit, die natürlich mit einer vertieften interkulturellen Erfahrung auf Grund eines langfristigen Studiums im anderen Land und in der binationalen Gruppe geprägt wurde.“

Sprache muss in der Praxis funktionieren

Nichtsdestotrotz nimmt der Trend, Tagungen auf englischer Sprache abzuhalten und auf Englisch zu publizieren, grundsätzlich zu. Die mehrsprachige Universität Luxemburg etwa veröffentlicht ihren Jahresbericht nur noch auf Englisch und nicht mehr wie früher dreisprachig.  Von Seiten der Pressestelle heißt es dazu: „Dies geschah vor allem aus praktischen Gründen; der Bericht ist im internationalen Kontext auf Englisch besser einzusetzen; viele Exemplare werden international an unsere weltweiten Partner verschickt.“

Bei Tagungen wird zunehmend auf eine Einheitssprache verzichtet; jeder Referent kann seine Sprache für den Vortrag auswählen, ob Deutsch, Französisch, Englisch oder Spanisch. Es gibt keine Vorgaben.
Bei Tagungen wird zunehmend auf eine Einheitssprache verzichtet; jeder Referent kann seine Sprache für den Vortrag auswählen, ob Deutsch, Französisch, Englisch oder Spanisch. Es gibt keine Vorgaben.
Foto: Lex Kleren

Sprache muss in der Praxis funktionieren. Das weiß auch Natalia Filatkina. Die Germanistin organisiert gerade die internationale Europhras-Tagung, die dieses Jahr von 1. bis 3. August an der Universität Trier stattfindet. Filatkina selbst bewegt sich sicher in mehreren Sprachen. Die gebürtige Russin lebt in Luxemburg mit ihrem englischsprachigen Ehemann, arbeitet an einer deutschsprachigen Uni und publiziert nicht immer nur auf Deutsch. „Bei Tagungen trage ich manchmal auf Englisch vor und benutze deutschsprachige Folien – da können mir schon mal Sprecher zweier verschiedener Sprachen folgen“, erklärt sie. „Ich denke, dass in Europa die Tradition der Mehrsprachigkeit besteht und verankert ist. Das ist nur von Vorteil. Bei unserer Tagung wird bewusst auf eine Einheitssprache verzichtet; jeder Referent kann seine Sprache für den Vortrag auswählen, ob Deutsch, Französisch, Englisch oder Spanisch. Es gibt keine Vorgaben. Und die Teilnehmer wählen aus, welche Vorträge sie verstehen können und anhören wollen. Damit wurden sehr gute Erfahrungen gemacht.“

Drei Fragen an ... Prof. Dr. Adelheid Hu

Sie ist Expertin für Mehrsprachigkeit und an der Universität Luxemburg verantwortlich für die Forschungspriorität Erziehungswissenschaften mit Schwerpunkt Mehrsprachigkeit und Diversität. Darüber hinaus ist sie Co-Direktorin des kürzlich etablierten Sprachenzentrums an der Universität.

Prof. Dr. Adelheid Hu ist Expertin für Mehrsprachigkeit und an der Universität Luxemburg verantwortlich für die Forschungspriorität Erziehungswissenschaften mit Schwerpunkt Mehrsprachigkeit und Diversität.
Prof. Dr. Adelheid Hu ist Expertin für Mehrsprachigkeit und an der Universität Luxemburg verantwortlich für die Forschungspriorität Erziehungswissenschaften mit Schwerpunkt Mehrsprachigkeit und Diversität.
Foto: Michel Brumat

 

In Luxemburg ist Mehrsprachigkeit buchstäblich in aller Munde. Wird nun an der Universität dennoch Englisch immer mehr zur „Hauptsprache“?

A.Hu: Englisch ist weltweit in vielen Bereichen eine lingua franca in der Wissenschaft. Von daher spielt Englisch auch an der Uni Luxemburg eine wichtige Rolle. Allerdings hat sie keineswegs ein Monopol: Auch Französisch und Deutsch sind nach wie vor von großer Bedeutung, vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften wie auch in den Rechtswissenschaften. In Gremien wird der Einsatz der Sprachen sehr dynamisch und variabel gehandhabt – je nachdem, welche Sprachkompetenzen die Teilnehmer mitbringen. So wird im Universitätsrat durchweg Französisch und Englisch gesprochen, manchmal auch Deutsch.

Wo liegen die Herausforderungen speziell in Luxemburg?

A.Hu: Darin, nicht nur luxemburgische (und in der Regel mehrsprachige) Studierende anzuziehen, sondern gerade auch Studierende aus anderen Regionen der Welt. Es muss diesen bereits im Vorfeld erklärt werden, dass Mehrsprachigkeit kein Ausschlussfaktor ist, sondern dass sie an der UL eine gute Unterstützung beim Sprachenlernen erfahren, so dass sie auch in bilingualen Bachelor- oder Masterprogrammen erfolgreich sein können. Das neu gegründete Sprachenzentrum, welches besonderen Wert auf fremdsprachliche Kompetenzen in den Fach- und Wissenschaftssprachen legt, ist hier ein wichtiger Schritt, Internationalität und Mehrsprachigkeit zu verbinden.

 Wie verwoben sind die einzelnen Fächer mit der jeweiligen Sprache? Anders gefragt: Ist ein wissenschaftlicher Diskurs in der jeweils „fremden“ Sprache qualitativ hochwertig möglich - in allen Fächern?

A.Hu: Ja, in der Tat gibt es hier sicher Unterschiede. In sprachintensiven Disziplinen wie z. B. in den meisten geisteswissenschaftlichen Fächern, aber auch in den Rechtswissenschaften, ist der Diskurs in der Fremdsprache eine Herausforderung. Allerdings verschafft das wissenschaftliche Denken in zwei oder drei Sprachen auch eine Multiperspektivität auf verschiedene kulturelle wissenschaftliche Traditionen und Weltsichten, die sehr bereichernd ist. Sehr gute sprachliche Kompetenzen in der zweiten oder dritten Sprache sind allerdings notwendig. Auch hier bietet das Sprachenzentrum der Uni gezielte Unterstützung.

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