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„Man kann es nicht nebenher machen“
Panorama 6 Min. 15.01.2022
Christentum und Religion im Netz

„Man kann es nicht nebenher machen“

Auch in Luxemburg gibt es Erfahrungen mit digitalen Angeboten – So fanden etwa während er Oktave zahlreiche Veranstaltungen online statt.
Christentum und Religion im Netz

„Man kann es nicht nebenher machen“

Auch in Luxemburg gibt es Erfahrungen mit digitalen Angeboten – So fanden etwa während er Oktave zahlreiche Veranstaltungen online statt.
Foto: Anouk Antony/LW-Archiv
Panorama 6 Min. 15.01.2022
Christentum und Religion im Netz

„Man kann es nicht nebenher machen“

Religionswissenschaftlerin Anna Neumaier spricht im Interview über religiöse Angebote im Netz und die Gefahr durch radikale Gruppen.

(KNA) - Nicht nur in Kirchenräumen, auch im Internet gibt es religiöses Leben. Über die Rolle des digitalen Raums für die christlichen Kirchen äußert sich die Religionswissenschaftlerin Anna Neumaier im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Sie leitet das Kompetenzzentrum Digitale Religiöse Kommunikation der Universität Bochum.

Anna Neumaier, Gottesdienstübertragungen bei YouTube und ein twitternder Papst: Was sind weitere Beispiele für Glaube, für Christentum im Netz?

Gottesdienstübertragungen waren sehr präsent in den letzten zwei Jahren, und auch statische Informationsangebote wie Webseiten gibt es weiterhin. Ich finde es aber spannender, auf religiöse Kanäle und christliche Angebote bei Instagram, TikTok, Twitter, Facebook, YouTube und anderen Plattformen zu schauen, weil sich da Formate stärker verändern. Es werden seltener traditionell offline etablierte Formate online repliziert, das funktioniert dort meist nicht. Außerdem gibt es Messenger-Gruppen, in denen man erst Mitglied werden muss. Die laufen – auch in der Forschung – etwas unter dem Radar, weil sie ein geschlossenes Angebot sind. 

Anna Neumaier
Anna Neumaier
Foto: Martin Steffen

Stichwort Veränderung: Wie verändert sich denn religiöse Praxis durch die digitalen Medien? 

Die Voraussetzungen für religiöse Praxis ändern sich, wenn sich die eingesetzten Medien ändern. Dies hat nichts spezifisch mit dem Internet zu tun. Die gleichen Debatten gab es vor Dekaden über den Fernseh- oder Radiogottesdienst. Wenn sich Parameter ändern, ändert sich auch die religiöse Praxis. In der religionswissenschaftlichen Forschung untersucht man Veränderung meist unter vier Aspekten: Die Transformation von Gemeinschaft, die Transformation von Identität, die Transformation von religiöser Autorität und die Transformation der Rituale, die stattfinden. Ich kann schlecht pauschale Antworten geben, weil die Veränderung stark davon abhängt, um was für ein Angebot es konkret geht und in welchem Medium sie stattfindet.

Gibt es Beispiele? 

Onlinegottesdienste sind spannend, weil man augenscheinlich erst einmal nur eine kleine Veränderung des Mediums hat. Der Gottesdienst ist nicht in der Kirche, sondern digital vermittelt, zum Beispiel auf YouTube oder als Zoom-Teilnahme. Aber auch diese vermeintlich kleinen Veränderungen können einen großen Unterschied machen, wie dieses religiöse Angebot, das Ritual, von den Teilnehmenden wahrgenommen wird. Zum Beispiel: Bei Zoom können sich alle, die an einem Gottesdienst teilnehmen, gegenseitig anschauen – beim Youtube-Gottesdienst wird man selbst nicht sichtbar. Das macht einen Unterschied. Ein weiterer Punkt ist das räumlich mehrschichtige Setting. Wir reden immer über das digitale Angebot. Das ist auf einem Bildschirm, der manchmal nur so groß wie eine Handfläche ist. Ansonsten sitzen die Teilnehmenden in ihrem Wohnzimmer, im Zug, im Café, wir wissen es oft nicht. Aber es hat Auswirkungen darauf, wie sie das wahrnehmen, was passiert und wie sie sich einbringen. Wir haben Interviews mit Menschen geführt, die an Zoom-Gottesdiensten teilgenommen haben, und diese Veränderungen an sich erfahren. Zum Beispiel: Die Hemmschwelle sinkt, sich in die Gottesdienstgestaltung einzubringen, zum Beispiel Fürbitten zu verlesen, wenn man nicht aufstehen und nach vorne gehen muss, sondern in seinem Wohnzimmer sitzt. 

Auch vermeintlich kleine Veränderungen können einen großen Unterschied machen, wie ein religiöses Angebot, von den Teilnehmenden wahrgenommen wird.

Gibt es Gemeinde im Netz? 

Ich kann als Religionswissenschaftlerin schlecht den theologisch geprägten Gemeindebegriff beurteilen. Ich kann aber sagen, dass es im Netz Gemeinschaft gibt. Man findet Gemeinschaftsformen wieder, wie man sie auch offline hat. Es entwickelt sich in den digitalen Kontexten nichts substanziell Neues. Eher macht das Internet Entwicklungen sichtbar, die ohnehin stattfinden. 

Sie haben außerdem den Begriff Autorität verwendet. Inwieweit finden sich Autoritäten im digitalen Raum? 

Wir haben Autoritäten online und genauso auch Orte, wo weniger Autorität wirkt als offline. Wir haben sicherlich nicht diese Utopie eines hierarchiefreien digitalen Raumes, in dem alle auf Augenhöhe kommunizieren. Es ist spannend, dass gerade viele der jüngeren Social-Media-Plattformen tendenziell nicht den Austausch auf Augenhöhe befördern. Ich denke an Plattformen wie etwa Instagram. Deren mediale Charakteristika und die Funktionsweise von Algorithmen lassen tendenziell bestimmte Senderinnen und Sender und deren Botschaft sehr präsent werden. Der gleichrangige Austausch, also das, was man als „auf Augenhöhe“ verstehen würde, findet nur Platz in der zweiten Reihe, zum Beispiel in den Kommentarspalten. Das gilt für Instagram, YouTube, TikTok. Es gibt aber auch andere Plattformen wie Diskussionsforen, teilweise Facebookgruppen, Twitter, auf denen Kommunikation anders strukturiert ist. Hier organisiert sie sich eher thematisch und dann auch tendenziell mit einem geringeren Hierarchiegefälle. Außerdem gibt es natürlich auch viele christliche Kanäle auf Instagram und Co, die sich Mühe geben, relativ hierarchiefrei zu arbeiten und größere Sagbarkeiten zuzulassen. 

Wenn man es nicht besonders gut macht oder nicht mit Energie betreibt, dann hat es zu wenig Effekt – oder gar negative Effekte.

Wer sind denn christliche Autoritäten im digitalen Raum? 

Auf den Onlineplattformen hat man einerseits traditionelle religiöse Institutionen und Leute, die auch offline als traditionelle Autoritäten gelten, beispielsweise Pfarrer und Pfarrerinnen. Andererseits formieren sich neue Autoritäten. Online wird anderen Menschen Autorität und religiöse Expertise zugeschrieben. Das ermöglicht vielen, gerade aus der katholischen Kirche, einen Sprung, weil auf einmal auch Frauen und andere marginalisierte Gruppen stärker in den Vordergrund treten können. Es ändert sich auch, auf welcher Grundlage religiöse Autorität zugeschrieben wird. Die formale Ausbildung wird zweitrangig. Dafür wird je nach Zielgruppe die argumentative Überzeugungskraft, die Kenntnis religiöser Quellen oder die Zuschreibung von Authentizität wichtiger. 


Lok , Mensch im Mittelpunkt , Pastoralreferent Sandro Sandini , Krav Maga , Training , Foto:Guy Jallay/Luxemburger Wort
Sandro Sandini, der boxende Pastoralreferent
Sandro Sandini widmet sich Prostituierten, Drogensüchtigen und Obdachlosen. Ausgleich findet der Pastoralreferent im Krav Maga und Boxen.

Inwieweit sind neue Autoritäten im Netz eine Gefahr? Man denke beispielsweise an radikale Bewegungen im Christentum. 

Klar, das merkt man auch bei anderen gesellschaftlichen Herausforderungen wie zum Beispiel den Querdenkern. Man hat überall das Phänomen, dass sich auf einmal Leute finden, die vorher vielleicht vereinzelt waren und jetzt ihren „Deckel zum Topf“ entdecken. Es ist allgemein betrachtet für viele Menschen eine Chance, eine Community zu finden, die zu ihnen passt. Wenn man extremistische Vereinigungen anschaut, dann ist es natürlich gesellschaftlich betrachtet eine Gefahr. Außerdem gibt es das Problem, dass man sich auf die großen Plattformen begeben muss, um sichtbar zu sein. Damit liefert man sich deren Geschäftsgebaren aus. Das wird auch als Gefahr gesehen. Dies kann man nur zu einem hohen Preis umgehen, nämlich indem man dort nicht präsent ist. 

Würden Sie sagen, jede Pfarrei sollte Instagram, Facebook, Twitter oder TikTok haben? 

Nein, das würde ich nicht empfehlen. Um es gut zu machen, braucht es finanzielle und zeitliche Ressourcen und eine entsprechende Ausbildung. Das kann man nicht mal eben nebenher machen. Wenn man es nicht besonders gut macht oder nicht mit Energie betreibt, dann hat es zu wenig Effekt – oder gar negative Effekte. Ich würde empfehlen, bei jedem Angebot zu überlegen, wen genau man damit erreichen möchte. Für die, die gerne die Verbindung zu ihrer Gemeinde möchten, muss man in der Tat überlegen, was die eigene Gemeinde tun kann. Das war natürlich gerade unter Corona ein großes Thema, und schwächt sich vielleicht auch wieder ab, wenn der Kontakt vor Ort wieder problemlos möglich ist. Anderen Gruppen aber geht es um Anliegen, die nichts mit der Gemeinde vor Ort zu tun haben, etwa um eine bestimmte Art von religiösem Austausch. Oder sie identifizieren sich mit einer bestimmten gesellschaftlich-politischen Grundhaltung, aus der heraus sie ihren religiösen Austausch gestalten wollen und ihre Community suchen. Das sind dann lokal-gemeindeübergreifende Bedürfnisse, denen besser mit regional-übergreifenden Angeboten begegnet werden kann. 

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