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Mehr als nur „Quarks“
Panorama 1 4 Min. 23.05.2019 Aus unserem online-Archiv

Mehr als nur „Quarks“

Das Internet ist ihr zweites Zuhause: Mai Thi Nguyen-Kim veröffentlicht wöchentlich auf YouTube 
ein Video, in dem sie einem wissenschaftlichen Problem auf den Grund geht.

Mehr als nur „Quarks“

Das Internet ist ihr zweites Zuhause: Mai Thi Nguyen-Kim veröffentlicht wöchentlich auf YouTube 
ein Video, in dem sie einem wissenschaftlichen Problem auf den Grund geht.
Foto: WDR Fernsehen
Panorama 1 4 Min. 23.05.2019 Aus unserem online-Archiv

Mehr als nur „Quarks“

Michael JUCHMES
Michael JUCHMES
Mai Thi Nguyen-Kim spricht im Interview über Wissensvermittlung via YouTube und über ihren Mentor Ranga Yogeshwar.

 „Warum Wissenschaft und YouTube perfekt zusammenpassen“ lautet der Titel des Keynote Talk, der die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim an diesem Freitag nach Belval führt. Die 31-jährige promovierte Chemikerin erlangte nicht nur Bekanntheit durch ihre Auftritte im TV-Format „Quarks“, sondern auch mit den Videos auf ihrem YouTube-Kanal „maiLab“, auf dem sie wissenschaftliche Themen unterhaltsam aufarbeitet.

Mai Thi Nguyen-Kim, Ihr YouTube-Kanal hat 350 000 Abonnenten, Ihre Videos bis zu 750 000 Aufrufe. Wie fühlt es sich an, im Zentrum des öffentlichen Interesses zu stehen?

Seltsam (lacht) und gleichzeitig auch gut, weil es ja in erster Linie nicht um mich, sondern um wissenschaftliche Inhalte und Aufklärung geht. Aber natürlich stehe ich im Zentrum – und es sind eher gemischte Gefühle, wenn ich etwa auf der Straße erkannt werde.

Wie gehen Sie mit negativen Kommentaren auf den Social-Media-Kanälen um?

Anfangs, als ich noch weniger Abonnenten hatte, hab ich wirklich auf jeden Kommentar reagiert. Meist habe ich dann versucht, inhaltliche Fragen zu klären. Kritik entsteht meist nicht aus Boshaftigkeit, sondern aufgrund der Tatsache, dass Leute etwas falsch verstehen. Vielleicht auch, weil ich etwas nicht richtig erklärt habe. Wobei es schon stimmt, dass Menschen eher etwas kommentieren, wenn sie etwas aufregt. Daher schätze ich es, wenn sich jemand Zeit nimmt, um etwas Nettes zu schreiben. Inzwischen kann ich das natürlich nicht mehr machen, aber ich nehme die Kommentare immer noch sehr ernst.

Wie reagieren Ihre Kollegen aus der Wissenschaft auf Ihren YouTube-Kanal?

Diese Reaktionen findet man nicht unbedingt in den Kommentarspalten. Es ist auch nicht genau nachvollziehbar, wer dort agiert. Aber das Feedback von Seiten der Wissenschaft ist erstaunlich positiv. Die Kollegen verstehen schon, was ich genau mache. Sie sind häufig frustriert, weil die Leute Wissenschaftsthemen wie Gentechnik oder Klimawandel nicht begreifen. Das führt dann zu Kommentaren wie: „Du kannst die Welt wirklich verändern.“


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Welche Sujets sorgen für den meisten Diskussionsstoff?

Erstaunlich emotionale Themen sind Ernährung und Veganismus. Auch interessant sind kontroverse gesellschaftliche Themen wie Gentechnik oder Pflegemangel, die im Internet heiß diskutiert werden. Wenn man so etwas mal nüchtern aufdröselt, ist die Diskussion auch eine andere. Es geht mir darum, wissenschaftliches Denken zu vermitteln. Nicht einfach nur darum, meine Meinung kund zu tun und die so stehen zu lassen.

Die Kommentatoren Ihrer YouTube-Beiträge scheinen recht vernünftig zu sein ...

Ich stelle fest, dass es in den Kommentarspalten konstruktiv vor sich geht. Im Bereich Wissenschaft sind die Menschen zwar kritisch oder auch skeptisch, aber dafür auch viel sachlicher. Da wird selten persönlich oder ausfallend argumentiert.

Ihr Vortragsstil orientiert sich an YouTubern und nicht an Hochschuldozenten. Wäre nicht auch die Bühne der passende Ort für solche Beiträge?

Ich wurde schon gefragt, ob ich nicht eine Bühnenshow machen möchte, aber im Moment kommt das nicht in Frage, weil ich einfach zu viel zu tun habe. Der Humor ist dabei eher Mittel zum Zweck. Man kann nicht einfach aus einem Lehrbuch vorlesen, um die Leute zum Lernen zu bewegen. Man muss eine Balance finden, um möglichst viele Menschen zu erreichen.

Sie haben kürzlich das Buch „Komisch, alles chemisch!“ veröffentlicht. Hat das gedruckte Wort weiterhin eine höhere Glaubwürdigkeit als das Internet?

Ja, aber nicht zwingend bei der jüngeren Generation. Ich merke zumindest, dass ich in den konventionellen Medien durch das Buch mehr Aufmerksamkeit bekomme. Für mich hat das Buch aber einen anderen Zweck. Es stellt einen Tag in meinem Leben dar. Darin vermittle ich Basiswissen, etwa in Kapitel eins die Welt der Moleküle. Gegen Ende des Buches bin ich dann bei chemischen Strukturen angelangt. Diese Lernkurve gelingt natürlich nicht in einem Video oder einer 45-minütigen TV-Sendung.

Seit vergangenem Jahr sind Sie auch Moderatorin der TV-Show „Quarks“, lösten dort Ranga Yogeshwar ab. Was konnten Sie von ihm lernen?

Das ganze „Quarks“-Team hat mich herzlich aufgenommen. Rangas Ratschlag lautete im Grunde: „Bleib immer bei dir.“ Das ist wohl sein Mantra. Er sagt auch ständig, das man seinen eigenen Weg gehen und nicht in die Fußstapfen eines anderen treten soll, sonst könne man ihn nicht überholen. Ich denke aber, dass man nicht in die Fußstapfen eines anderen treten soll, damit man seine eigenen hinterlassen kann. Ranga, mit dessen Sendungen ich aufgewachsen bin, und ich haben durchaus verschiedene Persönlichkeiten. Und trotzdem haben wir die gleiche Motivation und das gleiche Selbstverständnis, dass wir uns immer noch als Wissenschaftler verstehen, auch wenn wir nicht in der Forschung aktiv sind.

Sie haben Chemie studiert und sogar promoviert. Sind Lehrbetrieb oder die Forschung Alternativen zur derzeitigen Karriere?

In die Lehre zu gehen kann ich mir schon vorstellen. Den Forschungsbereich kenne ich auch. Da muss man sehr viel Arbeit und Zeit reinstecken, bis man nennenswerte Ergebnisse oder Fortschritte erzielen kann. Das ist derzeit keine Alternative – es sei denn, ich würde mich ganz darauf konzentrieren. Ich denke im Bereich Wissenskommunikation gibt es noch viel zu tun. Es sollten noch mehr Wissenschaftler in die Öffentlichkeit gehen und zwischen der Politik und dem Wissenschaftsbetrieb oder den Experten und den Menschen dolmetschen. Es gibt noch so viele Baustellen, Brücken und Schnittstellen – da habe ich noch ein ganzes Leben lang zu tun.

Der Keynote Talk „Warum Wissenschaft und YouTube perfekt zusammenpassen“ von Mai Thi Nguyen-Kim findet am 24. Mai von 12.30 bis 13.30 Uhr in der Halle des poches à Fonte (1, Avenue du Rock 'n' Roll) in Belval statt und richtet sich an Schüler, Studenten und Erwachsene. Der Vortrag findet in deutscher Sprache statt und wird ins Englische übersetzt. Weitere Informationen unter bit.ly/keynotetalk.

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