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"Luxemburg wollte gar nicht gewinnen"
Panorama 1 3 Min. 09.05.2018 Aus unserem online-Archiv

"Luxemburg wollte gar nicht gewinnen"

Simone Weis und Jimmy Martin starteten als Duo Modern Times für Luxemburg.

"Luxemburg wollte gar nicht gewinnen"

Simone Weis und Jimmy Martin starteten als Duo Modern Times für Luxemburg.
Foto: privat / Archiv Jimmy Martin
Panorama 1 3 Min. 09.05.2018 Aus unserem online-Archiv

"Luxemburg wollte gar nicht gewinnen"

Rockmusiker Jimmy Martin erinnert sich an seinen Auftritt beim Eurovision Song Contest. 1993 ging er als Teil des Duos Modern Times für Luxemburg in Irland an den Start.

von Birgit Pfaus-Ravida

Jimmy Martin ist kein Unbekannter in der nationalen Rockszene. Der 54-Jährige ist seit 30 Jahren als Musiker international aktiv. 1993 brachte ihn jedoch ein Auftritt im Bereich Popmusik einem großen Publikum näher: Als Duo Modern Times war er mit Simone Weis der vorerst letzte Teilnehmer für Luxemburg beim Eurovision Song Contest.

Mit "Donne-moi une chance" traten die beiden jungen Musiker 1993 in Irland für das Großherzogtum an – leider mit mäßigem Erfolg. Das Duo landete nur auf Platz 20 bei insgesamt 25 teilnehmenden Ländern. Den Sieg sicherte sich erneut Irland – mit dem Beitrag "In Your Eyes" von Niamh Kavanagh. Für Luxemburg war der Auftritt von Modern Times die letzte Teilnahme am Eurovision Song Contest, der 1956 als "Grand Prix Eurovision de la Chanson" ins Leben gerufen wurde. Nach dem eher enttäuschenden Abschneiden, das dazu führte, dass sich das Großherzogtum nicht automatisch für die Ausgabe im Folgejahr qualifizieren konnte, zeigte man hierzulande kein Interesse mehr an der Entsendung eines Beitrags, was Rockbarde Jimmy Martin – wie bereits oft betont – sehr schade findet.

Sehen Sie sich "Donne-moi une chance" hier an:

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Fehlende Unterstützung

"Es macht mich traurig, wenn die Leute sagen, dass ich daran schuld bin. Das ist Quatsch", erklärt Martin. "Wir hatten von Anfang an nicht viel offizielle Unterstützung, was auch daran liegt, dass wir – anders als in anderen Ländern – keinen öffentlich-rechtlichen Sender in Luxemburg haben." Natürlich habe RTL ihn und das Team aber gefördert. Eigentlich habe Martin gar nicht selbst singen, sondern lediglich den Song schreiben wollen. Mit Patrick Hippert zusammen entstand das Lied. Doch da man bei RTL auf Nummer sicher gehen wollte – aus Angst, die Sängerin könnte alleine zu nervös werden –, habe man den Song zum Duett umgeschrieben. Jimmy Martin wurde kurzerhand zum Schlagerbarden. Allerdings mit Cowboyboots zum zeitgemäß modischen Outfit.

Rock statt Pop: Jimmy Martin ist heute noch als Musiker aktiv.
Rock statt Pop: Jimmy Martin ist heute noch als Musiker aktiv.
Foto: Chris Karaba

Die Reise nach Irland ist Jimmy Martin in sehr guter Erinnerung geblieben. Eine Woche lang war er mit den begleitenden Musikern vor Ort, wobei ein eigener Bus für Band und Reporter zur Verfügung gestellt wurde. "Wie Präsidenten sind wir durch die Gegend gefahren, mit Polizei-Eskorte, sogar der Verkehr wurde für uns umgeleitet", erinnert sich Jimmy Martin mit einem Lächeln auf den Lippen. Früh aufstehen mussten sie damals, denn die Proben begannen täglich um 9 Uhr, davor eine Stunde Fahrt vom Hotel zur Green Glens Arena in Millstreet, einem kleinen irischen Dörfchen. Jeden Abend veranstaltete dann ein anderes Land eine Party in einer wunderschönen Location mit typischen Spezialitäten. "Auch das haben wir Luxemburger leider nicht hingekriegt. Das wäre doch eine schöne Werbung für unser Land gewesen."

"Eigentlich hat alles super geklappt, wie in den Proben", berichtet der Sänger über den eigentlichen Auftritt. "Die Generalprobe am Vormittag wurde und wird ja immer komplett aufgezeichnet – falls am Abend etwas schiefgeht, wird dann die Aufzeichnung gesendet." Bereits am Mittag habe es damals ein Voting vor Ort gegeben. "Da waren wir unter den ersten Fünf", betont Martin. Daran sehe man, wie unterschiedlich die Abstimmungen ausfallen können. "Generell ist es so: Je mehr Hype vorher um die Sänger gemacht wurde, desto mehr Stimmen bekommen sie. Bei uns halt auch hier wieder: Fehlanzeige. Ich hatte das Gefühl, Luxemburg wollte gar nicht gewinnen. Dann hätte man ja den nächsten Eurovision Song Contest ausrichten müssen."

Kein Empfang in Luxemburg

Als das luxemburgische Team nach Hause kam, habe es am Flughafen keinen Empfang gegeben, keine Musik, keine Reden, nichts. "Noch Wochen später haben mich die Leute in der Stadt angepöbelt. 'Martin, du Null', und solche Sprüche. Daran knabbert man", sagt Jimmy Martin. Die belgischen Kollegen hingegen, die den allerletzten Platz belegt hatten, wurden am Flughafen in Brüssel in allen Ehren empfangen, bejubelt und getröstet. "Es geht doch darum, einfach dabei zu sein! Der Eurovision Song Contest ist eine tolle Sache! Das hat in Luxemburg aber wohl nie jemand so gesehen", meint der Musiker ein wenig wehmütig. "Es ist schade, dass der luxemburgische Staat nicht sagt: 'Wir schicken jemanden da hin, wir geben eine finanzielle Unterstützung, etwa für die Reise.' Für Sportler wird das ja auch gemacht!"

Verbittert ist er dennoch nicht. Er ist immer noch als Musiker aktiv. Im Moment ist Jimmy Martin dabei, Songs auf Deutsch auszuarbeiten. Sein neues Album "Berlin" ist durchaus erfolgreich – bezeichnenderweise in den "Eurovision Charts", bei denen ehemalige Grand-Prix-Teilnehmer mit ihren neuen Songs gelistet sind.


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