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Kommt ein Defibrillator geflogen ...
Panorama 4 Min. 24.11.2016 Aus unserem online-Archiv
Drohne bringt schnelle Hilfe

Kommt ein Defibrillator geflogen ...

Die deutsche Assistenzprofessorin Angela Schoellig (M.) führt, zusammen mit Timothy Chan (l.) und Doktorand Justin Boutilier, einen Drohnentest auf dem Universitätscampus durch.
Drohne bringt schnelle Hilfe

Kommt ein Defibrillator geflogen ...

Die deutsche Assistenzprofessorin Angela Schoellig (M.) führt, zusammen mit Timothy Chan (l.) und Doktorand Justin Boutilier, einen Drohnentest auf dem Universitätscampus durch.
FOTO: LIZ DO/UNIVERSITY OF TORONTO
Panorama 4 Min. 24.11.2016 Aus unserem online-Archiv
Drohne bringt schnelle Hilfe

Kommt ein Defibrillator geflogen ...

Manon KRAMP
Manon KRAMP
In Kanada wird in Pilotprojekten der Einsatz der Fluggeräte in medizinischen Notfällen getestet. Drohnen sollen im Notfall schnelle Hilfe bei Herzstillstand bringen

VON GERD BRAUNE (OTTAWA)

Bei plötzlichem Herzstillstand ist rasche medizinische Hilfe überlebensnotwendig. In Kanada wird nun in Pilotprojekten getestet, ob mit Drohnen der lebensrettende Defibrillator schneller zu Patienten gebracht werden könnte.

Brian Leahey ist als stellvertretender Leiter des Rettungsdienstes des Landkreises Renfrew für ein großes Gebiet zuständig. Renfrew County mit mehr als 7 600 Quadratkilometern Fläche liegt am Ottawa-Fluss westlich der kanadischen Hauptstadt Ottawa und reicht bis zu dem auch bei Touristen aus Europa beliebten Algonquin-Park. „Eine unserer größten Herausforderungen ist es, in Notfällen den Betroffenen möglichst schnell Hilfe zu bringen“, sagt Leahey. „Jede Minute zählt.“

Aber das ist nicht leicht in dem großen County mit seinen 17 verstreut liegenden Gemeinden. Nun wird in Renfrew County der Einsatz von Drohnen in einem Pilotprojekt getestet. Die Tests sollen zeigen, ob Drohnen Defibrillatoren schneller zu Patienten bringen können als Rettungsfahrzeuge des Sanitätsdienstes. „Wir sehen hier eine sehr gute Möglichkeit, durch Drohnen rascher helfen zu können“, sagt Leahey im Gespräch mit dieser Zeitung. Denn bei einem plötzlichen Herzstillstand ist schnelle Hilfe besonders wichtig.

Mit jeder Minute, in der der lebensrettende Elektroschock zur Herzanimation nicht gegeben werden kann, sinke die Überlebenschance um etwa zehn Prozent, berichtet die kanadische „Herz- und Schlaganfallstiftung“. Die Defibrillatoren, auch „Schockgeber“ genannt, sollen, zusammen mit der klassischen Herz-Lungen-Wiederbelebung, bei einem Herzstillstand durch gezielte Stromstöße das Herz wieder in Gang setzen. Noch ist das Projekt im Versuchsstadium, und es müssen vor dem Einsatz noch etliche technische Hürden genommen und Genehmigungsverfahren durchlaufen werden, weil die Drohne außerhalb der Sichtweite des Piloten fliegt.

Abgelegene Gegenden erreichen

Getestet werden soll der Drohneneinsatz in zwei Szenarien: Rettungsfahrzeuge erreichen in einer Notfallsituation ein unwegsames Terrain, in das sie nicht hineinfahren können. Vom Fahrzeug aus wird dann die Drohne eingesetzt, die den Defibrillator schneller zu dem Patienten bringen kann als Sanitäter zu Fuß oder mit einem geländegängigen Fahrzeug – möglicherweise irgendwo auf einem Wanderweg in einem abgelegenen Naturpark oder auf einem Campingplatz.

Oder die Drohne wird vom Hauptquartier des Rettungsdienstes in der Stadt Pembroke aus gesteuert. „Sie fliegt dann eine große Distanz außerhalb unserer Sichtweite. Wir können die Drohne nicht mehr sehen, sondern verfolgen und steuern sie über einen Computer“, erläutert Leahey. Durch den Notruf haben die Einsatzkräfte die genaue Position erfasst, wohin das Gerät fliegen soll.

Am „Centre for Aerial Robotics Research and Education“ der Universität von Toronto beschäftigt sich die Assistenzprofessorin Angela Schoellig mit dem möglichen Einsatz von Drohnen in medizinischen Notsituationen. Angela Schoellig, die an der Universität Stuttgart Ingenieurwesen studierte, forscht seit Januar 2013 in Toronto.

Zusammen mit ihren Kollegen Professor Timothy Chan und Doktorand Justin Boutilier hat sie Daten über Notfälle in der Millionenstadt Toronto aus den vergangenen neun Jahren analysiert. Daraus können sie nun ableiten, wie viele Drohnen in Toronto stationiert werden müssten, um ein flächendeckendes Netzwerk zu haben, und wie viel Zeit gegenüber dem klassischen Einsatz mit Rettungsfahrzeugen gewonnen werden kann.

Überlebenschancen steigen

„Wir können zeigen, dass wir mit einer relativ geringen Zahl von Drohnen, etwa zwölf Geräten, in allen Fällen schneller Hilfe bringen können, im Durchschnitt zwei Minuten schneller, was die Überlebenschancen um etwa zwanzig Prozent erhöht“, sagt Angela Schoellig. In Hauptverkehrszeiten könnte der Defibrillator schneller am Notfallort sein als das Ambulanzfahrzeug, das im Verkehr stecken bleiben könnte. „In ländlichen Gebieten sind gewaltige Verbesserungen zu erzielen. Wir können dort zehn bis zwanzig Minuten gewinnen“, ist sie überzeugt.

Zwar stehen in Sportzentren, Eishockeyarenen, Einkaufszentren und anderen öffentlichen Einrichtungen oft Defibrillatoren für den Notfall zur Verfügung, die meisten Herzstillstände aber ereignen sich zu Hause, oft weit entfernt von „Schockgebern“. Die Überlebensrate nach einem Herzstillstand ist in diesen Fällen gering. Es dauert länger, bis Hilfe eintrifft, sagt Timothy Chan.

Noch viel Vorbereitung nötig

Das Forscherteam der Universität arbeitet mit Medizinern vom St. Michael's Hospital in Toronto und dem Krankenhaus in Kingston zusammen, um „die futuristische Idee in eine lebensrettende Realität“ zu transformieren, wie die Universität erklärt. Ein Video von einer Drohne, die einen Defibrillator transportiert und von der Delft-Universität in den Niederlanden entworfen wurde, bekräftigte die Kanadier bei ihren Arbeiten, die Technologie weiter auszubauen.

Noch sind einige technische Herausforderungen zu bewältigen. „Wir müssen die Verlässlichkeit dieser neuen Technologie beweisen. Wie können wir die sichere Landung der Drohnen garantieren? Finden sie einen Landeplatz, wenn die vorgesehene Stelle ungeeignet ist? Kann der Defibrillator eventuell aus der Luft abgeseilt werden? Wie ist es, wenn sich der Notfall in einem Hochhaus ereignet? Kann die Drohne einen Kontakt mit einem Notarzt herstellen, der dann medizinisch nicht geschulte Menschen anweisen kann, den Defibrillator bei einem Patienten schnell und richtig einzusetzen?“, sind einige der Fragen, die Angela Schoellig sich stellt.

Sie ist davon überzeugt, dass Drohnen in diesem Bereich eine Zukunft haben: „Es ist keine Frage, dass früher oder später Drohnen eine wichtige Rolle in der Nothilfe spielen werden.“


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