Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Mehr als nur Ballern
Ein rigoroses Spielverbot von "Fortnite" könnte Kindern laut Experten mehr schaden als nützen.

Mehr als nur Ballern

Foto: Shutterstock
Ein rigoroses Spielverbot von "Fortnite" könnte Kindern laut Experten mehr schaden als nützen.
Panorama 6 Min. 03.12.2018

Mehr als nur Ballern

Das Onlinegame „Fortnite“ flimmert derzeit über etliche Bildschirme – ob Handy, Tablet, Computer oder Fernseher mit Konsole. Mal wieder ein neuer Trend. Gefährlich? Bedenklich? Oder darf man sich getrost lockermachen?

von Birgit Pfaus-Ravida

Leon (Namen von Kindern und Eltern von der Redaktion geändert) ist auf der Insel mit den „Tilted Towers“ gelandet. Automatisch klappt sich sein Fluggerät ein und verschwindet, er zückt die Waffe. Aber vor dem Kämpfen muss er erst einmal Material sammeln. Holz, Steine, Stahl. „Damit kann ich mich hochbauen. Und ich sammle noch andere Waffen, die besser sind“, erklärt der Zwölfjährige, ohne den Blick vom Fernseher und seiner Spielfigur, einem Hünen mit langem, wehendem, dunklen Haar, zu nehmen. Leons Finger gleiten schnell über den Controller seiner Playstation 4. Er spielt „Fortnite“, das beliebte Onlinespiel, das seit Frühjahr dieses Jahres bei Kindern und Jugendlichen in Mode ist und damit „Minecraft“ und „Pokémon Go“ abgelöst hat.

Kämpfen mit Strategie

Generell geht es im Spiel darum: Etwa 100 Spieler werden über einer Insel abgeworfen, die von einer giftigen Sturmwolke bedroht wird. Bis man die Insel erreicht hat, gilt es, so lange wie möglich am Leben zu bleiben und so viele Spieler wie möglich auszuschalten. Leon begegnet einem Mitspieler, der aussieht wie ein Schulmädchen. Die grazile Figur überreicht ihm eine neue Waffe. „Meine Lieblingswaffe! Das war ja total lieb von der!“, ruft er begeistert. Ob hinter dem virtuellen Schulmädchen ein Mann oder eine Frau steckt, kann er nicht sehen. Und auch er selbst ist ein anonymer Kämpfer im Untergangsszenario des „Battle Royale“, wie die kostenlose Version des Onlinespiels „Fortnite“ heißt. Ab und zu hört man über die Lautsprecher Stimmen. Sie stammen von Mitspielern aus ganz Europa, die über ein Headset kommunizieren. „Das erlauben wir nicht. Leon soll nicht mit den Mitspielern reden“, sagt seine Mutter Lynn.

Experte rät von Verbot ab

Leon spielt das Spiel mit Erlaubnis seiner Eltern seit etwa zwei Monaten. Sein kleiner Bruder Liam, neun Jahre alt, darf nur manchmal zuschauen. „Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht“, meint Mutter Lynn. Irgendwann sei Leon von einer Übernachtungsparty bei einem gleichaltrigen Jungen nach Hause gekommen und habe erzählt, dass dort „Fortnite“ gespielt worden sei. Auch in der Schule würden „alle“ davon erzählen. Er selbst habe bei der Party nur zugeschaut. Nun wollte er auch spielen. Seine Eltern informierten sich über das Online-Game. „Es hat auch strategische Elemente. Man muss Gegenstände sammeln, kann sich dabei mit anderen Spielern zusammentun und im Team arbeiten“, erklärt Vater Marc. Außerdem sei das Spiel offiziell ab zwölf Jahren freigegeben. „Er darf es also spielen, aber nur am Wochenende – zwei Mal 45 Minuten“, erklärt Marc. Seine Frau Lynn fügt hinzu: „Naja, manchmal sind es ein paar Minuten mehr, wenn eine Runde noch nicht ganz zu Ende ist.“

Grob gesagt, ist „Fortnite“ ein „Ballerspiel“: Man schaltet seine Mitspieler mit Waffen aus. Aber es enthält auch komplexe und strategische Elemente. „Die definitiv lehrreich sind“, sagt Jeff Kaufmann von der Initiative „Bee Secure“, die sich für eine sichere Nutzung der Informations- und Kommunikationstechnologie einsetzt. Er warnt Eltern davor, ihren Kindern das Spiel „aus diffusen Ängsten heraus“ einfach so zu verbieten. „Das bringt nichts, grenzt die Kinder nur aus. Sie wachsen nun mal mit den digitalen Medien auf und sollen auch Kompetenzen darin entwickeln, mit den Geräten umzugehen und sich eine digitale Identität aufzubauen.“

Natürlich gebe es gewisse Risiken. Beispielsweise bietet „Fortnite“ eine Chat-Funktion. „Doch ich glaube nicht, dass sich ein Zwölfjähriger, der mitten im Spiel steckt, von jemandem ablenken und zu irgendetwas überreden lassen würde. Dafür ist er zu sehr aufs Spiel konzentriert. Das Spiel ist kein soziales Netzwerk, und auf den Controllern kann man nur schwer schreiben. Ich glaube, die Gefahr ist gering“, so Kaufmann.

Was die im Spiel vorkommende Gewalt angehe: Das werde seit Dekaden im Zusammenhang mit Videospielen diskutiert. Es gebe jedoch keine bewiesene Kausalwirkung von in Spielen vorkommenden Kampfhandlungen und einer generell steigenden Gewaltbereitschaft bei Kindern – wenn keine Vorbelastung vorhanden sei. Statt einfach Verbote zu verhängen, sollten sich Eltern also mit Spielen wie „Fortnite“ auseinandersetzen, es gemeinsam mit dem Kind entdecken – „und für eine gute Balance sorgen“, rät Kaufmann. Das könne bedeuten, dass das Kind oder der Jugendliche zum Ausgleich so lange raus zum Spielen oder zum Sport geht, wie an dem Tag online gespielt wurde. „Es ist generell schwer, ein Zeitlimit festzulegen – das kommt auch auf die Kinder an. Besser als ein Kontingent pro Tag finde ich eines pro Woche. Das kann man sich dann einteilen – je nach geplanten Aktivitäten“, meint der Experte.

Spiele wie „Fortnite“ hätten generell immer nur eine begrenzte Lebensdauer. „Das ist gerade ein Hype, der auch wieder vorbeigeht“, so Jeff Kaufmann. Von welcher Spieldauer pro Tag an eine Suchtgefahr bestünde, lasse sich so pauschal nicht sagen. „Ich gebe Ihnen zwei Beispiele. Ein Erwachsener, Familienvater mit Frau, Kindern, Haus und Job, spielt 16 Stunden am Tag, verliert Beruf und Familie, weil das Spiel so viel Raum einnimmt. Ein junger Student auf der anderen Seite spielt 16 Stunden am Tag – und hört auf, als er eine Freundin hat. Man kann die beiden nicht vergleichen, trotz gleicher Spielstunden“, erklärt der „Bee Secure“-Berater.

Suchtgefahr individuell

Das bestätigt auch Andreas König, Diplom-Psychologe von der Beratungsstelle „ausgespillt/game over“, die Beratung und ambulante Therapie sowie Selbsthilfegruppen im Bereich nicht-stoffgebundener Süchte anbietet – mit dem Schwerpunkt Glücksspiel- und Mediensucht. „Ab wann eine Spielsucht beginnt, kann man nicht verallgemeinern. Es gibt aber Anzeichen, die darauf hindeuten, dass es zu viel wird“, so der Psychologe. Wenn sich das Denken und Verhalten immer mehr auf das Spiel konzentriere, wenn man also dauernd das unwiderstehliche Verlangen habe, seinen Tag danach zu organisieren, dass es möglichst viel Spielzeit gebe. Ferner, wenn die Spielzeiten ausufern. „Außerdem wird es bedenklich, wenn nur noch das Spiel von negativen Emotionen und Affekten ablenken kann. Wenn Menschen also die Fähigkeit verlieren, sich anders abzureagieren oder von Stress runterzukommen.“ Damit hänge auch zusammen, dass der Kick durch das Spiel immer schwächer werde – und immer mehr Spielzeit benötigt werde, womit ein Teufelskreis beginnt.

Kreditkarte einbehalten

Doch so weit kommt es nicht oft. Generell haben Spiele wie „Fortnite“ auch wirklich gute Seiten, fördern das komplexe Denken, ist König überzeugt. Es sei aber wichtig, sich an den Altersangaben zu orientieren. Während das klassische „Fortnite“ im „Rette die Welt“-Modus ab zwölf Jahren freigegeben sei, liege die Altersfreigabe für die Online-Variante „Battle Royale“ erst bei 16 Jahren. Eltern sollten also genau hinschauen, welche Version ihre Kinder spielen.

Eine Gefahr lauert laut König in der Möglichkeit, echtes Geld im Spiel auszugeben, um sich etwa bessere Kleidung zuzulegen – oder „Überraschungstüten“, sogenannte „Loot Boxes“. Man kauft also via Kreditkarte eine Fähigkeit, ohne zu wissen, welche es ist. „Da kann es schon zu einer starken psychologischen Bindung kommen. Man denkt: Jetzt hab ich schon so viel ausgegeben und noch nicht das Gewünschte erhalten, ich muss es weiter probieren!“ Da sei es manchmal schwer, aufzuhören. Jeff Kaufmann von „Bee Secure“ empfiehlt deshalb: „Nie die Option anklicken, automatisch die Kreditkartendaten einzugeben. Dann können die Kids sie nicht so leicht missbrauchen.“


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Luxmasters: Counter-Strike in Kayl
E-Sport ist auf dem Vormarsch. Auch in Luxemburg. Am Samstag wurde bei den zweiten Luxmasters in der Schungfabrik in Kayl das Landesfinale von "Counter-Strike:Global Offensive“ ausgetragen.
Panorama, Schungfabrik, E-Sport-Turnier,  Kayl, Gamer, Computerspiele,  Zocken, Spiele, game player photo Anouk Antony
Mordsspaß mit Krawatte
Bühne frei für den wohl bekanntesten, glatzköpfigen Schlipsträger der Videospielgeschichte: Wenn Agent 47 auf die Jagd geht, veranstaltet er ein Mordstheater, das zum Nachdenken anregt.
hitman 2