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Kult-Imbiss Currywurst: Seelenfutter mit Schmackes
Panorama 1 3 Min. 23.01.2016 Aus unserem online-Archiv

Kult-Imbiss Currywurst: Seelenfutter mit Schmackes

Panorama 1 3 Min. 23.01.2016 Aus unserem online-Archiv

Kult-Imbiss Currywurst: Seelenfutter mit Schmackes

Sie gehört zu den Lieblingsspeisen der Deutschen: die Currywurst. Zwei junge Unternehmer aus Frankfurt wollen nun die Luxemburger auf den Geschmack bringen – mit Kreationen, die manch einem Kunden die Tränen in die Augen treiben.

Von Martine Hemmer

Der Imbiss prägte hierzulande lange Zeit das Bild der deutschen Esskultur. Daran ist das Fernsehen sicherlich nicht ganz unschuldig: Wer als Kind „Drei Damen vom Grill“ und später die Bilder von Bundeskanzler Schröder im Brioni-Anzug am Berliner Wurststand gesehen hat, kann ja nur denken, dass die Deutschen sich ausschließlich von Bratwürsten und Pommes rot-weiß ernähren.

Ein Vorurteil, das durch Herbert Grönemeyer, bis heute ein Botschafter deutscher Populärkultur, zusätzlich Futter erhielt. 1982 singt er herrlich schnoddrig über den Seelentröster aus der Pappschale: „Kommste vonne Schicht, wat schönret gibt et nich als wie Currywurst.“

In Luxemburg war die Imbisskultur lange Zeit unterentwickelt. Man witzelte über den Belgier und seine geliebte Friterie, rümpfte die Nase angesichts einer holländischen Frikandel, und draußen im Stehen zu essen, hatte fast schon etwas Lasterhaftes.

Von der Frittenbude zum Foodtruck

Doch die Welle der Foodtrucks rief auch Matthias Paul und Sebastian Licht auf den Plan. Sie stellten fest: In Luxemburg gibt es keine anständige Currywurst. Eine Marktlücke also. Die beiden Frankfurter hatten schon lange den Wunsch, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Matthias Paul hatte seine Ausbildung zum Mechaniker bei Porsche in Luxemburg absolvierte, war anschließend zum Ingenieursstudium in die Heimat zurückgekehrt.

Er und sein Jugendkumpel Sebastian, der als Abteilungsleiter in einem Stahl- und Metallbaubetrieb arbeitete, waren leidenschaftliche Hobbyköche. Wenn es darum ging, große Partygesellschaften zu beköstigen, lief das Duo zur Hochform auf. Alle wollen essen und zwar möglichst gleichzeitig: eine Situation, mit der die beiden Unternehmensgründer nun jeden Mittag umgehen müssen, wenn sich die Kunden vor der „Extrawurscht“-Theke in Mersch drängeln.

Die Currywurst muss schwimmen: Die Merscher Version verschwindet gleich unter mehreren kalorienhaltigen Schichten. Das Currypulver gibt es von pikant bis höllenscharf.
Die Currywurst muss schwimmen: Die Merscher Version verschwindet gleich unter mehreren kalorienhaltigen Schichten. Das Currypulver gibt es von pikant bis höllenscharf.
Foto:Gerry Huberty

Am Rande des Shopping Center Topaze haben die Quereinsteiger vergangenen Sommer ihre Imbissbude aufgebaut. „Es war gar nicht so einfach einen Standort zu finden“, erinnert sich Sebastian Licht. Die Idee eines umgebauten Lieferwagens, der immer mal woanders Halt macht, hatten sie schnell wieder aufgegeben. Die kommunalen Reglements erlaubten es nämlich damals noch nicht, einfach am Straßenrand zu verkaufen. Als Foodtrucker war man entweder auf das Wohlwollen der Parkplatzbesitzer angewiesen, die einem erlaubten, ihr Grundstück kostenlos zu nutzen, oder man musste Standmiete zahlen. In Gemeinden wie Luxemburg und Esch ist dies zwar mittlerweile anders, dort dürfen die Foodtrucks in festgelegten Straßen stehen.

Matthias Paul und Sebastian Licht haben dennoch nicht das Gefühl, den Zug verpasst zu haben. Im Gegenteil, sie profitieren vom Hype rund um die rollenden Küchen, denn das Szene-Publikum ist immer auf der Suche nach neuen kulinarischen Entdeckungen.

Scharf, schärfer, am schärfsten

„Die klassische Curry-Wurst macht bei uns nur zehn Prozent des Umsatzes aus“, erklärt Matthias Paul. Bekannt ist „Extrawurscht“ wegen der verschiedenen Styles, so nennen sie die unterschiedlichen Zubereitungsarten. Die Geschmackskombinationen sind durchaus gewagt: Bärlauch, Mozarella und Senfdillsoße gesellen sich zum hausgemachten Curryketchup. Die Gewürzmischung hierfür haben die beiden Imbiss-Chefs selbst ausgeklügelt. Obendrauf kommt, je nach Wunsch, noch eine Extraportion Chilipulver.

Sebastian Licht und Matthias Paul wollen den Kult um die Curry-Wurst in Luxemburg etablieren. In ihrer Heimat Deutschland werden jährlich 800 Millionen Currywürste verzehrt.
Sebastian Licht und Matthias Paul wollen den Kult um die Curry-Wurst in Luxemburg etablieren. In ihrer Heimat Deutschland werden jährlich 800 Millionen Currywürste verzehrt.
Foto:Gerry Huberty

Dabei kann der Kunde zwischen neun verschiedenen Schärfegraden auswählen. Bis ans Ende der Skala trauen sich wahrlich nur die Hartgesottenen: mit zwei Millionen Scoville – mit dieser Einheit wird der Schärfegrad von Paprikafrüchten gemessen – treibt die Carolina Reaper dem Currywurst-Fan die Tränen in die Augen. Und bringt ihn an seine körperlichen Grenzen. Tatsächlich reizt das in der Chilischote enthaltene Capsaicin die Schmerzrezeptoren in der Schleimhaut. In sehr hoher Dosierung kann es sogar zu Ohnmacht führen.

Wenn es auf der Zunge zu sehr brennt, sollte man eine fetthaltige Emulsion wie Milch oder Joghurt trinken. Wasser wirkt dagegen nicht lindernd, sondern sogar schmerzverstärkend. Nun fragt man sich natürlich, wo der Genuss bleibt, wenn das Höllenfeuer im Mund lodert? Was schmeckt man denn da überhaupt noch?

„Nicht jeder reagiert auf die gleiche Weise“, erläutert Matthias Paul. „Geübte Scharfesser schmecken sogar die unterschiedliche Süße der verschiedenen Sorten heraus.“ Manche soll das Capsaicin sogar in einen rauschähnlichen Zustand versetzen, der sogenannte Pepper-High, ausgelöst durch einen vermehrten Ausstoß von Endorphinen.

An die Carolina Reaper haben sich bisher rund 50 Kunden getraut, zehn davon haben es tatsächlich geschafft, eine ganze Curry-Wurst mit dem Teufelspulver zu verspeisen. Wer harte Kerle weinen sehen möchte, der sollte also nach Mersch fahren.

  • Dies ist die gekürzte Fassung der Reportage "Seelenfutter mit Schmackes". Die ungekürzte Version finden Sie im Télécran 3/2016 (16. - 22. Januar).
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