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Luxemburgs bedrohte Tierwelt: Biodiversität in Gefahr
Hierzulande ausgestorben: Das Braunkehlchen ist aus Luxemburg verschwunden.

Luxemburgs bedrohte Tierwelt: Biodiversität in Gefahr

Foto: Shutterstock
Hierzulande ausgestorben: Das Braunkehlchen ist aus Luxemburg verschwunden.
Panorama 4 Min. 28.07.2015

Luxemburgs bedrohte Tierwelt: Biodiversität in Gefahr

Auf der Erde gibt es rund 1,5 Millionen Tierarten, davon sterben etwa 130 täglich aus. Seit einigen Jahrzehnten wird der Verlust der Artenvielfalt durch die Ausbreitung des Menschen stark beschleunigt. Auch in Luxemburg macht sich der Rückgang der Biodiversität bemerkbar.

(ta) - Ein Bericht der Weltnaturschutzunion (IUCN) stellte der Luxemburger Biodiversität vor kurzem das Zeugnis „gefährdet“ aus. Die Basis für diese Einstufung bilden die sogenannten Roten Listen. Diese gibt es einerseits auf globaler und europäischer Ebene, aber auch speziell auf Luxemburg bezogen. Die Tiere werden in fünf Kategorien eingestuft, von „keine Bedrohung“ bis „vom Aussterben bedroht“.

Die IUCN nennt dann auch zwölf Arten, die in Luxemburg als gefährdet gelten. Dabei handelt es sich aber nur um eine Sicht aus Europa auf Luxemburg. Der Bericht erwähnt nämlich nur die Tiere, die sowohl auf nationaler Ebene als auch in ganz Europa verschwinden, wie etwa die Bienen und Hummeln.

In Wirklichkeit machen diese zwölf Spezies aber nur einen kleinen Teil der gefährdeten Fauna in Luxemburg aus. „Es gibt Arten, deren Bestände in Luxemburg stark abgenommen haben, während sie im Rest von Europa konstant geblieben sind“, erklärt Lea Bonblet von der Organisation natur&ëmwelt. Bilche und Schlafmäuse zählen beispielsweise zu den Arten, die nur regional vom Aussterben bedroht sind und deshalb nicht von der IUCN berücksichtigt wurden.

In Gefahr: 25,8 Prozent
 der europäischen Hummelarten sind vom Aussterben bedroht.
In Gefahr: 25,8 Prozent
 der europäischen Hummelarten sind vom Aussterben bedroht.
Foto: Shutterstock

Das soll aber nicht heißen, dass Luxemburg im internationalen Vergleich schlecht dasteht. Die Population der Flussperlmuschel in der Our beispielsweise ist eine der bedeutendsten in ganz Mitteleuropa. In anderen Ländern haben die Weichtiere nämlich einen weitaus schwierigeren Stand.

25 bedrohte Vogelarten

Weil aber Schlafmäuse und Flussmuscheln nur zwei Beispiele von Arten sind, deren Situation hierzulande sich drastisch von der im restlichen Europa unterscheidet, braucht es die Luxemburg-spezifischen Roten Listen. Diese werden in regelmäßigen Abständen entweder vom Haus der Natur oder vom Naturhistorischen Museum veröffentlicht. Schon die Liste der gefährdeten Vogelarten in Luxemburg geht mit 25 bedrohten Gattungen weiter als der Bericht der IUCN. Darunter befinden sich dann auch ganz bekannte Vogelarten, wie Kiebitz, Kuckuck, Steinkauz und Habicht.

„Wir verlieren nicht nur die speziellen Gattungen mit ihren speziellen Anforderungen“, erklärt Mikis Bastian vom „Centre ornithologique“. Viele Gattungen, die eigentlich relativ unkompliziert sind, verzeichneten in den letzten Jahren dramatische Bestandseinbrüche. So riskiert Luxemburg, fast alle heimischen Fledermäuse zu verlieren. Selbst Arten, die vor einigen Jahren kaum aus unserer Natur wegzudenken waren, wie etwa die Haselmaus und der Siebenschläfer, haben heutzutage einen sehr schweren Stand.

So sollte eine Kulturlandschaft aussehen. Die alleinstehenden Bäume und Hecken bieten Lebensraum für eine facettenreiche Tierwelt.
So sollte eine Kulturlandschaft aussehen. Die alleinstehenden Bäume und Hecken bieten Lebensraum für eine facettenreiche Tierwelt.
Foto: natur&ëmwelt

Die Roten Listen werden aber nicht einfach aus dem Bauchgefühl heraus erstellt, sondern haben „Kopf und Fuß“, wie es Bastian ausdrückt. Es gibt strikte Kriterien, an die sich die Naturforscher beim Kategorisieren der Arten halten müssen. Zuallererst wird die Entwicklung des Bestandes über mehrere Jahre hinweg genau beobachtet. Sollte die Population der betroffenen Art gesunken sein, ist dies meist ein schlechtes Zeichen. Dann muss entschieden werden, ob die Zahl der noch lebenden, ausgewachsenen Tiere ausreicht, um ein Überleben der Art zu sichern. So steht der Spatz trotz einer Bestandsabnahme von rund 50 Prozent nicht auf der Liste der bedrohten Tiere. Es gibt immer noch genügend Brutpaare, um die Existenz des kleinen Vogels zu sichern.

Doch warum sterben überhaupt so viele Arten aus? Hauptgrund ist der Verlust ihres Lebensraums. In Luxemburg verschwinden vor allem Feuchtgebiete und Streuobstbestände. In den letzten 30 Jahren gingen diese um 80, respektiv 60 Prozent zurück. „Es fehlt einfach an Strukturen“, meint Bonblet. „Alleinstehende Bäume und Hecken sind von den Feldern verschwunden. Ähnlich verhält es sich bei den Bächen: Natürliche Flussläufe gibt es auch nur noch sehr wenige.“ Diese Strukturen sind aber ganz wichtige Bestandteile des Lebensraumes vieler Tierarten. Vögel nutzen die Hecken und Bäume als natürliche Ansetzpunkte, für kleinere Säugetiere und Insekten dienen sie als Unterschlupf und Brutplatz.

„Der Boden ist Gold wert“

„Meiner Meinung nach lastet ein enormer wirtschaftlicher Druck auf dem Land, der Boden ist Gold wert“, glaubt Bastian. Landwirte seien sehr schwer davon zu überzeugen, einen Teil ihrer Felder kurzzeitig extensiver zu bearbeiten oder gar brach liegen zu lassen. Stattdessen werden immer mehr Feldwege betoniert und die Ränder der Felder immer besser gepflegt. Eigentlich verständlich, denn trotz staatlicher Förderungen ist es ertragsfähiger, ein Feld gänzlich zu nutzen. Aber: „Dadurch fehlen Übergangsbereiche zu den Hecken und Wäldern“, sagt Bonblet. Falls also die Strukturen vorhanden sein sollten, können die Tiere sie meistens nicht erreichen.

Der Rückgang der Fledermäuse ist ebenso eng mit der Ausbreitung des Menschen verbunden: Kirchtürme werden geschlossen und alte Bauernhöfe renoviert. Außerdem nimmt durch die Zersiedlung der Landschaft ihr Jagdraum extrem ab und ihre Nahrungssuche gestaltet sich schwieriger.

Hinzu gewonnener Artenreichtum: Der Weißstorch brütet 
zum ersten Mal überhaupt in 
Luxemburg.
Hinzu gewonnener Artenreichtum: Der Weißstorch brütet 
zum ersten Mal überhaupt in 
Luxemburg.
Foto: Shutterstock

Inwiefern ist der Mensch denn nun eigentlich Schuld, dass unsere Biodiversität verloren geht? „Natürlich gibt es auch Spezies die ihr natürliches Ende finden, doch die haben genauso ein Recht, auf einer Roten Liste zu stehen“, findet Bastian. Allerdings scheint es zurzeit in Luxemburg keine Art zu geben, die ihr evolutionstechnisches Ende erreicht hat. Eine Ausnahme bilden eventuell die Hummeln, erklärt Bonblet.

Dank ihres Pelzes fliegen sie bei kälteren Temperaturen als Bienen. Als Folge des Klimawandels registrieren Forscher aber seit einigen Jahren, dass Hummeln aus unseren Regionen immer weiter nach Norden wandern. Dort leben aber schon Hummelarten, sodass der Lebensraum auch hier immer knapper wird. In welcher Hinsicht der Klimawandel ein natürliches Phänomen ist, ist aber ein ganz anderes Thema.


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