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Löschen oder bleiben
Panorama 5 Min. 29.03.2018

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Noch immer Daumen hoch? Die Sympathien für Mark Zuckerbergs 
Network-Imperium beginnen zu schwinden.

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Noch immer Daumen hoch? Die Sympathien für Mark Zuckerbergs 
Network-Imperium beginnen zu schwinden.
Foto: AFP
Panorama 5 Min. 29.03.2018

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Der Facebook-Skandal zeigt: Wer im Netz surft, hat die Kontrolle über seine Daten verloren. Jetzt sind neue Spielregeln für die Bewahrung der Privatsphäre gefragt.

von Torsten Könekamp

Um knapp 80 Milliarden Euro ist der Facebook-Börsenwert nach Bekanntwerden der Datenaffäre um Cambridge Analytica und die mögliche Einflussnahme im US-Wahlkampf bereits geschrumpft. Und die Talfahrt geht weiter: Am Mittwoch erklärte sich Facebook-Chef Mark Zuckerberg in dieser Sache zu einer Aussage vor dem US-Kongress bereit – und auch die EU-Kommission macht Druck. Sie hat dem Konzern eine zweiwöchige Frist gesetzt, um ihre Fragen zum jüngsten Datenskandal zu beantworten – insbesondere, ob die persönlichen Daten europäischer Facebook-Nutzer vom Missbrauch betroffen waren.

Das Duopol Facebook und Google

70 Prozent aller digital generierten Werbeeinnahmen landen bei Facebook oder Google. Um dieses Duopol aufzubauen, haben die beiden Riesen ein einzigartiges System der Erfassung fast aller im Netz aktiven Menschen errichtet. Daten über jeden Einzelnen werden dabei nicht nur erhoben, um Werbung zielgenau anzupassen. Die Psychogramme, die aus der Kombination von Datenanalyse und Verhaltensforschung entstehen, eignen sich auch zur politischen Einflussnahme und Manipulation. Denn unser digitales Pendant erlaubt nicht allein Rückschlüsse auf unser Denken und Fühlen, auf politische Entscheidungen und persönliche Präferenzen. Die Daten beeinflussen auch, mit wem wir in Kontakt treten, wie wir gesehen werden und welche Inhalte wir sehen. Wer mit Algorithmen Kaufentscheidungen beeinflusst, kann auch Einstellungen und Trends, Gesellschaft und Politik beeinflussen. Doch kann man überhaupt seine Daten vor Facebook schützen?

Was Facebook alles weiß

Facebook ist gratis. Um Geld zu verdienen, muss das soziale Netzwerk so viel wie möglich über seine Nutzer erfahren. Insgesamt werden dafür fast 100 verschiedene Daten gehortet. Damit Facebook für Werbekunden attraktiv bleibt, muss der Konzern möglichst viel über die Nutzer wissen, um maßgeschneiderte Werbung ausliefern zu können. Das klappt ziemlich gut, die Einnahmen klettern jährlich auf über sieben Milliarden Dollar. Doch wie funktioniert das eigentlich? Die meisten Nutzer haben es sicherlich schon einmal bemerkt: Man sucht etwa auf Amazon nach einem neuen Fernseher, einem Film oder einer Jacke – und kurz darauf taucht das Produkt als Werbeanzeige auf Facebook auf. Schuld daran sind Cookies, die jede Bewegung im Netz protokollieren.

Doch nicht nur die Spuren, die wir im Internet hinterlassen, verraten einiges. Viele Nutzer geben auf Facebook auch mehr von sich Preis, als sie sollten: Die US-Zeitung „Washington Post“ hat anhand der Möglichkeiten für Werber eine Liste von insgesamt 98 Datensätzen erstellt, die Facebook über seine Nutzer sammelt und auswertet. Damit erschafft der Konzern höchst komplexe Profile – darunter wichtige Informationen über Ort, Alter, Geschlecht, Sprache, Bildung, Schule, ethnische Zugehörigkeit, Einkommen und Vermögen, Umfang des Eigentums sowie die Anzahl der Familienmitglieder.

Im Fang der Datenkrake

Was Facebook von einem weiß, kann man einfach erfahren: mit wenigen Klicks und etwas Geduld. Oben rechts auf "Einstellungen" klicken. Dann unter "Allgemeine Kontoeinstellungen" den untersten Eintrag wählen: "Lade eine Kopie deiner Facebook-Daten herunter." Dann muss man nur noch den Anweisungen folgen. Später erhält man einen Link, unter dem diese Daten heruntergeladen werden können. Das Ergebnis kann umfangreich sein: Tausende Dateien in zahlreichen Ordnern – mit Fotos und Videos, ausgetauschte Nachrichten und Chats, Infos aus dem eigenen Profil und eine Übersicht der Freunde. Nicht sichtbar ist, was Facebook mit diesen Informationen macht, welche Rückschlüsse über persönliche Neigungen und Interessen gezogen werden und wo die Daten letztlich gespeichert sind. Wer verhindern möchte, dass Facebook ihm durch Supermärkte, Elektronikgeschäfte und Modehäuser folgt, sollte die Standorterfassung in der App deaktivieren. Und das WLAN ausschalten, denn auch so können Nutzerprofile erfasst und Bewegungsmuster verortet werden.

Mögliche Alternativen

Wer sich jetzt von der Plattform zurückziehen möchte, wird das Problem schnell erkennen. Es gibt andere Netzwerke, aber keines davon hat so viele Mitglieder und ist damit als Austauschmedium so präsent wie Facebook. Wer dennoch aussteigen will, kann auf anders ausgerichtete Networks umsteigen: Mit Pinterest können Nutzer Fotos, Artikel, Orte und mehr in Sammlungen "festpinnen" sowie den Sammlungen anderer Nutzer folgen. Problematisch kann allerdings das Teilen von urheberrechtlich geschützten Bildern sein. Auch Google+ ist eine Alternative. Das Portal punktet vor allem mit Themen-Communities und detaillierten Teilen-Funktionen. Im Gegensatz zu Facebook werden auf den sozialen Netzwerken des Suchgiganten keine Werbeanzeigen eingeblendet.

Wer eher berufliche Kontakte nutzen will, für den kann Xing – das deutsche Pendant zum US-amerikanischen LinkedIn – eine Alternative sein. Dort kann man ein eigenes Profil mit Lebenslauf und Empfehlungen anlegen, Kontakte pflegen, Jobs suchen, News durchstöbern und Gruppen sowie Events organisieren. Wer alle Funktionen nutzen will, muss allerdings für eine Mitgliedschaft zahlen. Instagram ist ein Social Network, das auf Fotos und kurze Videos ausgerichtet ist und vor allem über Smartphone-Apps genutzt wird. Über diese können Fotos bearbeitet und anschließend privat oder öffentlich geteilt oder kommentiert werden. Allerdings gehört Instagram wie auch Whats-App zum Facebook-Konzern.

Vom Konzept her an die Idee von Facebook angelehnt ist Diaspora – eine offene, dezentrale Alternative, die dem Vorbild im Funktionsumfang ähnlich ist: Man kann Statusmeldungen veröffentlichen, Chatten, Bilder teilen und mehr. Über Plugins lässt sich der Umfang erweitern und das Portal bietet – für alle Fälle – auch Schnittstellen zu Facebook und Twitter. Dann bleibt nur noch eins: möglichst viele Freunde zum Wechsel einladen. Am besten vor dem Ausstieg noch über Facebook.


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