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Laurie Penny: „Ja, Männer haben Privilegien“
Die erklärte Feministin Laurie Penny wirkt als Publizistin und schreibt unter anderem für den „Guardian“ und die „New York Times“.


Laurie Penny: „Ja, Männer haben Privilegien“

Foto: Eleanor Saitta
Die erklärte Feministin Laurie Penny wirkt als Publizistin und schreibt unter anderem für den „Guardian“ und die „New York Times“.

Panorama 5 Min. 14.11.2017

Laurie Penny: „Ja, Männer haben Privilegien“

Das „Luxemburger Wort“ sprach mit der feministischen Publizistin Laurie Penny über Gleichberechtigung, Feminismus und die Selbstbestimmung von Frauen

Interview: Julia Maria Zimmermann

Die feministische Publizistin Laurie Penny hat in „neimënster“ ihr aktuelles Buch „Bitch Doctrine“ vorgestellt. Im Gespräch mit dem „Luxemburger Wort“ erklärt sie, was sich ihrer Ansicht nach in der aktuellen Gesellschaft zum Wohl der Frauen verändert – und noch ändern muss.

Laurie Penny, wenn man über Feminismus spricht, wissen viele Menschen nicht genau, was darunter zu verstehen ist. Wie definieren Sie Feminismus?

Ich glaube, es war die Literaturwissenschaftlerin „bell hooks“, die sagte: „Feminismus ist eine große Bewegung zur Befreiung von Frauen.“ Das ist ein guter Ausgangspunkt. Feminismus ist eine breite Bewegung ohne eigentliche Anführer/innen, ohne Ideologie, bei der es darum geht, alle Menschen vom Patriarchat und der Zumutung von Geschlechterrollen und -stereotypen zu befreien – insbesondere Frauen von der patriarchalischen Gewalt, von rechtlichen und sozialen Ungleichheiten.

Wie denken Sie über Feminismus?

Welche Frau hat noch mal gesagt: „Ich wusste gar nicht, was Feminismus ist, bis mich jemand als Feministin bezeichnet hat, als ich mich weigerte, mich als menschlicher Fußabtreter behandeln zu lassen.“? Ich mag das. Ich denke, Feminismus besteht nicht daraus, was jemand ist. Die Frage scheint immer zu sein: „Bin ich eine Feministin? Ist sie eine Feministin?“ Dabei ist Feminismus etwas, das man tut, eine aktive Sache: Man macht Feminismus. Und man kann Feminismus im Alltag „machen“ oder in einem breiteren, politischen Rahmen.

Und was genau bedeutet „Patriarchat“?

Das Patriarchat ist die globale Architektur männlicher Überlegenheit, die ein paar wenige Männer über alle anderen stellt. Wörtlich heißt Patriarchat „die Herrschaft der Väter“, nicht „die Herrschaft der Männer“. Die Ironie dabei ist, wenn Männer „Patriarchat“ hören, sagen sie oft: „Ich habe gar nicht so viel Macht“. Nein, aber „Mann“ agiert in einem patriarchalischen System, in dem üblicherweise ein paar reiche, weiße Männer Macht über all die anderen ausüben.

Haben Männer Ihrer Meinung nach Privilegien?

Ja, Männer haben Privilegien, Privilegien als Mann, aber das ist nicht dasselbe wie Macht. Also fühlen sich viele Männer mit ihren Privilegien im Grunde zwar berechtigt, Macht auszuüben, sind aber faktisch nicht sehr mächtig. Und das erzeugt Ärger, der oft gegenüber Frauen ausgelebt wird.

Heute sind viele Menschen der Meinung, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind oder zumindest sein sollten. Warum ist Feminismus immer noch wichtig?

Es gibt einen Unterschied zwischen rechtlicher und tatsächlicher Gleichheit. Wir haben gelernt – und unsere Generation ist damit aufgewachsen –, dass es im Feminismus um gleiche Rechte am Arbeitsplatz geht und um gleiche Löhne. Aber faktisch haben wir die nicht, obwohl wir sie rechtlich gesehen haben müssten. Nun, die Idee, dass Frauen den gleichen Zugang zum Arbeitsmarkt haben sollten, war ein wesentlicher Aspekt im Feminismus.

Laurie Penny: „Bitch Doktrin“, Nautilus, 
320 Seiten, ISBN 396-0540566, 18 Euro.
Laurie Penny: „Bitch Doktrin“, Nautilus, 
320 Seiten, ISBN 396-0540566, 18 Euro.

Das ist im Grunde auch die Forderung, gleichberechtigt unterdrückt zu werden, oder?

Ich meine Ja, wenn wir schon unterdrückt werden, sollten wir gleichberechtigt unterdrückt werden, aber wir können es besser machen. Im Feminismus ging es immer darum, alle Menschen von den Anforderungen des patriarchalischen Kapitalismus zu befreien. Die Idee, dass es im Feminismus nur um den gleichen Zugang zum Arbeitsmarkt geht, ist eine der größten Lügen, die uns als junge Feminist/innen erzählt wurde: Frauen sollen danach streben, Zugang zu einer bestimmten Arbeit zu bekommen, und gleichzeitig noch unbezahlte Sorgearbeit außerhalb der Erwerbsarbeit übernehmen. In der Schule wurden wir Mädchen nämlich darauf vorbereitet, wie wir Familie und Karriere vereinbaren.

Eine Sache, die mich in Ihrem aktuellen Buch sehr interessiert hat, ist die emotionale Arbeit. Was hat es damit auf sich?

Die Idee von der emotionalen Arbeit existiert schon lange, aber erst in den letzten anderthalb Jahren hat der Begriff sich gefestigt. Die simple Idee ist, dass das Managen von Beziehungen und Gemeinschaften, die grundlegende Sorge um einander, tatsächlich Arbeit ist. Emotionale Arbeit kann alles sein, etwa wenn in einer Beziehung eine Person diejenige ist, die fragt, wie es Leuten geht, die sicherstellt, dass sich alle wohlfühlen, die über Probleme redet, sich um die Geburtstage aller Familienmitglieder kümmert. Das ist der Klassiker: Wessen Aufgabe in der Beziehung ist es, nicht nur an den Geburtstag der eigenen Mutter, sondern auch der des Partners zu denken? Den Rhythmus des Lebens zu organisieren, das ist emotionale Arbeit.

Und es ist keine bezahlte Arbeit?

Nein, anzuerkennen, dass es sich hier um Arbeit handelt, ist eine ganz wichtige Ergänzung zum Diskurs. Das heißt nicht unbedingt, dass sie bezahlt sein sollte. Jess Zimmerman hat einen wichtigen Artikel* geschrieben, in dem sie sagt: „Wenn wir festhalten, dass etwas Arbeit ist, und wir werden dafür nicht bezahlt, wissen wir wenigstens, dass wir betrogen wurden.“ Es geht einfach darum, dass Männer mehr emotionale Arbeit übernehmen. Nicht darum, dass niemand diese Arbeit machen sollte, sondern dass sie anerkannt und wertgeschätzt wird.

In der Diskussion wurde ja auch angesprochen, dass es in der aktuellen #metoo-Debatte wieder Frauen sind, die die emotionale Arbeit leisten.

Ja, im letzten Monat waren es Frauen, die damit umgehen mussten, an die Öffentlichkeit zu treten und die Reaktionen zu ertragen. Es waren aber auch Frauen, die diese Frauen unterstützt und mit Männern über deren Gefühle gesprochen haben. Ich selbst habe das in den letzten drei, vier Wochen ganz oft getan. Das laugt einen aus!

Die Weinstein-Affäre ist ja nicht der erste Skandal dieser Art. Sie selbst nennen Julian Assange, in Deutschland gab es vor einigen Jahren den #Aufschrei, und jedes Mal sind danach die Kommentarspalten voll von Männern, die sich fragen, was sie denn nun überhaupt noch „dürfen“.

Dieser Aufschrei kommt von Frauen, die sagen: „Wir haben gelitten, uns wurde etwas angetan, und wir verlangen Gerechtigkeit.“ Und die erste Reaktion von vielen Männern darauf ist die Frage: „Wie bekomme ich jetzt noch eine Frau ab?“ Das macht mich wirklich wütend! Ich denke dann: „Willst du vielleicht nicht noch einmal über deine erste Reaktion nachdenken? Du solltest dich nicht als Erstes fragen, wie du jetzt eine Frau abbekommst, sondern wie du die Welt besser machst! Denn der Umstand, dass das deine Reaktion ist, ist Teil des Problems.“

Was halten Sie persönlich von #metoo, was hat er verändert?

Ich glaube #metoo ist anders. Das wäre nicht möglich gewesen ohne #Aufschrei oder Julian Assange ... Da wurde noch darüber diskutiert, ob Vergewaltigung beim Date wirklich eine Vergewaltigung ist, ob Kämpfer für digitale Freiheit überhaupt auch Vergewaltiger sein können. Das waren viel kontroversere Diskussionen damals. Und wegen dieser Kontroversen ist es nun so, dass der Damm Risse bekommen hat. Und selbst wenn #metoo nicht alles verändert, ändert er doch genug, und der nächste Hashtag wird noch größer. Aber was sich derzeit wirklich ändert, ist, dass es gesellschaftlich akzeptiert wird, dass ein solches Verhalten Konsequenzen hat und haben muss. Und das ist wirklich wichtig.

* Jess Zimmerman: „Where's My Cut?“: On Unpaid Emotional Labor, auf the-toast.net, am 13. Juli 2015


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